14.04.2012

Frühlingssausen

14.04.2012
So langsam lande ich wieder. Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Menschen für meinen letzten Artikel interessieren würden. Er ist in meiner gesamten Bloglaufbahn (seit 2004 oder 2005?) der am meisten abgerufene und verbreitete mit knapp 4000 Einzellesern. Das ist nichts gegen die Auflagen der Zeitungen, für die ich schrieb, aber hier bin ich dichter am Publikum und man stopft nicht damit einfach nur nasse Schuhe aus. Die letzten Tage war ich deshalb überbeschäftigt mit Kommunikation in den Social Media, per Mail und am Telefon, bis mir der Kopf schwirrte. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal allen danken, die mit ihren Kommentaren die Diskussion derart bereichert haben und immer noch bereichern!

Das wilde Kommunizieren war auch gut so, denn der Austausch war überaus fruchtbar, viele Menschen wagten es, sich hinter den Kulissen ebenfalls zu öffnen und von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten. Dem kann ich entnehmen, dass ich kein Einzelfall bin. Und ich habe auch wahren Horror aus der Verlagsbranche zu hören bekommen, von allen Beteiligten: Autoren, Verlagsleuten, Buchhändlern. Seither frage ich mich noch stärker, wieso ausgerechnet unser Geschäft so durchgeknallt ist. Aber das fragt sich wahrscheinlich jeder in jeder Branche. Trotzdem - ich bin beeindruckt, wie nett und positiv und vor allem großzügig diese Kontakte sind. Eine Kultur des gegenseitigen Teilens und Tauschens.

Ich habe für mich selbst viel begriffen. Dass es Zeit ist, als Künstler endlich den Hintern hochzukriegen. Dass wir schon lange nicht mehr solche erreichbaren und bezahlbaren Möglichkeiten hatten, unsere Kunst in die Welt zu bringen. Und zum ersten Mal derart dicht am Publikum sind, dass es manchen den Atem rauben mag und andere beflügelt und inspiriert. Vor allem aber habe ich bemerkt, dass 400-Euro-Jobs nicht sein müssen.

Die Idee, sich für einen solchen zu verdingen, hatte mir nämlich fast gleichzeitig eine Freundin ans Herz gelegt, damit ich als Freischaffende doch endlich einmal eine monatliche Sicherheit hätte. Ich habe sie daraufhin gefragt, als was ich mich denn bewerben sollte? Alles, was ich in jungen Jahren gern gemacht habe, geht nicht mehr so einfach. Als Hilfsgärtnerin bin ich aufgrund meines Alters eine Versicherungsrisiko, als Bedienung komme ich aus dem gleichen Grund in den Krampfadernalarm und zur Bürokraft bin ich zu doof. Und wie bitte, soll ich bei der 400-Euro-Ausbeutung dann noch zwei Jobs unter die Haube kriegen, wann kreativ sein?

Das Rechnen für meinen Artikel hat mir ganz klar vor Augen geführt: Die Backlist eines Autors ist pures Geld wert. Da haben die Verlage über Jahre schlichtweg gepennt. Wenn ich schon mit einem einzigen Buch ein nettes Zubrot verdiene, wie sieht das dann erst mit allen Büchern aus!? Zumal ja ein Buch das andere nachzieht, das weiß man in diesem Geschäft. Ich arbeite mit Hochdruck an den Neuerscheinungen. Endlich Geld verdienen mit der Arbeit, die ich wirklich beherrsche und die ich vor allem am meisten liebe.

Und wenn die Backlist durch ist, lassen sich sogar Bücher verkaufen, die in Verlagen absolut nicht gehen. In meiner Schublade liegt ein Krimikonzept mit einem Band, der schon 140 Seiten hat. Durch die Bank abgelehnt: Ja, klasse, gut geschrieben, aber cosy crime und mit Humor, nee, das wollen die Leser nicht, das läuft absolut nicht, viel zu englisch. Ich glaube nicht mehr daran, dass Verlage die allein selig machende Instanz sind, die noch weiß, was Leser wirklich wollen. Wer sind die Leser? Wer macht wirklich Marktforschung und wer setzt nur bequem auf laufende Trends auf? Vielleicht haben ja viele Leser die Nase voll von durchgeknallten Serienmördern und mögen skurrile Whodunnits ohne Blutsauce? Es wäre zu beweisen. Und dazu muss man es ausprobieren.

Meine Sichtweise auf die Käufer hat sich ebenfalls komplett gewandelt, obwohl ich ja schon immer das Publikum weder für doof noch für so schlecht hielt, wie es in vielen Artikeln derzeit gemacht wird. Ich glaube daran, dass begeisterte Menschen andere Menschen und Projekte auch unterstützen. Nur das Ausmaß war mir nicht klar. Jetzt würde ich sagen, es hat sich längst eine neue Alternativkultur gebildet im freiwilligen Geben und Nehmen - und vielleicht ist daran sogar der Neoliberalismus schuld mit seinen alten etablierten Abzockstrukturen. Man spendet lieber einer verbrecherischen Bank Steuergelder als Kunst und Kultur.

Mir ist aufgefallen, dass andere Künste längst damit arbeiten, nur die Buchbranche hat das irgendwie verschlafen. Das Festspielhaus in Baden-Baden hatte mich auch am Haken, weil es eingetragenen Kunden mit jeder Veröffentlichung des Saisonprogramms Karten schenkt: Zu einem festgelegten Ereignis bekomme ich zwei Karten umsonst, wenn ich mit vier Leuten in der gleichen Preiskategorie buche. Kein Verlustgeschäft, denn drei neue potentielle Kunden sind damit angefixt. Da meckert mich auch keiner an, dass ich umsonst ins Ballett gehe. Denn ich zahle daneben nicht gerade billige Karten, weil ich mehr will. Weil ich Blut geleckt habe. Jetzt kommt genau das zum Tragen, was mir meine Verlage immer gesagt haben und nicht immer schafften: Qualität setzt sich automatisch durch. Ich würde sagen: Qualität setzt sich durch, aber dazu müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Sichtbarkeit und die Möglichkeit, Menschen damit überhaupt zu berühren. Backstage im Festspielhaus, Theatergespräche bei Kaffee und Kuchen, Szenen vom Filmset oder der Auftritt der Band in der Eckkneipe - in der Literatur haben wir das irgendwie verschlafen. Autoren zum Anfassen, Autoren, mit denen man reden kann - welch Möglichkeiten!

Noch eine Idee setze ich gerade in die Tat um. Ich arbeite ziemlich viel für dieses Blog, Recherche und Schreiben brauchen Zeit, Zeit, in der ich nichts verdiene. Um Spenden zu bitten, hat nicht wirklich funktioniert - nur ein paar ganz treue Leser haben drauf angesprochen. Nun kopple ich das Ganze ab. Wer mag, kann hier weiter alles kostenlos haben. Wer meine Arbeit unterstützen will, kann demnächst das erste Buch zum Blog für einen geringen Obolus kaufen. Ich plane eine Reihe "Best of" zum gemütlichen Nachlesen, nach Themen geordnet. Und ich kann schon jetzt verraten, dass sich bei der Texterfassung selbst für mich Überraschungen boten. Etwa wie ich aus dem Wahlkampf 2008 berichte, wie Frankreich zu "Sarkoland" wurde. Wie die Rezension einer öffentlichen Toilette in einer Edelstadt plötzlich in einem kompletten Umbau des Etablissements mündete. Oder wie man mit Servietten den perfekten Plot bastelt.

Eben flattert via Facebook eine tolle amerikanische Variante des Flashmobs herein: Der Cash Mob. Leute, die lokale unabhängige Läden unterstützen wollen, rufen einen Cash Mob aus, der dem Ladenbesitzer rechtzeitig zur Vorbereitung mitgeteilt wird. Alle, die mitmachen, kaufen etwas ein und hinterher geht man zusammen etwas trinken. Ganz schön Potential, einen Laden in Mundpropaganda zu bekommen, die letzte drückende Rechnung zu bezahlen und neue Kundschaft zu gewinnen. Wäre das nicht was für den unabhängigen Buchhandel?

6 Kommentare:

Henny hat gesagt…

Du bist zu einem echten Star geworden. Auch in der "Off Szene", wie ich gestern Abend erfahren durfte, wird über Deinen Beitrag diskutiert. Danke für Deinen Mut und für Deine Ermutigung.

LG

Henny

Carla Berling hat gesagt…

Liebe Petra,
vielleicht hilft Ihnen dieser Link weiter: http://www.novelrank.com/
Dort kann jeder tagesaktuell abrufen, wie viele Bücher über Amazon verkauft wurden! Und da Amazon nicht monatlich abrechnet, finde ich es prima, dass man damit ein paar Anhaltspunkte hat.
Ich benutze Novelrank schon länger und kann bestätigen, dass die Zahlen passen.
Alles Gute weiterhin und viel Erfolg,
Carla Berling

Nomadenseele hat gesagt…

In meiner Schublade liegt ein Krimikonzept mit einem Band, der schon 140 Seiten hat. Durch die Bank abgelehnt: Ja, klasse, gut geschrieben, aber cosy crime und mit Humor, nee, das wollen die Leser nicht, das läuft absolut nicht, viel zu englisch.
____

Wenn ich so etwas lese, kommt es mir hoch - glauben die Verlage ernsthaft, dass alle nur nur noch einen dämlichen Psychothriller nach dem anderen lesen wollen? Oder die Leichen in allen Einzelheiten beschrieben haben wollen.

Zufällig habe ich gestern einen Cosy Crime - Krimi, der an Jack the Ripper angelehnt ist, beendet und finde es schade, dass so sorgfältig ausgearbeitete Figuren kaum noch geschrieben werden.

PvC hat gesagt…

Danke Carla,
der Link ist sicher auch für andere interessant, herzlöichen Dank! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Zahlen doch SEHR genähert sind (meist zu niedrig). Beim E-Book aber kein Problem, KDP / Amazon rechnet da nämlich alle paar Stunden exakt und gibt Monatsabrechnungen.

Henny, ich hab das auch schon von verschiedenen Seiten gehört, dass die Krimidamen eifrig diskutieren - ich wäre manchmal ja zu gern Mäuschen. Würde auch gern wissen, was VerlagsautorInnen daraus lernen. Aber bis "berühmt" ist noch weit ;-)

Nomadenseele, ich bin schon völlig abgestumpft, weil es zum Geschäft gehört, dass auch die Literaturagentur für jeden Bewerbungsgang die dämlichsten Absagen kassiert (vor allem in einem ganz rüden Ton, weil man ja "unter sich" ist). Zu jedem veröffentlichten Buch habe ich so ein paar Schmankerl, am liebsten mag ich die Absage für mein Rosenbuch, das sei für eine Frau viel zu intelligent geschrieben, ob's nicht sanfter und einfacher ginge. Großer Sach- und Fachbuchverlag. Ein Segen, denn wer will mit solchen Lektoren auf Dauer arbeiten? Vier Wochen später hatte ich den vertrag woanders.

Und diese *unsinnigen* Absagen haben auch die berühmtesten Autoren. Umberto Eco (den ja auch viele Jahre keiner wollte) hat darüber eine grandiose Satire geschrieben, Lektorenbriefe, die die Bibel ablehnen, kann ich jedem geschundenen Schreiberseelchen nur heiß empfehlen!

Carla Berling hat gesagt…

Liebe Petra,
echt? Deine Verkäufe sind höher als die bei Novelrank abzurufenden Zahlen? Also bei mir stimmen die Zahlen mit denen von meinen beiden BoD punktgenau überein, das gilt auch für das BoD-Ebook und mein Kindle-Buch. Auch meine Verlage bestätigen die Genauigkeit, einer nutzt diese Seite sogar selbst. Wie kann das sein?
LG, Carla

PvC hat gesagt…

Ich weiß es nicht, liebe Carla, ich weiß nur von Kollegen, die Novelrank auch nur als Näherungswerte betrachten. Die Schwankungen sind nicht riesig, bei mir lagen sie unter 50. Außerdem habe ich festgestellt, dass die Zahlen umso exakter werden, je länger das Buch von Novelrank erfasst ist! Womöglich lag es daran, weil ich Neuerscheinungen nachgesehen habe.
Bei Print bringt's mir persönlich wenig, weil Amazon ja zum Glück nicht der einzige Verkaufsweg ist. Und beim Kindle brauch ich's nicht, weil mir KDP jeden Mückendreck weltweit sofort meldet ;-)
Trotz dieser kleinen macken kann ich's aber auch nur empfehlen!
LG Petra

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