Papier streicheln

Keine Angst, es geht hier nicht um den ewigen Streit zwischen Elektronik und dem Mief alter Klöster. Sondern einfach um Lust und Freude an einem Material, das bereits um 140 v. Chr. in China erfunden wurde. Jedenfalls erzählen das die ältesten noch erhaltenen Funde - es könnte wahrscheinlich noch mehr geben, wenn Papier sich denn besser konservieren würde. Hergestellt wurde dieses Papier nicht etwa aus Holz, sondern aus Seidenabfällen; alte Lumpen, Hanffasern und sogar gebrauchte Fischernetze fanden außerdem in die Mischung, die schließlich wie unser Bütten gesiebt und getrocknet wurde. Es fühlte sich wohl auch ähnlich an: Seidig, aber auch uneben, mit kleinen Einschlüssen, die in der Masse jedoch verschwinden. Jeder Aquarellmaler kennt die Eigenschaften dieses "Urpapiers": Es ist schmiegsam und weich, wenn es feucht wird, lässt sich aber trocken schwer reißen.

Es hat ein Jahr gedauert, das Produkt zu finden und zu testen: Endlich fühlt sich mein Papier nach Lackierung wie Papier an!


Papier gelangte über die islamische Welt sehr spät nach Europa. Im Bagdad der Zeit um 800-900 n. Chr. wurden Papiergeschäfte von Lehrern und Schriftstellern betrieben, sie waren Zentren der Wissenschaft und Kultur. In Asien, Indien und der arabischen Welt schrieb man auf Papier. Anfangs wurde es aus Flachs und Hanf hergestellt, später erfanden die Araber die Oberflächenleimung. Dabei wurden die sogenannten Hadern - die Lumpen - in Kalkwasser behandelt. Die getrocknete Pulpe rieb man mit Stärke glatt und tauchte schließlich das so erhaltene Büttenpapier in Reiswasser. Das schloss sehr fein die Poren - dieses Papier muss seidenweich gewesen sein. Und so war es auch in Europa zunächst das Hadernpapier, das vom damals islamischen Spanien aus seit dem 11. Jhdt. verkauft wurde. Noch heute misst man Papierbogeneinheiten in "Ries", das vom arabischen "rizmah" kommt. Und noch heute wird Büttenpapier aus jenem Faserbrei hergestellt, in dem Stoffe und Zellstoff gemischt werden, abgesiebt und getrocknet. Noch heute ist gutes Büttenpapier holzfrei.

Warum ich diese Geschichte so ausführlich erzähle? Viele, die Papier lieben und beim Buch so vehement verteidigen, wissen oft gar nicht um die unterschiedliche Herkunft ihres Lieblingsstoffes, der manchmal wirklich textiler Stoff ist. Ähnlich unterschiedlich fühlen sich Papiere auch an! Wer heute herablassend von "Totholz" redet, hat nicht viel Ahnung von Papieren. Erst um 1700, als der Papierbedarf in Europa stieg und Lumpen knapp wurden, suchte man nach einem Ersatz für die Fasern. Der französische Physiker René-Antoine Ferchault de Réaumur hatte damals amerikanische Wespen beobachtet und sinnierte darüber, dass man es ihnen doch gleichtun müsste, indem man ein derart feines Papier aus Holz herstellen könnte. Das blieb jedoch zunächst ein Traum - die Wissenschaftler wussten nicht, wie genau die Wespen das anstellen. Aus lauter Not am Papier erfand man 1774 sogar das Recycling von Altpapier! Erst Mitte des 19. Jhdts. konnte man Papier aus Holzschliff industriell herstellen. In alten Büchern können wir manchmal noch feinste Holzsplitter in der Masse erkennen.

Aber wie die Nester von Wespen wird dieses Papier mit der Zeit brüchig und es vergilbt sehr schnell. Wenn ich ein solches Papier mit schwitzenden Fingern anfasse, an denen ich vorher Leim hatte, bildet sich sofort ein deutlicher brauner Fingerabdruck. Im Atelier spielt es darum eine immense Rolle, um die Zusammensetzung und das Alter eines Papiers zu wissen - jedes verarbeitet sich etwas anders und immer spielen sich da chemische Prozesse ab. Selbst Buchpapier besteht keinesfalls einfach aus "Totholz". Aus den chemisch aufgespaltenen Zellulosefasern entsteht Zellstoff, der mit Wasser zu einem Brei gemixt wird. Damit daraus Papier wird, wird allerhand zugesetzt: Leimungen und Imprägnierungen sorgen für den Fasernzusammenhalt im Innern und die Oberflächenbehandlung, Füllstoffe geben dem Papier die spezielle Haptik, aber auch ihren Weißgrad - und dann gibt es noch allerlei chemische Hilfsstoffe. Moderne Papierherstellung ist also neben dem mechanischen vor allem ein chemischer Prozess. Und deshalb ist es auch angewandte Chemie, wenn ein kleines Kind mit harmlosem Weißleim Papier zusammenklebt oder ein größeres Papier lackiert.

Mir geht es nicht anders, nur dass ich an meine Chemikalien hohe Ansprüche stelle: Sie sollen möglichst umweltverträglich, lösungsmittelfrei und unschädlich sein. Viele nehmen es da nicht so genau wie ich. Mir kommt auch kein billiger Baumarktlack an den Schmuck, weil Schmuck nicht von einem Haus, sondern einem Menschen getragen wird: Die Mittel müssen für Schmuck erprobt sein. Habe ich alles schon mehrfach erzählt und es soll auch nur die Vorrede sein, um zu erklären, warum meine neue Entdeckung so lang gedauert hat.

Die begeistert mich nämlich jetzt derart, dass ich hüpfen möchte! Wenn ich bisher meine Perlen mit einem sehr teuren Spezial-Schmucklack versiegelt habe, so hob dieser wunderschön die Farben, brachte sie zum Leuchten. Aber vom Fühlen her wirkt das leicht "plastifiziert" - man fühlt eben den Lack und nicht mehr das Papier. Von etwas anderem konnte ich nur träumen: Papierschmuck (außer Papiergarn) muss gegen Feuchtigkeit versiegelt werden - und zwar so, dass der Lack auch Schweiß aushält. Gab es Alternativen?

Papierperlen lassen sich auch mit Kunstharzen behandeln, das ist im Prinzip der Papierherstellung selbst abgeschaut. Das ist technisch nicht ganz einfach, weil man mit Zwei-Komponenten-Mischungen umgehen können muss. Ein-Komponenten-Mischungen sind nicht so leistungsstark. Der Nachteil von beiden: Obwohl die Perlen jetzt wunderschön wie Glas oder Kunststoff wirken, sehen sie nicht mehr wirklich wie Papier aus. Sie fühlen sich auch nicht mehr so an, sondern eben wie Kunstharz. Und für die Perlenkünstlerin ist das Atmen bei der Verarbeitung auch nicht allzu gesund. Ich habe vieles getestet, auch bei den Mattlacken. Ein vielgepriesenes Produkt aus der Schmuckbranche konnte ich allein wegen des Geruchs überhaupt nicht ab - und es trocknete ewig. Bei einem anderen bekam ich trockene Schleimhäute. Alles nichts, es musste lösungsmittel- und säurefrei sein.

Ich bin dann durch Zufall über den richtigen Lack gefallen (und nein, ich verrate solche Ingredienzien nicht, denn sie machen eins meiner Alleinstellungsmerkmale gegenüber der Billigstproduktion aus manchen Ländern aus). Er vermalt sich absolut geruchsfrei und unschädlich, trocknet hauchdünn und unwahrscheinlich schön matt, ebenso ungiftig. Was dann geschieht, hielt ich nicht für möglich: Papier fühlt sich wie Papier an! Es sieht derart "original" aus, streichelt sich derart seidenweich, dass ich mir bei einem Stück nicht sicher war, ob ich es überhaupt schon lackiert hatte. Natürlich ist das eine Täuschung im Gehirn, denn der Finger streichelt auch hier nicht das Papier selbst. Aber die Täuschung ist perfekt. Damit eröffnen sich mir völlig neue Möglichkeiten vor allem bei großflächigen Kettenanhängern wie im oberen Bild. Hier ist das Buchpapier aus den 1920ern matt, das Farbelement (aus Rost) glänzend lackiert. Und natürlich wird der Glanzlack weiter für viele strahlende Perlen genau der richtige sein.

Handgeschöpftes Kozo-Papier, selbst mit Künstleraquarellfarben bemalt - würde ich es schaffen, daraus Perlen zu formen, die dessen durchscheinende Leichtigkeit und die seidene Haptik bewahren könnten? Es ist mir gelungen - und damit ist Papierperle nicht mehr nur herkömmliche Papierperle. Es gibt da eine Luxusklasse, die möglich ist!
Da liegen in meinem Regal diese wunderschönen Kozo-Papiere, die ich in Deutschland gefunden habe. Sie werden heute noch wie Bütten von Hand geschöpft und traditionell in Japan, aber auch in Südostasien aus der inneren Rinde des Papiermaulbeerbaums hergestellt. Diese wertvollen Papiere leben von ihrer besonderen Haptik, der wunderbaren Mattigkeit der Fasern, die sich eher textil anfühlen denn wie Papier, die von Gegensätzen aus hauchdünner Gaze und sichtbaren Pflanzenfasern oder Prägungen leben. Es ist sehr schwer, sie zu verarbeiten, weil sie im nassen Zustand extrem leicht reißen oder so die Finger umschmiegen, dass sie sich kaum lösen lassen. Aber die Geduld hat sich gelohnt! Natürlich sehen sie nicht aus wie aus rohem Papier, aber sie haben ihren Charakter bewahrt. Und sie sind ein haptisches Erlebnis.

Genauso wie kein Buch dem anderen ähnelt, ist Papierperle nicht gleich Papierperle. Vom mit Tapetenleim bekleisterten alten Prospekt über die Buchperle mit geprüften Schmuckzutaten ist es schon ein Weg. Was ich jetzt im Kopf habe, ist zwar kein Upcycling mehr, aber künstlerisch eröffnen sich völlig neue Welten. Und selbst die herkömmliche Buchperle darf nun entweder glänzen und strahlen oder absolut roh wirken, unbehandelt. Es ist wahr, was man sich erzählt: Nur Übung macht den Meister, die Meisterin - und Geduld und harte Arbeit führen mit der Zeit immer wieder zu überraschenden Ergebnissen.

Eine andere Spezialität von mir: Schmuck aus Papiergarn, das von sich aus widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit und farbecht ist. Es wird darum nicht lackiert und behält seine originale Haptik.
Meine Shops und meine Website gibt es ganz oben im Menu!

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