23.03.2010

Kuschelfaktor Social Web

23.03.2010
Alte elsässische Häuser haben eine Architektur der menschlichen Beziehungen. Am schmiedeeisern vergitterten Fensterchen der Haustür winkt man Zeugen Jehovas und fliegende Händler weg. Eine weitere Tür schützt den Wohnraum vor Fremden, falls man die Tür öffnet. Handwerker & Co. kommen in die Diele, in der man auch sitzen kann. Und alles, was ein Gespräch bringt, vom Handwerker mit Auftrag bis zur Kaffeefreundin, landet in der Küche. Und da ist noch die "Gut Stub". Wer sie an besonderen Tagen betreten darf, gehört zu den Auserwählten, zu den Freunden, die fast schon Familie sind. Solch eine Beziehung ist in der Regel lebenslänglich.

In modernen Familien und Häusern ist der Kanon zwar gelockert, aber keiner käme auf die Idee, unsichtbare Höflichkeitsschwellen zu verletzen. Das ist so üblich in Ländern, in denen Gastfreundschaft heilig ist. Gastfreundschaft bedeutet nicht nur großzügiges Verströmen eines Gastgebers, sondern auch Verpflichtungen für den Gast, diese niemals zu verletzen. Es ist ein System, das für Außenstehende starr erscheinen mag, aber es bietet Halt und Verlässlichkeit, weil daraus ein soziales Netz entstehen kann. Kulturell verankerte Gastfreundschaft zieht nicht selten Tauschwirtschaft nach sich - und je nach Sichtweise auch gegenseitige Hilfe oder Vetterleswirtschaft.

Letzteres nennt man neudeutsch Vernetzung und das Internet ist ein hervorragendes Instrument, die alten menschlichen Sehnsüchte nach Austausch virtuell zu potenzieren. Vor allem dann, wenn man mit dem Nachbarn schon lang nicht mehr redet, die Familie auseinandergefallen ist und der nächste Kollege 500 km weiter weg wohnt. Warum nicht das, was man im echten Leben tut, nun auch virtuell probieren? Die Spielwiese dazu heißt ja auch Social Web, soziales Netz.

Aber irgendwie scheint der Mensch in dem Moment, in dem er eine Maus in die Hand nimmt, seinen Kopf an der Garderobe abzugeben. Man stellt sich nicht mehr am Glasfensterchen vor, sondern glaubt, mit einem Alias und maskiert gleich ins Esszimmer gebeten zu werden. Kaum hat man drei Sätze miteinander gewechselt, schlurft man ins fremde Schlafzimmer, Tag und Nacht. Manche Leute erzählen sogar, wie sie sich duschen. Jeder normale Mensch bekommt irgenwann zu viel, wenn die tratschende Nachbarin stundenlang am Küchentisch hängt. Man expediert das Weib höflich bis bestimmt aus dem Haus. Im Internet aber scheint das eigene Rückgrat zu schmelzen, Dauertratsch schlägt im Mailfach auf, brummelt und surrt bei Twitter oder sammelt sich in den anderen Netzwerken wie Facebook, Xing, Myspace und wie sie alle heißen.

Und dann passiert es. Man verwechselt den Zeugen Jehovas mit einem Intimfreund. Man glaubt dem Hohlschwätzer aus dem globalen Dorf, er könne einem den brandheißen Job besorgen. Man hält, wenn man Dinge bei der Dorfbäckerin ausplaudert, nicht mehr anständig die Hand vor den Mund. Man trinkt Kaffee mit lächelnden Masken, die einen hintenherum vergiften könnten. Man bemüht sich täglich zu hippen Partys, obwohl die Augenringe immer dunkler werden. Und sammelt "Freunde" und "Gefolgsleute" wie früher Murmeln und Panini-Bilder. Irgendwann steht man plötzlich wieder vor einem Menschen im dreidimensionalen Leben. Weiß nicht mehr, ob man ihn duzen oder siezen soll, rennt aber gleich mal in dessen Schlafzimmer.

Natürlich benutzt nicht jeder Social Media auf diese Weise, aber es trifft doch genug Menschen, dass sie sich in dem Haus, das sie sich selbst einrichten, nicht mehr orientieren können oder wohlfühlen. Die einen kehren enttäuscht den Social Media den Rücken. Die anderen schaffen nicht einmal mehr das, denn sie sind süchtig geworden. Man spricht bereits von Facebook-Sucht, denn die Seite ist darauf angelegt, dass man möglichst oft möglichst viel Zeit darauf verbringt und für die Werbeflächen als Zuschauer, ergo potenzieller Kunde, gehalten wird. Was dann folgt, ist so ähnlich wie beim Alkoholiker.

Tough leert man die letzte Flasche in den Ausguss, meldet sich also aus dem Netzwerk ab. Das macht es einem nicht einfach, sondern schleudert einem entgegen, dass all die herrlichen Whiskys und Biere und Wodkas einen schmerzlich vermissen werden. Wer soll sie in Zukunft trinken? Und wenn man nur einen einzigen, kleinen, winzigen Schluck pro Tag ...? Es gibt deshalb auch welche, die die Sucht mit der Sucht bekämpfen: Statt Alkohol Rauchen, statt Facebook die Facebook-Ehemaligengruppe. Sogar Placebo-Therapien gegen Social-Media-Manie sind wohlfeil zu haben.

Menschen, die sich in der Therapie gegen Internetsucht engagieren (die weit älter ist als das Social Web), wissen, dass es nicht das Medium ist, das krank macht. Wir selbst sind es, mit unserem Umgang damit. Keiner befiehlt uns, eine Flasche auf Ex zu trinken oder Rotwein zu verteufeln, nur weil auch Alkoholiker ihn trinken. Es gibt daneben eine feine Trinkkultur, eine Genusskultur. Kein vernünftiger Architekt würde das Schlafzimmer direkt hinter die Eingangstür eines Hauses bauen. Eine schön eingerichtete Diele hat ebenso ihren Reiz wie eine alte geschnitzte Eichentür, deren Fensterchen mit schmiedeeisernen Gittern verziert sind.

Rob Bedi, Psychologe an der Universität von Victoria, ist der Meinung, es habe keinen Sinn mit dem Ausschaltknopf gegen Internetsüchte agieren zu wollen. Anders als der Alkoholiker könne man heutzutage nicht mehr auf das Internet als Teil der Weltwahrnehmung verzichten, müsse also Selbstkontrolle lernen. Er gibt bei Addictioninfo als Hilfestellung:
"Find out what’s missing from your life, whether it’s having too much free time, not knowing anyone or just escaping, think about what made you resort to [Facebook], and what you could be doing instead."
(Was fehlt mir in meinem Leben? Habe ich zu viel Zeit? Bin ich einsam? Fliehe ich vor etwas? Was suche ich im Social Web? Was könnte ich stattdessen unternehmen?)
Aber was ist, wenn man noch nicht wirklich süchtig ist, dafür aber menschliche Beziehungsarten verwechselt, Grenzen überschreitet, "friends" von "wahren Freunden" nicht mehr unterscheiden kann? Dann mag es vielleicht helfen, sich das eigene Umfeld im Internet wie ein Haus vorzustellen. Früher hat man als Kind mit Legosteinen die Wunschvilla gebaut. Warum aber rast man planlos und ziellos im Web herum, wenn man erwachsen ist? Wie hätte man sein Haus denn gern? Liebt man offene Lofts mit Glasflächen von der Decke bis zum Boden? Sucht man nach dem Kuschelfaktor eines verwinkelten Fachwerkhäuschens mit verzerrenden Butzenscheiben? Oder rast man mit einem Aufzug im Partyhochhaus hoch und runter?

Der freie Architekt kann sich im Social Web alles bauen, nur technische Grenzen sind ihm gesetzt. Aber wenn der Typ aus dem Loft auf die kuschelige Kachelofendame trifft oder die rasende Aufzugfahrerin lieber im Museum aussteigen möchte, dann greifen plötzlich wieder ganz altmodische Dinge: Häuser haben eine Klingel. Früher hat man angeklopft, bevor man mit der Tür ins Haus fiel.

Häuser haben weder eine Seele noch Gefühle. Sie erfüllen primär einen Zweck. Sie entwickelten sich aus Steinzeithöhlen, Stroh- und Lehmhütten. Sie sind nicht mystisch. Keiner würde auf die Idee kommen, Häuser anzubeten oder fürs Seelenheil anzupreisen. Häuser sind das, was sie sind nur durch die Menschen, die sie erbaut haben, die in ihnen wohnen, die sie verkommen lassen oder pflegen, geschmacklos oder geschmackvoll einrichten...
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