12.12.2010

Den Sonntag versurfen

12.12.2010
Wer nichts mit diesem herrlichen Tag anzufangen weiß, bekommt hier mal wieder Surftipps bis zum Abendgrauen. Zuvor aber zwei Anschaltbefehle:

14.12.2010 (übermorgen), 22:05 in SWR 2 - Die Ungelesenen.
Über das Schlimmste und Normalste, was Büchern und Autoren passieren kann. Eine Sendung über alte Bücher, deren Seitenbögen nie aufgeschnitten wurden, und über neue Bücher, die ihr Publikum nicht erreichen.

19.12.2010, 22:15 in 3sat: Die Frau mit den fünf Elefanten
Dass es diese wunderbare Doku über die leider in diesem Jahr verstorbene Dostojewskij-Übersetzerin Svetlana Geier gibt, hatte ich bereits mit Filmausschnitt im Blog angekündigt. Dieser Film ist weit mehr als nur ein tiefer Einblick in die Arbeit einer Literaturübersetzerin und das Portrait einer faszinierenden Frau - er zeichnet auch anhand ihres Lebens Geschichte nach. Einer der Filme, die ich auch im Regal haben möchte, um ihn öfter als nur einmal anzuschauen.

Bis dahin ist noch ein wenig Zeit, die wir füllen müssen. Etwa mit dem Wegwerfen von Büchern. Das jedenfalls praktiziert die Schriftstellerin Sybille Berg immer öfter und sagt The European im Interview (deutsch): "Dass sich die Buchbranche durch ein unqualifiziertes Überangebot von Mist selbst erledigt, ist nicht Schuld des Konsumenten."

 Derweil proben andere Kunstbranchen den engeren Kontakt zum Publikum. Leider habe ich die Aktion verpasst (sie kann noch nachgelesen werden), die per Facebook und Twitter organisiert wurde und von zahlreichen Blogs weltweit begleitet: 24 Stunden lang ließen sich 60 internationale Spitzendirigenten von Fans und Musikliebhabern mit Fragen löchern. Als Medium wurde Twitter benutzt, unter dem Hashtag (Suchbegriff bei Twitter) #askaconductor ließ sich die Aktion in Echtzeit mitverfolgen. Das Opern-Blog bietet eine Zusammenfassung einiger Stimmen, das gesamte Skript der Twitterkonversation bietet die britische Conductors Guild (pdf, fast 3 MB).

Ähnliche Aktionen gab es bereits mit weltweit bekannten Museen ("ask a curator") und Musikern ("ask a musician"). Auffallend ist die unverständliche Zurückhaltung auf deutscher Seite, sei es bei den aktiven Befragten, sei es beim Verbreiten der Aktionen in der Öffentlichkeit. Anscheinend hat man dort noch nicht verstanden, dass man sich mit Kommunikation dieser Art mehr Gutes tut als mit einem teuren Hochglanzprospekt - vor allem beim Publikumsnachwuchs. Und wann kommen die Künstler aus ihren analogen Löchern, deren Medium das Schreiben ist?

Einige Verlage zumindest erproben die Kommunikation des Lesers bis ins Buch hinein: enhanced ebooks nennt man das, was Walt Disney schon früh auf Papier erfand, indem er mehrere Plots für Donalds Abenteuer anbot. Während ein paar ewig Gestrige immer noch den Kulturuntergang des stinknormalen Buchs bejammern, steht eigentlich jetzt schon fest: Es wird nicht weniger Bücher geben, sondern mehr Arten von Büchern. Dass es irgendwann einmal Überschneidungen des Erzählens zwischen unterschiedlichen Medien geben würde, war längst überfällig - Literaten wie Jonathan Safran Foer (Text / Bild / Text als Bildnis) oder Olga Tokarczuk (Romane aus Textfragmenten unterschiedlichster Formen) experimentierten damit schon länger auf Papier.

Jetzt ist nicht nur die Technik endlich so weit, es engagieren sich auch mehr und mehr Verlage. Friederike Gildemeister gibt im Buchreport einen Überblick über die Experimente mit Mitmachbüchern. Die Nintendo-Idee, Lieblingsbücher wie in einem Spiel entdecken zu können, hätte ich mir als Kind sofort zu Weihnachten gewünscht, als Erwachsene finde ich es absolut raffiniert, dass man Bonusmaterial bekommt, wenn man Freunden Probekapitel aus einem Buch weitergibt. Aber auch diese Entwicklung um Enid Blyton's "Fünf Freunde" gibt es noch nicht in Deutschland...

Es war da mal ein "Trüffelschwein" namens Martin Baltes, der in den USA als Buchscout für deutsche Verlage unterwegs war. Der hat die Reihenfolge ein wenig umgekehrt und sich die Perlen, die keiner seiner Auftraggeber haben wollte, im Hinterkopf gemerkt. Das Deutschlandfunk-Interview über seinen Verlag Orange Press steht stellvertretend für viele Start-ups von Independents, die den Markt erobern, indem sie den Markt bewusst aufbrechen. Was Baltes über die Entstehung und Arbeitsweise seines Verlags erzählt, zeigt, dass man erfolgreich gegen den Strom schwimmen kann und da draußen ein Publikum wartet, welches das Besondere und durchaus auch Anspruchsvolle wünscht. Er erzählt aber auch, wie engstirnig Buchhändler sein können, welche Rolle der Zufall spielt, was sich Konzernverlage entgehen lassen und wie man mit kleinem Budget Bücher größer macht. Orange Press ist in der aktualisierten Liste feiner Verlage in diesem Blog zu finden.

Noch ein wenig kulturelle Bildung gefällig, die riesig Spaß machen kann? Dann will ich nachholen, was mir im letzten Beitrag entgangen ist und das Portal openculture empfehlen. Dan Colman, stellvertretender Dekan des Stanford's Continuing Studies Program, hatte die Idee, mit einigen Mitstreitern alles Bildende zu sammeln, was kostenlos oder zu Kleinstpreisen zu finden ist: Vom wissenschaftlichen Vortrag über Filme, E-Books bis zu Lesungen - vom historischen Gruselfilm über legendäre Popmusik bis hin zu moderner Physik und Philosophie. Via Twitter kann man die Updates und gute Tipps abonnieren.

6 Kommentare:

Heinrich hat gesagt…

Wer nichts mit diesem herrlichen Tag anzufangen weiß...

Diese Einleitung könnte eine Menge der gestressten, erschöpften und fleissigen Menschen, die sowieso kaum noch Zeit für's Internet haben, überhaupt kaum Zeit und NIE Langeweile haben, dazu verleiten, gar nicht weiter zu lesen, solange sie nicht wissen, ob man in Blogs nachschauen kann, wer bis zur letzten Zeile gelesen hat. ;)

Schade, es entgehen ihnen sehr interessante Informationen.

Ich habe alles gelesen, obwohl ich den herrlichen Tag in vollen Zügen genossen habe. (Also nicht in der Eisenbahn!)

Schade, dass wir hier in Hannover keinen SWR2 bekommen. Dank Ihrer rechtzeitigen Information habe ich aber einen Internetfreund gefunden, der es mir aufzeichnet und dann schickt. So ist alles gerade noch einmal gut gegangen. :)

Gruß Heinrich

Gruß Heinrich

Anonym hat gesagt…

Wer mit seinem Internetradio SWR2 empfangen möchte, aber nicht connecten kann, versuche es mal mit
http://swr.ic.llnwd.net/stream/swr_mp3_m_swr2a
als Source-String
Ich benutze dafür http://www.radiosure.com/ weil das auch aufnehmen kann.

Nun kann ich es auch empfangen :)

Gruß Heinrich

Heinrich hat gesagt…

Nachdem ich den Phonostar noch probiert habe, der auch eine Timerfunktion hat...

Es geht noch einfacher:
http://www.swr.de/swr2/service/mitschnittdienst/-/id=661254/nid=661254/did=5289356/ee0d3r/index.html

Ja, ich brauche immer mindestens 3 Anläufe ;)

PvC hat gesagt…

Es geht noch einfacher, lieber Heinrich: Auf www.swr2.de gibt es links im Menu den Punkt "Podcast" (von dort kommt man ja auch zum Mitschnittdienst). Unter Podcast können Sie viele Sendungen im Internet alös mp3 hören oder herunterladen und sogar die Podcasts abonnieren. Und noch moderner: Auf der gleichen Seite weiter unten finden Sie die App fürs Handy. Ebenfalls dort zu finden sind Manuskripte zum Herunterladen, vor allem für Literatursendungen!
Viel Vergnügen mit dem "ausländischen" Radio wünscht
Petra

Heinrich hat gesagt…

Die Ungelesenen - SWR2

Eine sehr unterhaltsame Sendung, die Zeit vertreiben kann, aber mit so viel sprunghafter Redundanz, dass das Wesentliche über ungelesene Bücher und ungelesene Autoren in 15 Minuten hätte zusammengefasst werden können. Da Radio aber keine konzentrierte Injektion von Wissen oder Analyse einer Situation oder Betrachtung ist, sondern vorrangig Unterhaltung, ist das Ziel ganz gut erfüllt.

Für mich hat ein ungelesenes Buch in meinem Bücherregal keinen größeren Wert als irgend ein nicht erworbenes Buch. Außer ich greife dann doch einmal danach und schaue hinein oder werde danach gefragt, ob ich damit aushelfen kann.

Ein ungelesenes Buch in meinem Regal als "quasi" gelesen zu betrachten, kann ich nicht nachvollziehen.

Nach der 30. Minute wird es dann noch einmal interessant, als es um Bestsellerlisten, Auflagenstärke und Verkaufszahlen geht. (Wer's noch nicht weiß)

Die Sprüche, dass es Aufgabe der Verlage ist, die Autoren davor zu bewahren, Bücher zu produzieren, die niemand lesen will und die Leser davor zu bewahren, unnütze Zeilen zu lesen, bevor sie merken, dass ein Buch nichts taugt, lässt die hier Lesenden sicher "aufschreien".

Ein ungelesenes Buch selbst sagt am Schluss: "Erfüllung findet sich nicht darin, von jemandem beachtet zu werden, sondern da zu sein! Ich bin ja nicht Nichts - sondern nur ungelesen.

Hmm, schöner Trost. Aber wohl nur, weil sein Schöpfer es nie darauf anlegte verstanden zu werden - und weil seit der Erfindung des Buchdrucks alle Bücher mit dem Schicksal leben müssen, möglicherweise ungelesen zu bleiben.

Dieses aus meiner Laiensicht als Nurleser und oberflächlicher Beobachter des Literaturbetriebes.

Gruß Heinrich

PvC hat gesagt…

Danke dass Sie Ihre Eindrücke mit uns teilen, lieber Heinrich, zumal die Sendung bis nächsten Dienstag noch als Podcast abzurufen ist, und das vielleicht einige neugierig macht.

Als alte Feature-Verrückte (meine Hauptform im Journalismus) habe ich im Gegensatz zu Ihnen jede einzelne Minute genießen können, aber das kann auch an Berufsdeformation liegen ;-) Aber es stimmt schon, man darf von der Sendung nicht reine knallharte Fakten erwarten, sondern muss sich auf freie Assoziationen einlassen, die aufschreien lassen, schmeicheln, verwundern, den Kopf zum Schütteln bringen, bestätigen ... fast ein kleines Hörspiel.

Allerdings hat mich manches auch als angebliche Insiderin zum Staunen gebracht. Über den "Abraum" und die "Endlager" von Bibliotheken habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht, obwohl ich dort sehr gern zu Büchern greife, denen die Verbannung droht.

Schier der Mund offen stand mir jedoch bei den tatsächlichen Verkaufszahlen via Media Control (die ja nur Verlage abrufen können, die Mitglied sind). Ich laufe oft an dieser Institution vorbei und wusste, dass in Vorschauen hemmungslos nach oben geschönt wird (am liebsten mit einer Null hinten) und auch Autoren nicht immer die Wahrheit sagen.

Ich wusste aber nicht, wie MIES sich Bücher - auch in den größten Verlagen - tatsächlich verkaufen. Ich hielt solche Zahlen bisher für Ausreißer, nicht für die Norm. Allein diese Passage ist ein Must für alle AutorInnen!

Herzlichen Dank also für Ihre Lesersicht!
Petra

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