Licht am Horizont?

Der folgende Text wurde von mir bei Facebook als Notiz veröffentlicht. Damit er dort nicht untergeht, hebe ich ihn hier noch auf, auch für all diejenigen, die nicht bei FB sind. Eben wurde auch von jemandem eine Aktion gestartet: Ein Brief der Welt an Präsident Trump. Kaum zu glauben, wie da die Unterschriften hereinprasseln!

Street-Art-Installation des Künstlers JR in Baden-Baden

Mir geht es derzeit wie so vielen von euch: Mein Kopf registriert ungeheuerliche Dinge, die mein Gefühl in ihrer wahren Tragfähigkeit noch nicht akzeptieren möchte - ein gefährlicher Zustand, wenn er anhielte und kollektiv würde. Nämlich dann, wenn aus Sprachlosigkeit dauerhaftes Schweigen würde.

Was mich aber gerade heute aus der düsteren Stimmung herausreißt, sind Menschen, die diese Sprachlosigkeit überwinden und die Werte einer der berühmtesten Demokratien der Welt verteidigen gegen einen enthemmten Menschen, der sich politisches Dienen für einen Staat offenbar nicht vorstellen kann und der jedes Maß verloren zu haben scheint.

Ich sehe in der Düsternis trotz allem einen Lichtstreif am Horizont: Etwa wenn ganz normale Bürgerinnen und Bürger spontan an Flughäfen "This Land is your Land" singen und nach Anwälten für die Betroffenen rufen. Wenn Menschen eigens zum Protestieren zu den Flughäfen fahren. Wenn Taxifahrer ihre Arbeit auf dem Weg zum Flughafen niederlegen, um gegen den Irrsinn zu protestieren. Ich sehe einen Lichtstreif, wenn Richter, Senatoren und andere maßgebliche Leute den Sonntag darauf verwenden, im Sinne der Verfassung die Angegriffenen, Abgewiesenen, auf Listen der Ausgrenzung gesetzten Menschen lautstark verteidigen und unterstützen. Mir wird warm ums Herz, wenn ich beobachte, mit welchem Engagement und mit welcher Kreativität spontan Amerikaner über Twitter Proteste und ganz praktische Hilfen organisieren.

Ein Club von Millionären und Milliardären bestimmt zwar neuerdings offiziell die Politik der USA. Aber es sind Amerikaner, die einer irgendwo gestrandeten ausländischen Mitarbeiterin ein Spendenkonto einrichten, damit sie Geld fürs nächste Ticket hat und sich wenigstens irgendwo anders in Sicherheit bringen kann. Es sind einfache Amerikaner, die kleine Kinder schützen, wenn sie am Flughafen durch die Behörden von ihren Eltern getrennt werden, die Behinderten helfen. Und es sind ganz normale Amerikaner aller möglichen Religionen, Überzeugungen und Hautfarben, die Stellung beziehen: Eine Benachteiligung aufgrund der Religion darf es nicht geben! Es war Thomas Jefferson, der 1779 in seiner "Declaration of Religious Freedom" festlegte, dass in den USA niemand wegen seines Glaubens benachteiligt werden darf.

Und auch wenn Konzernchefs ihren Mund aufmachen, die selbst vielleicht nicht immer alles richtig machen - dann gibt mir das Hoffnung. Ausgerechnet Unternehmer, denen dieses "great"-Gequatsche angeblich zugute kommen soll, sind entsetzt, sehen sehr klar die Folgen für die Zukunft - und sie fangen an, den Mund aufzumachen. Ein Chef von Apple, Führungspersönlichkeiten aus dem Silicon Valley - sie haben Gewicht. Es ist gut, wenn sie protestieren, denn sie gehören zu der Gruppe, auf die der Präsident vielleicht am ehesten hören wird.

Es gehen nicht mehr nur Frauen auf die Straße, sondern auch die Wissenschaftler und andere Gruppen, von denen man nie glauben mochte, dass sie einmal angegriffen werden könnten. In Windeseile wird im Internet Wissen geschützt, werden Daten in Sicherheit gebracht, aus Angst vor Schlimmerem. Und wenn es auch nur sehr vereinzelte Stimmen sind, man stolpert in Social Media durchaus über Menschen, die sich bekennen: Ja, ich bin Republikaner und ich habe ihn gewählt. Aber jetzt bin ich entsetzt und bereue das zutiefst und will mich für Freiheit engagieren.

Auch hier in Europa hört man ein leises Wispern für die Demokratie und die freiheitlichen Werte ... plötzlich wird wiederentdeckt, was man in kaum vorstellbar harter Arbeit und Diplomatie an Europa doch Gutes geschaffen hat. Man muss, um eine bessere Zukunft für die kommenden Generationen zu schaffen, nicht alle Errungenschaften niederreißen. Diese fatale Idee einer weltlichen Götterdämmerung ist in ihrem Kern faschistisch. Freie Systeme leben von laufenden Verbesserungen, Veränderungen, Reformen, Innovationen, von gesellschaftlicher Kreativität.

Ja, es sind böse Zeiten (und ich wage kaum, mir vorzustellen, dass sie noch böser werden könnten).

Aber wir haben auch eine Chance, die unsere Wahrnehmung schärfen sollte: Amerika mit seinem neuen Präsidenten ist im Moment die Blaupause für rückwärtsgewandtes Verhalten in einer Wendezeit, von der wir alle nur lernen können - in dem Sinne, es selbst besser zu machen. Wir haben genau diesen blindwütigen Populismus nämlich in Europa bei einigen sehr wichtigen Wahlen zu verhindern.

Nie zuvor hat der Mensch wahrscheinlich in Echtzeit erlebt, wie einfach und schnell selbst ein einzelner Mensch bei genügend Macht und / oder Vernetzung ein System an den Abgrund treiben kann. Kaum hatten wir verstanden, was in der Türkei passierte, überraschte uns die amerikanische Wahl. Wir erleben aber auch in Echtzeit, wie plözlich Bürgerinnen und Bürger aufwachen, anfangen, politisch zu denken; sich bewusst werden, dass die Zeit fürs Handeln gekommen ist. Ich denke, jede Frau und jeder Mann von denjenigen, die sich allein heute engagieren, würde auch lieber Katzenbildchen anschauen. Aber sie haben begriffen: Wenn sie nicht jetzt einstehen für ihre Werte und die Freiheit, dann wird es vielleicht einmal keine Muße mehr für Katzenbildchen geben.

Ja, ich sehe einen Silberstreif am Horizont und ich hoffe, dass es bald und schnell Licht werde, ohne Waffengewalt und Kriegsgefahr, ohne Bürgerkrieg und all den Wahnsinn, den sich Schriftsteller in dieser Realdystopie als Plot ausdenken könnten.

Mein Wunsch dabei wäre:
  • Geben wir den Vernünftigen und Kreativen, den Mutmachern und Denkern der Freiheit und Mitmenschlichkeit mehr Raum, mehr Stimme als dem Größenwahnsinn und der Gier.
  • Teilen wir auch einmal Bilder und Geschichten derer, die etwas besser machen. Die helfen und sich engagieren. Die erleben und zeigen, wie sich “unity in diversity” leben lässt - und die uns ein Beispiel geben können. Neben aller notwendigen Beobachtung und Analyse der schrecklichen und weniger schrecklichen Geschehnisse: Verlieren wir die Seite nicht aus den Augen, die anderes vorlebt.
  • Bleibt neugierig, sucht nach konstruktiven Lösungen, nach überraschenden und herausfordernden Gedanken! Spürt auf, was euch im positiven Sinn aus den Socken haut, schaut auf diejenigen, welche die Welt weiterbringen, welche die Gegenwart so gestalten wollen, dass da auch noch eine Zukunft ist. Wechselt eure Perspektiven, denkt euch in andere ein. Teilt inspirierende Stories, damit die Algorithmen nicht mehr nur noch aufs T-Wort reagieren und auf eine Weltsicht, die nur Niederreißen, Hass, Häme und Großmannssucht kennt. Wir alle gestalten Welt.
Anmerkung: Dieser Text ist ohne schlaues Lektorat schnell laut gedacht und zugegebenermaßen emotional - ich bitte logische Unsauberkeiten und Fehler zu entschuldigen. Unbeteiligt cool kann ich bei dem Thema nicht sein. Große Teile meiner Familie haben als Flüchtlinge eine neue Heimat in den USA gefunden gehabt und damit die Zeit des Dritten Reichs überlebt. Die Freiheitsstatue hat ihnen allen noch etwas bedeutet.

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