Buchmesse-Sensibelchen

Jedes Jahr das Gleiche vor der Buchmesse: Sensibelchen bekommt sein Sensibelfieberchen. Normalerweise gibt es dagegen das einzig wahre Heilmittel: Schreiben, bis das Fieber flüchtet. Dumm nur, dass ich diesmal zu früh mit all meinen Arbeiten fertig geworden bin und selbst die typischen Vorgestern-Termine längst eingehalten habe. So drehe ich Däumchen, in der Hoffnung, dass all die Kunden, denen es mit meiner Arbeit so eilte, auch ihre Rechnungen schnell bezahlen. Denn der Heizöltank ist so leer und sauber wie ein ausgeschlecktes Marmeladenglas, der Ölpreis steigt mit jedem Tag säumiger Zahler... kurzum, die Moral ist nicht die beste.

Statt Arbeitsdruck und Wärme also zig Artikel über den Untergang der eigenen Branche zur Lektüre, derweil man im Bekanntenkreis die Belege für die Theorie erlebt. Kollegen geht die Luft aus, Bücher verkaufen sich eben nicht wie Rohöl, irgendwo trudelt mir eine skurrile Absage ein, ein Kollege bekommt eine Absage von einem Verlag, bei dem er sich gar nicht beworben hat, einem anderen signalisiert ein Lektor, er sei noch nicht weiblich genug für diese Welt, müsse seinen inneren "-in"-Aspekt stärker entwickeln. Und Glamour bitte, Glamour. Wie bitte soll man da hoffnungsvoll auf die Buchmesse blicken?

Jedes Jahr sage ich mir, es sei idiotisch, sich diesen Nervenstress zu machen, auf diesen einzigen supergroßen Markttermin derart zu schielen. Und dann mache ich mir Vorhaltungen: Kein Verkauf bis nach der Buchmesse würde heißen, dass 2008 gelaufen wäre, so rein theoretisch. Selbst wenn man vorher etwas verkauft hat, aber da ist dieses magische Datum. Und dann wärst du wieder ein Jahr älter und du hast dir doch dieses Alterslimit gesetzt, dass du bis zur nächsten Null das und das geschafft haben musst... Und dann hast du das Banklimit und das Heizöltanklimit und wahrscheinlich will eh keiner deine Bücher lesen, was du bisher auf den Markt gekippt hast, ist genug, Limit, aus, Schluss. Schluss?

Wenn du wenigstens irgendeinen Trend bedienen würdest oder deine inneren weiblichen Aspekte entwickelt hättest. Aber nein, als Vorbild in der Kindheit hat es ja unbedingt Pippi Langstrumpf sein müssen und dann kamen all die Kerls, Robin Hood, Huckleberry Finn, Aschenbach (untermalt von Gustav Mahler, was sonst) ... Schwamm drüber, so wird das mit dir nie was. Und dann sieht man plötzlich allüberall kleine Atlasroben knistern und wallt wieder zurück in den Düsterwald. Da entdeckt einen garantiert keiner. Kurzum: Ich weiß nicht, wie es anderen AutorInnen geht, ich jedenfalls fange vor der Buchmesse regelmäßig an zu spinnen. Werde ungenießbar und denke mir lockende bürgerliche Berufe aus. Gestern war ich noch der Meinung, eventuell als Klofrau auf dem Place Kléber qualifiziert zu sein. Ist das ein urmenschliches Ritual, dem Schicksal Schlimmes bieten zu wollen, damit es sanft zurücklächelt?

Bleibt zu sagen, dass man sich nach so viel Selbstdemontage natürlich erfolgreich in die Schreibblockade treibt. Zum Glück ist jetzt der in dieser Zeit wichtigste Mensch in meinem Leben nicht blockiert: Während ich die Zeit mit unsinnigen Ausflüchten wie Treppenputzen, Bloggen oder Petersilie-Ziehen vergeude, rödelt mein Agent für mich. Was wären wir ohne unsere AgentInnen! Wir hätten sauber geputzte Fenster, abgenagte Fingernägel, den Suff im Gesicht - und kämen nie zu Potte. Also, reiß dich am Riemen, Madame. Da gehen pünktlich zur Buchmesse mehrere Projekte in die Welt, die allen Kassandrarufen trotzen. Ohne "-in" und Aber. Du könntest jetzt daran schreiben, damit dich nachher nicht der Abgabetermin überrollt... nur mit welchem fange ich an?

Was soll man machen... Sensibelchen hat sich drei Tage ihr Sensibelfieberchen genommen. Man nimmt sich das wie eine polnische depresja, wie slawische Musik. Runter, immer tiefer runter, bis zum Scheitelpunkt. In voller Vorfreude und Feier. Denn ein Scheitelpunkt hat's in sich, dass es am anderen Ende wieder hoch geht.

Mein "Runter" war in diesem Jahr ganz besonders pervers. Ich habe Tischdecken gewaschen. Und Tischdecken getrocknet. Und Tischdecken gelegt. Klar, dass ich bei dieser Arbeit zwischendurch in meinem Roman lesen musste. Schließlich ähneln sich Tischdecken irgendwie. Nach der dritten Tischdecke konnte ich nicht mehr anders - ich schrieb ganz aus Versehen weiter.

Jetzt ist mir alles egal, die Buchmesse, die Unsicherheit, das Warten, der nächste Winter, die Zukunft. Wenn ich nur nicht noch mehr Tischdecken waschen muss!!! Ich schreibe. Wenn es sein muss, am nackten Tisch. Und nächstes Jahr um die gleiche Zeit steigt das Fieber wahrscheinlich wieder?

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