Können Hunde Wetter riechen?

Bei unserer täglichen Wanderung heute hatte Bilbo plötzlich keine Lust mehr zu laufen. Er setzte sich gemütlich auf einen Ausguck und hielt die Nase in den Wind. Schnuppern ist für einen Hund ja völlig normal. Aber hier war etwas im Gange, dass ich in all meiner Zeit mit Hunden so intensiv noch nicht beobachtet hatte. Der Ort war perfekt gewählt von ihm: Wir saßen auf der Höhe, schräg hinter uns die Berghänge der Vogesen, schräg vor uns der Schwarzwald. Nicht nur ein Blick über zwei Länder hinweg, sondern auch auf Wetterfronten, die sich schnell von zwei Seiten näherten. Und da passierte es ...



Bilbo, eine Mischung aus Beagle und Irgendwas (ich vermute Entlebucher oder Bracke), ist der Typ Hund, der sehr visuell arbeitet und den Horizont absucht. Ihn interessieren Vögel und alles, was vom Himmel ins Wasser fällt - das holt er hoch, perfekt tauchend. Ganz Jagdhund, der meiner Vermutung nach besonders auf geflügeltes Wild steht.

Und so suchte er von seinem Ausguck sehr intensiv den gesamten Horizont rundherum ab und blickte sich den Himmel derart konzentriert an, dass man hätte meinen können, er genieße Wolkenformationen. Am liebsten zeigte die Nase gegen den Wind - so kamen die Gerüche aus dem Wald bis zu uns. Alles normal. Doch Bilbo schien sich plötzlich für zwei besondere Richtungen zu interessieren - und aus denen kam das Wetter. Tat er das, weil Feuchtigkeit die Gerüche verstärkt? Unterschied er tatsächlich die wenigen Fetzen blauen Himmels und dunkelgraue Wolken? Er wurde immer aufmerksamer und verglich regelrecht die beiden Richtungen, obwohl aus einer kein Wind in seine Richtung wehte. Entschied sich dann für die eine, die sich optisch nicht besonders abhob. Aber auch ich konnte es als Menschin erkennen, an den Streifen zwischen Himmel und Erde: Ganz weit dahinten regnete es gerade. Die Gegenwindrichtung, sonst sein Faible, ließ ihn jetzt kalt. Und als es auf der gegenüberliegenden Seite anfing zu regnen und auf der anderen Seite aufhörte, drehte er sich zur Regenseite.

Man muss dazu sagen, dass wir in der Sonne saßen und die Entfernung des Regens mindestens 10-15 km betrug. Nur wer diese typischen Luftstreifen am Berg kennt, sah das. Und Bilbo beschloss, mich vom Regen weg zu führen. Ich verlasse mich in solchen Sachen gern auf meinen Hund. Die Wetterfronten kamen schnell näher, es wurde gewittrig. Und das brachte mich auf meine verrückte Frage: Können Hunde Ionen riechen?

Wer sich mit der Entstehung von Gewittern beschäftigt, der weiß, dass hier rein positiv oder negativ geladene Teilchen in der Luft schweben - die Ionen. Die positiv geladenen steigen schließlich nach oben, die negativ geladenen sinken herab - ein Blitz ist sozusagen der Ausgleich zwischen all den unterschiedlichen Ladungsbereichen. Und in der extrem feuchten Luft gibt es natürlich jede Menge Wassertröpfchen, die sich an der Luft reiben ... und Aerosole. Wir Menschen riechen bei starken Regenfällen oder Gewitter auch etwas in der Luft: Das eine ist der Ozongehalt, was ein wenig an Hallenbad erinnert. Und feinere Nasen riechen dann etwas, das wir als "Duft nasser Erde" beschreiben, Regenduft.

Da sind wir wieder bei den Aerosolen in der Luft, die in Sachen Bilbo eine wichtige Rolle spielen werden. Wissenschaftler des MIT haben den Regenduft untersucht, wissenschaftlich heißt er Petrichor. Laienhaft gesagt: Schwebstoffe werden in einem Gas gelöst - und die riechen wir dann besonders gut. Aber kann mein Hund schon lange vor einem Regenguss die Elektrizität der Luft riechen und orten?

Schaut man sich den Riechprozess beim Hund genauer an, sind wir ganz schnell bei den eben erwähnten Aerosolen und den Ionen. In Hundenasen gibt es spezielle Proteine zum "Andocken". Auf die setzen sich Aerosole und Aroma-Moleküle. Dadurch werden Ionen frei, die ein elektrisch geladenes Feld durch die Nasenzellen sausen lassen. Der Hund nimmt also nicht nur chemische, sondern auch elektrische Zustände wahr. Wissenschaftler von der Seoul National University haben daran geforscht und eine künstliche "Nase" kreiert, die auf den hundeherrlichen Gestank der Verrottung reagiert. Eines kann die Nachahmernase jedoch nicht, wie sie sagen: Elektrische Felder riechen, wie das der Hund in seinem Hirn machen würde! Nebenbei ein Vergleich: Ein Hund hat etwa 300 Millionen olfaktorische Rezeptoren, der Mensch nur müde 6 Millionen. Sie können sogar zusätzlich schmeckriechen.

Meine Frage war also gar nicht so verrückt. Hunde können offenbar Ionenladungen und Elektrizität mit der Nase wahrnehmen, glaubt man den koreanischen Wissenschaftlern!

Und da kommen wir zu den Wissenschaftlern am National Institute of Standards and Technology in den USA (NIST), die ebenfalls an einer künstlichen Nase forschen, die z.B. an Flughäfen und zur Drogenkontrolle einsetzbar wäre. Forscher Matthew Staymates zeigt im Video, wie spannend vor allem die Riechtechnik des Hundes ist, die man nachgeahmten Geruchsdetektoren einbauen möchte. Hunde sind also regelrechte Staubsauger für aromatische Moleküle, aber sie riechen noch mehr durch ihre Technik: gleichzeitig auszuatmen, zu hecheln.

Wenn sich Bilbo wieder einmal auf dem Berg einfach hinsetzt, weil er Lust hat, Wetter zu erschnüffeln, ist ihm eine noch ungleich größere Hochachtung gewiss, als ich sie bisher schon hatte. Dieser Vierbeiner kann so viel mehr als ich! Und jetzt weiß ich auch von der wissenschaftlichen Seite her, wie wichtig echte Schnüffeltouren sind, wo sich der Hund nach Herzenslust mit neuem und vielleicht auch unbekanntem Stink und Duft auseinandersetzen darf, ohne dass er gedrängelt wird. Nichts ist wichtiger für die Entwicklung bei Hundwelpen - und Hundenasen lernen ständig neu hinzu! Bilbo und ich werden in Zukunft noch mehr Mitleid mit seinen Artgenossen haben, die von herrischen Zweibeinern von den schmackhaftesten Gerüchen viel zu schnell weggezerrt werden. Denn auch das habe ich gelernt: Ein Hund hat zwei Riechsysteme - das reine Riechen und das Schmeckriechen, bei dem Aromata über die Zunge transportiert werden. Und er beherrscht beides gleichzeitig.

Wer jetzt auf den Geruch gekommen ist, dem empfehle ich diesen Artikel in der New York Times über Dr. Alexandra Horowitz, ihren Hund und das Riechen, ich bin jetzt schon neugierig auf ihr Buch "Being a Dog: Following the Dog into a World of Smell".

Recherche macht Arbeit - ich freue mich natürlich über kleine Spenden in der Kaffeekasse. In diesem Fall wird der Kaffee durch stinkende, pardon, duftende Hundeleckerchen für Bilbo ersetzt!

Lust auf mehr Artikel dieser Art? Unter der Kategorie "Schönheit" - "Staunen" (unteres Quermenu) ließe sich noch einiges aus der Natur erzählen. Ich freu mich über entsprechendes Feedback in den Kommentaren!

Kommentare:

  1. Spannend, was Bilbo da an ionenreicher Luft und elektrischen Spannungen erschnüffelt hat, liebe Petra: Diese Wolkenmassen kamen später zu uns rüber, immer mal wieder Sonne, dann tintenblauer, gewittriger Hintergrund, dunkelgraue fächerartige Regenschauer in der Ferne, dann wieder Wolkentheater und sonnige Löcher auf ganzer Linie. Ich konnte es nur sehen und einen Schauer dabei fühlen. Und die richtigen Schauer sollen ja est kommen.

    Herzlichst
    Christa

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    1. Hast du schön beschrieben, liebe Christa!
      Leider blieb der von Bilbo erschnüffelte Regen zumindest in unserem Dorf aus, gestern kam endlich mal spürbar Wasser vom Himmel, jetzt soll es wärmer und schön werden. Gegen die Dürre und die Schäden in Landwirtschaft und Wald bräuchten wir eine Woche Dauerregen ...
      Herzlichst,
      Petra

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  2. Falls du dieses Buch meinst, liebe Petra, das gibt es schon länger auch in Deutsch: "Was denkt der Hund? Wie er die Welt wahr nimmt."

    Grüße von mir und Labrador Shira - die zwar jede Pfütze, aber gar keinen Regen mag.

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  3. Liebe Elli,
    ich müsste mal die Leseproben vergleichen, aber der Titel, den du nennst, scheint eher ihr Buch "Inside of a Dog: What Dogs See, Smell, and Know" zu sein. Es gibt auf Deutsch noch "Von der Kunst, die Welt mit anderen Augen zu sehen: Elf Spaziergänge und das Vergnügen der Aufmerksamkeit."
    Was ich oben erwähne, ist meines Wissens noch nicht übersetzt worden, da geht es wirklich nur um den Geruchssinn. Es erschien im Oktober 2016 bei Simon & Schuster. Aber merci für den Tipp!
    Und liebe Grüße an euch von Lakritznase Bilbo, der Regen auch nicht so berauschend findet

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    1. Das stimmt, Petra. Das hab ich verwechselt.
      Das Buch mit den 11 Spaziergängen fand ich ebenfalls faszinierend. Es erinnert mich ein wenig an eine meiner Achtsamkeitsübungen, wo ich jeden Tag einen anderen Sinn bewusst wahrgekommen habe. Mal hab ich mich aufs Hören konzentriert, mal aufs Riechen. Das eröffnet ganz neue Perspektiven - und spart teure Fernreisen ;-)

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  4. Spannend, liebe Elli!
    Ich hab das gemacht, bevor ich mein Elsassbuch schrieb. Da sollte ich den Text ja "mit allen Sinnen" erfahrbar machen. Mir fiel dann auf, dass wir fürs Riechen eigentlich die unzulänglichste Sprache haben ...
    Heute lasse ich mich gern mal von Bilbo führen, der sich unseren Weg erschnüffelt und mir eine Menge von all dem erzählt, was nur noch zu riechen ist, aber schon verschwunden. Seitdem rieche ich selbst sehr viel mehr.

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