11.04.2014

Nachtschwarz oder die Liebe zum schönen Buch

11.04.2014 4
Normale Buchhändler verdienen an mir derzeit leider wenig Geld. Ich habe nämlich seit geraumer Zeit die billig und lieblos gemachte Stapelware gründlich satt und möchte Bücher auch noch ein halbes Jahr nach Erscheinen lesen dürfen, ohne dass sie bereits verramscht sind. Kurzum: Ich investiere mein Geld neben den E-Books gezielt in "schöne Bücher" - und die schönsten gibt's im Antiquariat. Einschließlich vieler Geschichten zu den Büchern obendrein. So blieb gestern mein Blick an einem Bändchen im Schaufenster hängen und ich schritt beherzt in den Laden, um nach dem Preis zu fragen. Eine Ausgabe von Dostojewskis "Der Doppelgänger", reichhaltig illustriert von Alfred Kubin, der mit Kandinsky, von Jawlensky, Werefkin u.a. die Neue Künstlervereinigung München gegründet hatte. Als Illustrator machte er sich mit düster-phantastischen Zeichnungen einen Namen, mit der Ausstattung von E. T. A. Hoffmann, Dostojewski, Poe und seinem eigenen Roman "Die andere Seite" (1909).

Das Original erschien im Jahr 1913
Es war einer dieser Läden, in die man sich am liebsten für eine Nacht einschließen lassen möchte. Schwerpunkt auf Kunst und Literatur,die Bücher ordentlich bis unter die Decke in alte, dunkle Regale geordnet, dazwischen Stapel, Kisten, ein Tisch und Vitrinen mit Preziosen. Man muss ein paar Stunden mitbringen, weil der Antiquar seine Bücher kennt, als seien es seine eigenen Kinder. Gleich entspinnt sich ein Gespräch, wegen des Griffs zu Kubin und weil die Ausgabe so erstaunlich gut erhalten ist.



Ich werde im Lauf des Gesprächs, bei dem auch meine Liebe zu Kandinsky aufleuchtet, zur Vitrine geleitet. Nicht, dass man mir etwas aufschwatzen will, ich habe deutlich gezeigt, dass ich nur dieses eine Buch kaufen werde. Aber man muss sich doch wenigstens mal einen Blick gönnen! Vorsichtig greift der Antiquar eine wunderschöne Ausgabe von Kubins "Die andere Seite" heraus und lässt mich genießen, indem er langsam das Buch durchblättert. Was für eine Drucktechnik! Und die Seiten allesamt völlig sauber, die Illustrationen berückend. Das ist kein Nachdruck. Die Augen des Antiquars leuchten, als er das entsprechende Blatt zeigt: Es ist eine Erstausgabe von 1909. Der Preis tüchtig dreistellig, aber immerhin: Einmal dieses Buch gerochen und berührt, angeschaut haben. Glück. Mehr will man manchmal gar nicht. Wäre ich wohlhabend, wäre ich schwach geworden. Allein das Cover (s. Link) begeistert mich in seiner Schlichtheit derart, dass ich am liebsten heute wieder solche Bücher machen würde.

Es ist schon seltsam mit der Liebe zu Büchern. Ganz bestimmt habe ich den "Doppelgänger" von Dostojewski in irgend einer Form im Regal stehen, noch sicherer besitze ich den Text als E-Book. Und doch muss ich diesen Band unbedingt haben, mein Herz klopft, als ich den Preis erfrage und es klopft noch mehr, weil ich mir das Buch leisten kann. Und ich werde diesen Dostojewski wieder lesen, obwohl ich die Ausgabe in meinem Regal schon ein paar Mal gelesen habe. Warum? Es ist dieses Gefühl! Ein anderes Papier und der Geruch einer anderen Zeit. Es ist die so ganz eigene Typografie, die Art, wie sich die Druckerschwärze ins Papier gegraben hat. Vor allem aber sind es die Paarungen zwischen Text und meisterhafter Illustration, die so wohldurchdacht und liebevoll als Buch gestaltet in völlig neue Innenwelten und Räume führen. Welten einer früheren  Zeit obendrein ... Die Assoziationen verändern sich, die Innenwelten färben sich anders ein, nachtschwarz diesmal und überwältigend. Man vergisst damit die Zeit.

Heute habe ich mir neugierig einmal im Internet angeschaut, was es zu dem Buch gibt. Im Internet ist ja angeblich alles immer billiger. Mein Buch ist jetzt nicht die ganz große Preziose, denn es handelt sich nur um den Nachdruck der Originalausgabe von 1913, der 1948 erschien - daher der gute Zustand. Für etwa das Doppelte hätte ich eine Ausgabe von 1922 im Netz gefunden, in zweifelhaftem Zustand, denn man kann da nichts befühlen. Und 1922 ist auch nicht 1913. Ein Anbieter aus Israel will für über 60 Euro angeblich die limitierte Originalausgabe von 1913 haben***. Es gab damals nur 800 Exemplare. Entweder ist der Mann dumm oder die Ausgabe in jämmerlichem Zustand oder nicht echt? Selbst bei solchen Summen mag ich keine Experimente machen, wenn ich dann mit Rückgaben um den halben Erdball zu tun habe. Versöhnt bin ich allemal: Das Buch, das ich mit sinnlichem Vergnügen eingekauft habe, ist im Internet so gut wie überall teurer, oft sehr viel teurer. Ich kann die Bücher nicht genau untersuchen. Ich bekomme vor allem keine seltenen Erstausgaben gezeigt und keine Geschichten erzählt. Ich freue mich auf meinen nächsten Besuch im Antiquariat!

***Wie vermutet hat sich diese Ausgabe nach einigen Recherchen als falsch datiert herausgestellt. Konnte bei dem Preis auch unmöglich wahr sein.

08.04.2014

Leiser ...

08.04.2014 0
... wird es nur ab und zu in diesem Blog. Wer rechts im Menu schaut, wird feststellen, dass ich im Moment andere Themen blogge! Ich empfehle also noch einmal vor allem mein Blog Grenzgängereien mit Genussvollem und Blicken über die Zäune in andere Kulturen.

Im Autorenleben kocht die Arbeit zu sehr, um sich öffentlich Gedanken darüber zu machen ... Mein Stück "Jeux. Rusische Spiele in Baden-Baden" geht demnächst an die Schauspieler, die szenische Lesung hat am 27. Mai in Baden-Baden Premiere und will auch mit Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden. Mein Glück kann ich immer noch nicht fassen: Der große Star des Theaters wird den Diaghilew sprechen und Nijinsky ist ebenfalls absolut passend besetzt. Mein Fazit: Auch die verrücktesten Träume können wahr werden, wenn man hart dafür arbeitet, leidenschaftlich andere begeistern kann und sich mit Partnern vernetzt.

Daneben stecke ich nun voll in der Produktionsarbeit für einen Garten-Bildband, für den ich neben der gesamten verlegerischen Arbeit auch den Text schreiben werde. Gefühlt Tonnen von Fotos wollen für dieses Auftragswerk gesichtet werden, um daraus ein Konzept zu entwickeln und mehrere Fotografen stilistisch unter einen Hut zu bekommen. Bevor das Ganze zum erfahrenen Gestalter geht, wird noch jede Menge Schweiß fließen.Was ich jetzt schon sehe: Die meiste Arbeit machen die Organisation und das Management, die Konzeption ist da schon eher die schöne Kür.
Also einfach öfter mal in meine anderen Blogs schauen. Rechts im Menu immer mit dem aktuellsten Beitrag zu sehen.

28.03.2014

Bei Interviews stark bleiben

28.03.2014 0
Autoren werden immer mal wieder interviewt und die erste Reaktion ist meist Freude: Endlich interessiert sich jemand für mich! Zeitung, Radio, Fernsehen - endlich richtige Öffentlichkeit! Ist der Beitrag gelaufen, kann dagegen der große Katzenjammer ausbrechen. Man hat das in dieser Art doch alles nicht gewollt! Man fühlt sich entblößt, die Worte wurden einem womöglich im Mund umgedreht, ungünstige Schnitte lassen Sätze in einem völlig neuen Licht erscheinen. Wer schimpft dann nicht über die ach so bösen Journalisten, die es mit der Wahrheit nicht so genau nähmen. Was aber ist die Wahrheit? Und sind die Journalisten wirklich nur fiese Zeitgenossen, die Interviewpartner öffentlich grillen wollen?

Leute, die sich PR-Berater leisten können wissen es: Da spielen zwei sehr unterschiedliche Seiten miteinander, oft mit unterschiedlichen Zielen. Der Journalist will einen Skandal aufdecken - der Lokalpolitiker aber ein unpopuläres Projekt verkaufen. Der Journalist rätselt über das Phänomen von Vampirbüchern im 21. Jahrhundert - die Autorin versteht nicht, warum er ihre angeblichen Bestsellerqualitäten nicht erkennt. Der Journalist will eine Stimmung im Lande aufnehmen, die nicht nur er wahrzunehmen glaubt - der Interviewte lebt in einer völlig anderen Stimmung.
Die Kunst ist es, sich über seine eigenen Ziele sehr klar zu sein und diese gut an die Frau oder den Mann zu bringen.

Dann ist da noch die Sache mit der Eigenwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, kann mich das eine dunkle Haar unter der Nase so sehr stören, dass ich mich an diesem Tag hässlich finde. Doch keiner meiner Mitmenschen wird es wahrscheinlich bemerken. Die schauen vielleicht eher auf meine Augen oder das schrille Kleid. Und leiten ab: Die fühlt sich wohl in ihrem Körper.
Ähnlich kann es bei Interviews passieren. Irgendwann im Laufe des Gesprächs lasse ich fallen, dass ich Gummibärchen am liebsten zuerst den Kopf abbeiße. Der Journalist hat mir so nett welche angeboten. Nicht sehr günstig, wenn ich gerade zum Thema Todesstrafe interviewt werde oder Stellung beziehen soll über einen Halsabschneider aus der Wirtschaft. Mein Gummibärchentick ist nämlich dann das gefundene Fressen für den Journalisten: Er wird sich besonders auf diese Metapher stürzen. Hat er wirklich gelogen, wenn er mich als eine hinstellt, die schon mal Köpfe rollen lässt? Nein. Ich habe ihm das Bild selbst auf dem Silbertablett serviert.

In letzter Zeit häufen sich in meinem Umfeld die Stimmen, die nach schlechten Erfahrungen sagen, sie würden grundsätzlich kein Interview mehr geben. Zeitungsjournalisten schlagen sich schon seit Jahren damit herum, dass Interviewte zuerst jeden einzelnen Satz nachlesen und dann freigeben wollen. Aber wer schreibt dann eigentlich das Interview?

Man muss sich nicht für alle Zeiten verkriechen. Oft hilft es, die unterschiedlichen Welten und Erwartungen einigermaßen zur Deckung zu bringen. Dazu sollte man sich intensiv vorbereiten. Hier ein paar Tipps & Tricks dazu, die ich als Journalistin, PR-Frau und Interviewte gleichermaßen gebe:

1. Erfragen Sie vorab das genaue Thema und vor allem den Kontext.
Die Vampirromanautorin wird in einem kulturhistorischen Artikel in der FAZ ganz andere Dinge gefragt werden wie im Fanzine - und sie wird dementsprechend anders dastehen. Der Lokalpolitiker kann sich im Aufmacher des Lokalblatts seiner Couleur womöglich anders ausbreiten als in einem Einspieler für eine Talkshow, wo man ihn als schlechtes Beispiel braucht. Versuchen Sie, dieses Umfeld zu analysieren. Entscheiden Sie vorab, ob sie darin eine gute Figur machen können. Wenn ja, beschäftigen Sie sich damit. Wenn nein, verzichten Sie.

2. Erfragen Sie vorab die tatsächliche Länge des veröffentlichten Beitrags.
Für ein Vollinterview im Sonntagsmagazin ist es hilfreich, möglichst viele interessante Dinge zu erzählen - der Journalist hat genügend Platz, um Ihrer Person gerecht zu werden. Wenn dagegen ein Kamerateam 30 Minuten Gespräch aufnimmt, so ist das wahrscheinlich nur für einen Beitrag unter 5 Minuten. Sie haben also jede Menge Zeit, sich für einen 1:30er Nachrichtenbeitrag gründlich zu verplappern. Je mehr Sie reden, desto leichter kann nachher "herumgeschnitten" werden. Stimmen Sie, was Sie sagen, auf diese tatsächliche Länge ab. Kommen Sie immer wieder auf die wichtigen Punkte zurück. Sie kennen das von Politikern, die durchaus wichtige Statements öfter wiederholen, damit sie nachher im Schneideraum auch als wichtig erkannt werden.

3. Legen Sie Wert auf ein professionelles, neutrales Umfeld.
Ich habe früher bei der Zeitung Menschen am liebsten in ihrer eigenen Wohnung oder ihrem privaten Umfeld interviewt. Das ist praktisch: Man kann mit wenigen Blicken den Interviewten beurteilen. Und der ist vor allem lockerer, weniger nervös und darum zugänglicher. Wenn die nette Reporterin beim Kaffee so sympathisch wirkt und sich sogar fürs Familienalbum interessiert - wer will da nicht gleich drauflosschwatzen? Vorsicht: Genau darauf ist die nette Reporterin aus - sie will in möglichst kurzer Zeit möglichst viel erfahren.
Vor allem Laien und medienunerfahrene Menschen sollten sich darum einen neutralen Treffpunkt aussuchen, der folgende Kriterien erfüllen sollte: Sie müssen sich dort sicher fühlen und gut konzentrieren können. Sie sollten sich vielleicht nicht zu wohl und privat fühlen, denn dann lässt die Aufmerksamkeit nach. Bei Fernsehaufnahmen denken Sie an die Bildkraft: Die Umgebung gibt Ihren Worten womöglich einen Nebensinn. Es macht einen Unterschied, ob ich über reiche Investoren spreche, während ich vor einer Luxusimmobilienagentur stehe oder in einem Armenviertel.

4. Merken Sie sich, was Sie nicht sagen wollen.
Sie müssen persönliche Tabus im Vorfeld genau festlegen. Denken Sie erst beim Interview darüber nach, ist es bereits zu spät. Ihnen werden Dinge im Eifer des Gefechts und der Aufregung herausrutschen, die sie womöglich bereuen könnten. Dazu gehört zuerst einmal, dass Sie für sich selbst einen genauen Rahmen abstecken, was und wie viel von ihrem Privatleben in die Öffentlichkeit gelangen darf. Denn genau diesen privaten Menschen wird jeder erfahrene Journalist herauskitzeln wollen - das ergibt schließlich die menschlichsten Geschichten! Stehen Sie zu Ihren Tabus. Und legen Sie sich ein Thema zurecht, das sie in einem privaten Licht erscheinen lässt, ohne etwas über ihr Intimleben zu offenbaren. Haustiere sind ideale Ablenker. Ich kann stundenlang über meinen Hund reden, ohne dass irgendwer erfährt, wie ich tatsächlich lebe. Allerdings sollten sie diese Tabus mit Ihrem Auftritt im Internet und in Social Media abstimmen, denn dort machen sich Journalisten zuerst über Sie kundig.

5. Merken Sie sich auch inhaltliche Tabus zu einem Thema.
Sie würden vielleicht zu gerne die eine Aussage machen, die Sie selbst schwer beschäftigt: Sie haben gerade im großen Stil Gold gekauft. Weil Sie Banker sind, mag das normal sein. Nun werden Sie aber als leitender Banker zur Pleite einer großen Immobilienbank befragt werden. Da ist es immer noch normal, dass Sie gerade viel Gold gekauft haben - schließlich sind Sie ja nicht pleite. Die Fußangel lauert anderswo: Welche Stimmung herrscht im Land? Welche Stimmung soll der Beitrag wiedergeben, in welchem Umfeld wird das Interview gesendet werden? Banker und Superreiche haben es in der Öffentlichkeit gerade verspielt. Vor der Sendung, in der Sie über Gold reden wollen, läuft eine Doku über wachsende Armut in der reichen Welt, danach folgt eine Talkshow zum Thema Steuerflucht. Vielleicht vergessen Sie die Freude über Ihren Goldankauf erst einmal. Vielleicht schweigen Sie darüber, dass Sie für Gold sind? Es wird nämlich unmöglich zu Ihrem Vorteil gereichen in einer solchen Situation.

6. Behalten Sie das Heft in der Hand.
Wenn Sie interviewt werden, dann will der Journalist etwas von Ihnen, nicht umgekehrt. Sollten Sie nicht komplett öffentlichkeitsgeil sein, so können Sie auch ganz gut ohne dieses Interview leben. Sagen Sie sich das immer wieder: Ich muss ja nicht! Denn daraus resultiert die wichtige Einsicht: Ich kann jederzeit Nein sagen. Ich kann unterbrechen. Ich kann nachfragen, wie eine Frage gemeint ist. Ich kann einen anderen Drehort vorschlagen. Ich kann fragen, warum der Interviewer mich das gerade fragt, was er damit bezweckt. Ich kann Fragen ablehnen. Ja, ich darf jederzeit Nein sagen und schweigen! Unsere Vampirromanautorin wird vielleicht ausgerechnet während eines globalen Blutspendeskandals befragt. Die Boulevardpresse geifert über den Präsidenten von Blutistan, der nicht ganz legal Blutspenden verschoben hat. Unsere Autorin ist in Blutistan geboren. Was liegt näher, als sie für ein politisches Statement zu missbrauchen!? Die Autorin kann aber Nein sagen. Sie kann sagen: Ich äußere mich nicht über den Präsidenten / die Politik. Ich rede über Vampirromane, befragen Sie mich dazu. Nur muss Sie dann auch konsequent sein: Kein Wörtchen über den Präsidenten oder die Politik darf über ihre Lippen kommen! Und sei die Journalistin auch noch so nett.

7. Weniger ist mehr.
Im journalistischen Tagesgeschäft ist Kürzen an der Tagesordnung. Es liegt außerdem in der Natur der Sache, dass man lieber etwas zu viel Material sammelt, als man verwenden kann. Je besser und vielfältiger das Material, desto mehr kann der Journalist aus dem Vollen schöpfen und auf gewisse Themen hin zuspitzen. Hat der Banker nicht nur über seinen Goldankauf geplappert, sondern war auch sonst sehr redselig, so lassen sich aus seinen Worten unterschiedliche Geschichten machen: Eine über Goldankäufe in Zeiten der Pleiten, eine über Konkurrenten im Bankgeschäft, das Portrait eines hämischen Gewinnlers, die Erzählung vom Urlaub auf den Bahamas in der Millionenvilla und vielleicht sogar ein Einspieler über die Beeinflussung der Politik durch einen hochvernetzten Banker. Nichts davon wird erlogen sein, nichts an den Haaren herbeigezogen: Der gute Mann hat schlicht zu viel geplappert!

Halten Sie deshalb durchaus auch öfter inne: Welche Erwartungshaltung hat mein Gegenüber? Diese ganze Historie über die Aktiengesellschaften des 18. Jahrhunderts: Will der das wirklich wissen? Interessiert sie das das Publikum in dieser Lage, in dieser Sendung? Oder ist das nur mein privates Steckenpferd? Wenn Sie dringend solche Geschichten bringen wollen, bürsten Sie sie auf Aktualität. Vielleicht erzählt unser Banker besser, was er von seinem Vorfahr im 18. Jahrhundert genau für diese aktuelle Situation gelernt hat - und dass er nur deshalb noch nicht pleite ist. Tun Sie das nicht, wird man an anderer Stelle des Gesprächs knackigere Sätze suchen.
Je zielgerichteter Sie also beim Thema bleiben, je weniger Sie fröhlich und unbedacht drauflos plappern, desto eher werden Sie sich nachher im Interview selbst wiedererkennen.

Das alles zu beherzigen und trotzdem natürlich und authentisch zu bleiben, ist eine große Kunst. Man kann sie trainieren. Man kann sich sogar coachen lassen, wenn man öfter in der Öffentlichkeit steht. Aber alle anderen, die Anfänger und diejenigen, die nur sporadisch einmal befragt werden, sollten bei all der Aufregung auch locker bleiben. Früher sagte man: "Die Zeitung vom Morgen ist am Mittag gerade noch gut dazu, einen Hering einzuwickeln." Ein Einspieler in einer Nachrichtensendung ist bei neuer Nachrichtenlage schon wieder vergessen. Kein Zuschauer wird ihn so aufmerksam betrachten wie der Interviewte selbst. Man wird also weder das dunkle Haar unter Ihrer Nase entdecken noch diesen einen Satz, den sie so ungeschickt formulierten.
(C) Petra van Cronenburg, alle Rechte vorbehalten

16.03.2014

Renn über die Linie!

16.03.2014 0
Es wird allerhöchste Zeit: Madame schraubt und feilt an einem Ende für ihr Stück "Jeux. Russische Spiele in Baden-Baden", das am 27.5. als szenische Lesung mit Schauspielern des Theaters Baden-Baden Premiere haben wird. Es ist eine völlig neue Erfahrung für mich, direkt für die Bühne zu schreiben. Und ich habe es mir nicht unbedingt einfach gemacht: Aus Finanzierungsgründen läuft das wie bei einem Dreh zum "Tatort". Personen und teure Orte streichen - übrig bleibt ein Kammerstück zwischen zwei Personen, Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew. Kammerstücke sind bekanntlich schwieriger als Massenaufgebot auf der Bühne zu gestalten.

Professioneller Abstand zur Figur im Stück?

Ein nicht nur fiktives Stück über zwei nicht fiktive Personen der Geschichte, mit fiktiven Dialogen und möglichen Emotionen. Irgend ein Schlaule hat einmal behauptet: "Es ist ganz einfach, Theaterstücke zu schreiben. Man muss nur vom Roman alles weglassen, was nicht Dialog ist." Aber klar doch. Und weil man einfach alles weglässt, muss das Publikum dann lachen oder heulen.

Ganz ehrlich: Nichts scheint mir persönlich schlimmer, als zwei Figuren der Weltgeschichte auf einer winzigen Bühne zuerst so in Wut zu versetzen, dass sie sich fast Hass entgegenspucken, um sie dann über eine tieftraurige Phase in eine Szene zu treiben, die ein völlig neues Bild ergibt. Und das auch noch so, dass die Zuschauer wissen, worum es geht, obwohl sie die Dinge nicht kennen, die ein Roman so gemütlich über Hunderte von Seiten erzählen kann. Ich gebe zu: Ich bin ein Weichei. Ich leide mit meinen Figuren oft allzu sehr mit. Wenn sie mir derart ans Herz gewachsen sind, sowieso. Da müssen dann Tricks her, um nicht selbst in Schwermut zu verfallen.

Man macht im Leben bekanntlich nichts umsonst. So bewährt es sich derzeit, dass ich fleißig am Theater in Baden-Baden Laienkurse belegt habe. Ursprünglich, um meine Lesungen noch besser und lebendiger gestalten zu können. So manche Übung kommt mir wieder in den Sinn. Etwa diese: Der Saal ist mit Kreidestrichen in vier Quadrate aufgeteilt, die für Emotionen stehen: Glück, Trauer, Wut, leise Freude. Je näher man an die Linie kommt, desto unverfälschter prallen die Emotionen aufeinander. Alle laufen im Kreis, eine Trommel regelt die Geschwindigkeiten. Zuerst ganz langsam, schreitend. Ohne Worte und Text, ohne Stück und Geschichte mimt man die Emotionen aus dem Viereck, in dem man sich gerade befindet. Mit dem Gesicht, den Armen, dem ganzen Körper. Und das geht immer schneller, bis man über die Linien rennt, von höchstem Glück in tiefste Trauer fällt, sich leise freut oder wütend wird. Es gibt auch Paarübungen, wo man auf Fremde prallt, die eine andere Emotion verkörpern als man selbst.

Preiswerter: Wenn man bis auf die zwei Figuren links alle anderen streicht

Im Geist lasse ich meine zwei Pappkameraden durch den Raum laufen. Renn über die Linie!, rufe ich ihnen zu. Diaghilew schreitet ins Feld väterlicher Gefühle, er will bewahren - Nijinsky kämpft um Freiheit. Der eine wird wütend, der andere ist beleidigt. Der Beleidigte wird noch wütender als der Wütende, der Wütende dagegen traurig. Unerbittlich treibe ich sie mit meiner Trommel an, bis sie sich Dinge sagen, die sie nie aussprechen wollten. Entsetzen und dann diese lähmende Stille.

Da ist noch ein anderer Sog, der an mir reißt. Jeder Satz bekommt in der derzeitigen Weltsituation plötzlich einen Beigeschmack, eine doppelte Konnotation. Der schwule Nijinsky ist wegen eines unzüchtigen Kostüms aus dem Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg herausgeflogen. Damals hat er es absichtlich darauf angelegt, um im freien Paris auftreten zu können. Jetzt sehnt er sich plötzlich wieder nach Russland. Werden ihn die Russen je zurückkehren lassen? Die beiden sind Gefangene ihrer Freiheit: Im eigenen Land hätten sie sich nie derart austoben und entwickeln können wie in Paris, aber Paris hätten sie nicht aufgemischt, wenn sie nicht diese urrussische Kultur im Hintergrund gehabt hätten. Ob am Ende das bestimmt, was auch heute zu bestimmen scheint: das Geld?

Es ist die große Chance für einen Text, wenn er plötzlich weitere Ebenen entwickelt. Es kann ihm allerdings leider auch zum Verhängnis werden, wenn man nicht einen kühlen Kopf bewahrt. Jaja, Stückeschreiben ist ja so einfach: Man muss nur alles Unwichtige weglassen.

12.03.2014

Schönwetterdrösel

12.03.2014 0
Die Sonne bringt es an den Tag: Madame streckt in Gedanken all die vielen Arme weit von sich, die sie derzeit eigentlich bräuchte, und hat die beste Ausrede, Freiluftfaulenzia zu genießen: Es soll wieder etwas kälter werden. Das tut es immer, wenn im Elsass die Magnolien blühen - und die stehen kurz vor ihrer Pracht. Also schnell Sonne süffeln!

Lesungen aus Büchern sind out. Warum nicht aus einem ungelösten Rätsel des Buchs ein Theaterstück machen?
Ich stecke außerdem mit dem Kopf fest in meinem Kammerstück, das noch eine Art Showdown benötigt. Höchste Zeit, denn die Flyer liegen aus, der Vorverkauf hat begonnen. Gleich nach Thomas Mann die Veranstaltung - sicher ein gutes Omen, denn der spielt ja auch im Nijinsky-Buch eine Rolle. Wer die szenische Lesung des Stücks "Jeux. Russische Spiele in Baden-Baden" mit Schauspielern des Theaters in der gleichnamigen Stadt erleben will, der reserviere schnell bei der Bibliotheksgesellschaft seine Karten für den 27. Mai.

Und es wird höchste Zeit, einen Berg Fotos zu sichten. Fotos von einem wunderbaren Garten mit Kunstobjekten ... aus denen ein feiner Bildband werden soll. Alles in Eigenregie als Verlegerin in einem Privatauftrag. Ein Konzept will erdacht werden und mit Texten so montiert, dass der Gestalter sich austoben kann, während der Lektor an den Texten schwitzt.

Gleichzeitig bastle ich schon wieder an einem neuen Blog. Keine Angst, ich bin nicht verrückt geworden, sondern übernehme nach der FB-Seite nun die Social-Media-Arbeit für die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft in Baden-Baden. Es gibt nichts Schöneres, als wenn sich die Arbeit derart an die eigenen Lieblingsthemen annähert! Meine eigene Bloggerei auch im Blog über Nijinsky und in den Grenzgängereien hat sich gelohnt.

War noch was? Die Marketingtante in mir bereitet Vaslav Nijinskys 125. Geburtstag im April vor.

Und die Frau, die gern viele Arme mehr hätte, muss jetzt unbedingt noch Sonne trinken. Und die Magnolienblüten genießen, bevor sie wie jedes Jahr verregnet werden.

04.03.2014

Putin? Wodka!

04.03.2014 0
Die Fasnachtsredaktion Oberes Leserland hat dem Krimiband "Rouge & Revolver" von Dan Rocco die Goldene Bouteille verschärften Grades verliehen. Die offensichtlich überhaupt nicht ernst gemeinten Schnellkrimis dieses Nonames bestechen dabei in ihrem Alkoholgrad, dem der Schriftsteller bei der Arbeit erlegen war. Oder wie ein infizierter Leser meinte: "Vollkommen durchgeknallter Stoff! Ich habe selten so gelacht." Diese halluzinatorische Promillfüllung derart gekonnt mit politischer Brisanz und himmelschreiender Korruption in der Marketingabteilung zu paaren, ist bisher noch keinem Verlag gelungen. Dagegen fallen selbst Rowohlts zwischengeschaltete Pfandbriefobligationen an der Börse ins Bodenlose.

KAUFEN! ABER HOPP!
Dem geneigten Leser fällt nicht einmal auf, dass die Werbespots, die dieses Büchlein finanzieren sollten, schon etwas älter sind. Putin ist eben immer gut, auch wenn die betreffende Wodkafirma den Rubel bis heute nicht rollen ließ. Putin, das ist der Stoff aus dem ... was eigentlich ist? Dan Rocco hat darum die Preisverleihung bitter nötig: Kauft niemand sein Buch, wird er künftig sein Küchenmesser nicht mehr für Schwarzwälder Schinken wetzen können. Wir befürchten Schlimmstes.

Um unseren Lesern einen Vorgeschmack auf die Geschmacklosigkeiten dieses Buchs zu geben, zitieren wir zwei der Werbespots, die dieses Buch unterbrechen, in voller Länge und rufen dem Autor zu: Das geht gar nicht, Dan, das geht gar nicht in dieser verzweifelten Weltlage! Wir bitten außerdem für Verständnis, dass der Autor sich einiges an Textarbeit gespart hat ... Sie erinnern sich ... die unbezahlten Rechnungen.

Werbeunterbrechung 1

Knallrote Gesamtaufnahme des Kreml. Quietschbunte Zwiebeltürmchen. Scharfe Schnitte auf eine quietschbesoffene Kommissarin mit Zwiebelturmfrisur. Wieder der Kreml, regengewaschen, Pfützen davor. Der Kopf der Kommissarin in einer Pfütze auf blank poliertem Kneipentisch.
     Mühsam hebt sie den Kopf und eine Flasche ins Bild. Noch mühsamer lächelt sie, hebt dazu ein Glas und flüstert:
     „Wwwodka Med... Medwed... nur den echten guten Medizin, glucks, MedwedMedwod, äh Wwwwoddd, hicks, Wodka Medwed... also ich, glucks hicks, trinke nur den echten Wodjew Medwedka!“
     Totale auf eine Pfütze, in der sich der Kreml spiegelt.
Ein irrer Regieassistent rennt fuchtelnd durchs Bild und brüllt etwas Unverständliches.
„Cut, Cut! Verdammt noch mal!“, schreit der Regisseur.
„Scheffe, wir hatten inzwischen Wahlen“, sagt der Assistent.
„Na und? Gewinnen doch eh immer die gleichen Nasen!“
„Jetzt ist es der andere“,  beharrt der Assistent.
„Das ist gehupft wie gesoffen. Der soll erst mal das Geld überweisen. Dann kriegt er die zensier... äh korrigierte Fassung nach der nächsten Story.“


Werbeunterbrechung 2

Knallrote Gesamtaufnahme des Kreml. Quietschbunte Zwiebeltürmchen. Scharfe Schnitte auf eine quietschbesoffene Kommissarin mit Zwiebelturmfrisur. Wieder der Kreml, regengewaschen, Pfützen davor. Der Kopf der Kommissarin in einer Pfütze auf blank poliertem Kneipentisch.
     Mühsam hebt sie den Kopf und eine Flasche ins Bild. Noch mühsamer lächelt sie, hebt dazu ein Glas und flüstert:
     „Wwwodka Put... Putput... nur den echten guten Hühner..., glucks, Putputputkaputt, äh Wwwwoddd, hicks, Wodka Puti... also ich, glucks hicks, trinke nur den echten Wodin Putka!“
     Totale auf eine Pfütze, in der sich der Kreml spiegelt.


Aus Dan Rocco: Rouge & Revolver, Edition Tetebrec (alle Rechte vorbehalten). Als DRMfreies Kindle weltweit in Sekundenschnelle auf den Reader zu saugen!

26.02.2014

Armaggedon TV

26.02.2014 2
Ich liebe ARTE. Als Grenzgängerin im französisch-deutschen Raum sowieso. Ohne ARTE und ein paar wenige andere Senderausnahmen müsste ich auf meinem Fernseher Videos anschauen - vor allem abends, wenn mir nach einem anstrengenden Tag mit Medienbeschuss und Schreiberei nach Entspannung zumute ist.

Ist der Mensch eine Zecke, die sich selbst anzeckt?
Ich schalte also gestern zum verspäteten Abendessen die Glotze ein und bekomme auf ARTE ein buntes Menu serviert: Giftgasreste im Meer bedrohen unsere Zukunft und eigentlich kann keiner wirklich was machen / macht wirklich was. Nach dieser mächtigen Vorspeise kämpft man im etwas leichteren Hauptgericht ein wenig in den Metropolen um menschenwürdiges Leben und steigert sich, quasi als Fleischgang, zum globalen Hunger. Ist auch diese Sau durch den Kanal getrieben, gibt's ein Dessert mit "Folter made in USA". Aber da ist dann schon fast Mitternacht ... wer so viel Weltuntergang in so wenig Stunden durchgehalten hat, muss besonders tough sein. Da macht ein bißchen Folter nicht mehr wirklich etwas aus.

Ich bin nicht tough. Ich habe schon vor der Vorspeise umgeschaltet. Ich habe es nämlich satt. Nicht, dass ich mich nicht für das Leid auf diesem Planeten interessieren würde oder kritische Dokus nicht zu schätzen wüsste. Im Gegenteil! Aber ich mag mir die in Häppchen anschauen, weil sie als Eintopf serviert ihre Wirkung verlieren. Nach spätestens drei zukunftsbedrohenden Szenarien bin ich abgestumpft. Ich mag mir solche Dokus anschauen, wenn ich nicht gerade mein leckeres Abendmenu verspeise, denn so ein Körper braucht auch hingebungsvollen Genuss, wenn er denn die Zukunft erleben will. Ich lese mich den ganzen Tag über durch die Medien dieser Welt, bin fast live in der Ukraine bei der Revolution dabei oder wenn irgendwo Hunderte sterben. Irgendwann brauchen Körper, Seele und Geist eine Auszeit, um wieder zu sich zu kommen, um alles sacken zu lassen, um den nötigen Abstand zu gewinnen.

Ja, ich habe dieses geballte Armageddon-TV langsam gründlich satt! Was bleibt nach so einem Marathon, ist kaum nachwirkende Aufklärung. Wer bitte kann zwischen Giftgas-Zeitbomben, Metropolenkämpfen, weltweitem Hunger und Folter noch klar denken? Wer kann da echte Bewusstheit entwickeln für ein Thema, das allein schon fast zu groß ist, um es zu begreifen? Oder ist das alles nur noch Attitude: "Hab mir wieder drei Gruselzukunftsdokus reingezogen und bin echt noch gut drauf!" - "Alter Sack, verträgst wohl langsam nichts mehr, ich hab mir noch ne Doku bei youtube über Tierquälerei zusätzlich runtergeholt!" - "Geil. Und dazu die Show mit dem veganen Essen ... das muss man erst mal schaffen ..."

Dabei gibt es zwei Alternativen: Zurück zur Null-Bock-Bewegung. Die war in meinen jüngeren Jahren mal hip, als die Jugendlichen keinen Ausweg mehr aus der Misere sahen. ... Depressionen sind die neue Volkskrankheit, heißt es heute. Kein Wunder: So ein Fernsehabend haut einen effektiver runter als das Gesamtwerk von Chopin. So viele Baustellen: Die Welt ist schlecht, der Mensch noch schlechter, homo homini lupus und ich selbst bin ja auch so schlecht, weil ich bei dem Kram mitmache und schweige und nichts tue und immer noch nicht vegan lebe und dem Bauern vom Nachbardorf seinen Mais nicht kaputtmache. Er ist aber halt immer noch der Bauer von nebenan. Der Nestléboykott einer Freundin unlängst endete in Hungergeschrei. Zu viel gehört denen schon, wer boykottieren will, mus selbst anbauen und Kühe halten. Aber wenn der Boden doch auch verseucht ist und die Luft ... und das Leben überhaupt ... nicht mal in den Krankenhäusern ist man mehr sicher und so viele Bestatter hauen einen ums Ohr. Die Welt ist doch echt am Ende, oder?

Ich war in meinen jungen Jahren unter der sogenannten Körnerfresserbewegung und in der Friedensbewegung. Wir sind auf die Straße gegangen und haben uns richtig praktisch, vor Ort, mit vollem Körpereinsatz engagiert. Vielleicht, weil man uns nicht fast täglich die gesammelte Merde der Menschheit im Fernsehen um die Ohren gehauen hat. Wir haben nämlich noch Hoffnung gehabt. Wir konnten ein winzig kleines Lichtlein am Ende des Tunnels erahnen. Wir spürten noch mit vollem Körpereinsatz, dass wir etwas bewirkten. Und wenn es lächerlich kleine Ergebnisse waren. Dafür haben wir gekämpft.

Natürlich klärten wir uns auf. Wir lasen eine Menge Bücher, Flugblätter, Spezialzeitschriften. Vor allem aber verschlangen wir alles, was Visionäre und Zukunftsdenker von sich gaben. Es reichte nicht, auf die Straße zu gehen, sich bei Körnerfraß als besserer Mensch zu fühlen oder besonders tough besonders gruselige Artikel auszuhalten! Wir waren damals verrückt auf unsere Fantasie und Kreativität: Gebt uns eine Scheiß-Welt und wir überlegen, wie wir sie ein kleines Stückchen besser machen können! Stellt uns vor Scheiß-Politiker und wir gehen selbst in die Politik und zeigen denen, was eine Harke ist! Und wählen gehen wir sowieso und zwar so, dass die Ultras keine Chance haben. Jammert euch einen ab und wir testen mal durch, ob es nicht auch anders geht ... ohne zu wissen, wie das perfekte Maximum aussehen könnte, ohne diesen Zwang, ein möglichst großer Moralapostel zu werden. Ganz tief da unten im menschlichen Dreck herumprobieren. Und dazu stehen, wenn's scheitert. Weiterwühlen. Als Mensch mit Fehlern.

Heute scheint kaum noch jemand für die wirklih wichtigen Themen auf die Straße zu gehen. Wir geben uns die tägliche Dosis Gerechtigkeitsschlaf in Gutmenschenmanier und diskutieren beim kurzzeitigen Aufwachen, ob man "Gutmensch" noch sagen darf oder nicht. Sobald wir einen politisch korrekteren Begriff gefunden haben, dösen wir weiter. "Die Hölle, das sind die anderen", hat schon Sartre gesagt. Auswege? Grundlegend neues Denken? Visionen wagen?

Wie bitte das denn, nach so einem Abend Lähmungs-TV? Ist einem da nicht eher nach Wortbombenabschmeißen? Brandreden legen? Man kann so herrlich solche Links teilen und sich aufregen dabei. Füße hoch, Pantoffel an, das neue Horror-Genre im Armageddon-TV. Da fühlt man sich beim Bier endlich wieder wie ein ganzer Kerl. Und denken muss man auch nicht mehr, das machen ja die Redakteure so vorbildlich für einen. Ändern kann man sowieso nichts. Nicht nach vier Gruselproblemen am Stück. Auch in einem dunklen Tunnel kann es bekanntlich heimelig und gemütlich sein.

Anmerkung der Redaktion: Die Fähigkeit, das selbst herauszufinden, soll laut neuesten Studien massiv verlorengehen. Denken Sie sich bitte darum in diesem Beitrag öfter einen Zynismusalarm, kleine lustige Ironieglöckchen und bitter schwarzen Humor.

PPS: Falls ich jetzt ARTE inhaltlich bzgl. der genannten Sendungen Unrecht getan habe und sie gaaaaanz anders waren, entschuldige ich mich. Ich habe sie dank der Katastrophenankündigungen ja nicht angeschaut.

PPPS: Ich ärgere mich über meine Rechtschreibung, aber Titel lassen sich nicht editieren. Man kann mit dem altgriechischen Harmagedon schon mal durcheinanderkommen, wenn man es mit Katastrophenfilmen kreuzt. Muss natürlich heißen: Armageddon!

15.02.2014

Tante Erna und die abben Haare

15.02.2014 6
Einladung zum Essen bei Tante Erna. Überhaupt ein vollgestopfter Tag - ich schaffe es gerade noch, den längst fälligen Friseurtermin dazwischen zu schieben. Warum sich also nicht mal für Tante Erna schön machen? Die schaut mich bei der Begrüßung groß an, umarmt mich etwas vorsichtiger als sonst, hält mich dann mit ausgestreckten Armen weit von sich, glotzt und schüttelt ihre wasserwellenondulierte Dauerwelle.


Tante Erna (im Folgenden kurz E genannt): Ja um Himmels willen, geht's dir denn soooo schlecht?
Ich (im Folgenden kurz I genannt): Mir geht's prächtig. Nun ja, ich bin ein wenig müde heute. Das Wetter...
E: Du bist aber nicht ernsthaft krank? Du würdest mir das sagen!?
I: Warum sollte ich krank sein?
E: Na, wie du aussiehst. Da steckt doch was Ernstes dahinter!
I: Tantchen, wie soll ich denn aussehen? Vorhin hatte ich jedenfalls noch keine Tränensäcke ...
E: Na die Haare!
I: Ich komme grade vom Friseur. Bin wahrscheinlich zu gut gekämmt. Wuschelt sich im Haarschopf.
E: Die fallen jetzt aus?
I: Nee, falls da was fällt, waren es Reste ...
E: Aber wenn du nicht krank bist, dann könntest du doch endlich mal wieder richtige Haare haben?
I: Tantchen, das sind meine richtigen Haare. Alle echt.
E: Das sind doch keine richtigen Haare, das sind abbe Haare! Willste dein ganzes Leben mit abben Haaren rumlaufen? Das kannste doch nicht machen als Frau.
I: Ähm, wie bitte?
E: Du willst doch sicher auch mal wieder richtige Haar haben, so lange halt. Also wie sich's gehört. Du kommst ja langsam in das Alter, wo die nicht mehr so gut wachsen ...
I: Keine Angst, Tante Erna. Die wachsen bei mir so schnell, dass ich alle sechs Wochen schneiden lassen muss. Ohne Rasiermesser wären die sogar viel zu dick.
E: Aber du kannst dir doch nicht mit nem Rasiermesser abbe Haare machen lassen, ja bist du denn von allen guten Geistern verlassen!?
I: Wieso?
E: Das machen doch nur Männer! Also wenn du nicht krank bist, abbe Haare mit nem Rasiermesser ... Kindchen, das ist doch nicht normal. Du bist doch krank!
I: Tantchen, ich bin nicht ...
E: Quatsch nich. Gegen sowas hab ich nen Tee. Den trinkste jetzt. Das mit den abben Haaren kann man heilen, glaub mir. Du musst nur ordentlich den Tee trinken und gesund werden wollen. Wirst sehen, die wachsen wieder richtig.

08.02.2014

Das Buch der Absonderlichkeiten

08.02.2014 3
Im Jahr 2003 hat der ganze Irrsinn begonnen. Korrektur: Hatte ich zum ersten Mal das unbedingte Gefühl, galoppierender Irrsinn erobere die Welt. Schriftsteller sind manchmal so. Überall wittern sie Plots in perfekter Dramaturgie und sehen Figuren von Cliffhangers stürzen.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich für meine Autorenarbeit dicke Hefte benutze: Ich nenne sie "Denkhefte". Es gibt mindestens eins für jedes Buch, in dem ich Rechercheschnipsel, Artikel, Gedanken, Zitate etc. sammle, die mir für die Arbeit wichtig erscheinen. Und es gibt Denkhefte, die unabhängig von konkreten Projekten wachsen. Eines davon legte ich im Jahr 2003 an, giftgrün ist es schon aus programmatischen Gründen, denn es trägt den abstrusen Titel: "Buch der Absonderlichkeiten und kuriosen Wirklichkeiten".

Blick in die Glotze: Wer dreht schneller, die Realität oder der Betrachter? (Foto PvC)
 Ich kam nicht weit damit. Ganze drei Seiten sind beschriftet, dann raste der Irrsinn der Welt in den Medien davon, ich wäre gar nicht mehr nachgekommen. Jetzt, mit zeitlichem Abstand, ist der Irrsinn vertrauter Alltag: Ich regte mich damals über die neuen Wörter "Ich-AG" und "Ausreisezentrum" (=Abschiebelager für Asylanten) auf und dass man einerseits sich über die Sekte der Raelianer aufrege, die behaupten, zwei Klonbabies zur Welt gebracht zu haben - und andererseits Embryonen neuerdings als "Zellhaufen" benenne. Apropos ... was ist eigentlich aus den Klonen geworden? Die müssten doch langsam in die Pubertät kommen? Und wen bitte juckt heute noch ein gewisser Donald Rumsfeld, der es gleich mit zwei Zitaten in mein Heft geschafft hat? Nämlich mit seinem strunzdummen Danebenurteil von "old Europe" und mit der Aussage: "Deutschland ist wie Kuba und Lybien. Die sind auch gegen den Irakkrieg". Ja, das hat er gesagt, wenigstens ich habe mitgeschrieben. Dann war er da, der Irakkrieg und meinem Heft blieb die Spucke, pardon, die Tinte weg.

Und heute? Zehn Jahre später? Hätte ich längst einen Bookmark-Ordner anlegen sollen, denn der Wahnsinn treibt derart schnell Blüten, dass ich gar nicht nachkomme, die Meldungen dazu zu sammeln. Jede einzelne befeuert meine Synapsen, mir die schrägsten, skurrilsten, bedrohlichsten und einfach nur abgrundtief dämlichsten Plots für Dystopien auszudenken. Aber in dem Moment, in dem ich eine Idee niederschreiben würde, wird sie von der Wirklichkeit überholt sein! Die Realität macht uns Schriftsteller zuschanden - dagegen haben wir nur Langeweile zu bieten. Dabei meine ich noch nicht einmal den ganz großen Irrsinn des beginnenden 21. Jahrhunderts: das Ausspähen eines jeden Bürgers in all seinen Äußerungen per Internet, Telefon und Briefpost, und sei er noch so unschuldig - um angeblich eben jene Bürger vor den Bösen zu beschützen, die angeblich jene Bürger selbst sein könnten. Also, etcetera, und immer so fort. Oder so ähnlich.

Strawinskys heidnisches "Frühlingsopfer" hätte Disney gefallen: Auferstehung von aufgeblasenen Kirchen und Teekännchen. Im Original tanzte sich die Jungfrau für die unberührte Erde tot ... (PvC)
Und dann war wieder so ein Tag. Viele Artikel hatte ich für meine dystopische Sammlung verpasst. Würde man morgen noch darüber lachen, dass Amazon sich mittels der Militärtechnik von Drohnen vorzeitige Buchabwürfe in Neubaugebieten ausdachte? Und das, während woanders durch Drohnen ganz andere Dinge Menschen fielen? Hat eigentlich irgendwer mitbekommen, dass wir künftig alle Hartz-IV-Empfänger als Versuchskaninchen auf eine Insel schicken könnten (und dort gleich lassen), um an ihnen z.B. das bedingungslose Grundeinkommen zu testen? (Aber wahrscheinlich gründet man da nur neue Steueroasen für Superreiche und Politiker). Dann hätten wir das Thema doch ein für alle Mal los!

Und während wir derweil in fair gehandelten, 100% veganen und garantiert kohlesäurefreien Klamotten auf der geothermierten Erde hocken und uns vorstellen, wie wir sanft aus einem Zeitalter des neoliberalen bis durchgedrehten Kapitalismus in ein menschenfreundlicheres System gleiten, uns gar Regularien und Kontrollmechanismen für den perfekt guten Menschen ausdenken (Demokratiebestrebungen), kommen frech zwei Typen daher ... einer Science-Fiction Autor, einer Aktivist ... und die wollen uns erzählen, dass fünf Megakonzerne längst die Übernahme der Weltherrschaft planen??? Ja geht's noch?!? Können die doch nicht machen! Wir jubelten doch gerade noch der Kurzweil von Google's Ray Kurzweil zu, der uns 200 Jahre alt machen will und die dämliche Wirklichkeit endlich durch Virtuelle Welten komplett ersetzen möchte. Wenn wir nicht schon vorher durch unsere Brillen zu debilem Gemüse geworden sind.

Kann bitte mal einer dieses Karussel anhalten? Was, Aussteigen geht nicht mehr? Da spioniert also nun diese eine Nation namens NSA ihre eigene Nation namens USA und ganz viele andere Nationen und befreundete Politiker und unschuldige Bürger aus, dass es kracht. Und dann kommt so eine f*cking oberdiplomatische Lady daher und spuckt laut auf die f*cking EU (was hat Rumsfeld 2003 gesagt! / Transscript) und dann sind plötzlich alle f*cking beömmelt, weil vielleicht die Russen auch dieses f*cking amerikanische youtube benutzen? Hey, guys, keep calm, solange euch nicht die GEMA eine Abmahnung schickt, weil ihr am Telefon Kinderlieder singt und euch gegenseitig einbettet, ist die Welt doch in Ordnung! F*cking obergeil ist das sogar, wenn ihr euch jetzt alle gegenseitig ins Netz stellt, statt f*cking elende Kollateralschäden tot zu bomben in Kriegen vom Joystick aus.

Hat eigentlich schon einer die Weltherrschaft für youtube gefordert? Würde Zeit. Putin ist nämlich inzwischen der bessere Disney und wir hätten dann endlich mehr schöne f*cking bunte Gucklöcher aus unseren Gummizellen heraus. Vorausgesetzt, jemand stopft endlich der GEMA das Maul. Wäre das nicht was für die UN ... ? Ich frag ja nur mal so ganz naiv. Solange die nicht mit dem Papst und dem anderen Weltgegrummel weiterkommen, wären da doch sicher Kapazitäten frei?

Soso, dieser Beitrag hier sei wirr, klinge verrückt und man könne Ironie vom Ernst nicht unterscheiden? Warum soll es anderen besser gehen als mir? Ich habe zumindest eine gute Ausrede: Ich schreibe mich hier warm, um ganz bald eine der skurrilsten, gruseligsten und herrlichsten Dystopien zu empfehlen, die ich seit langem gelesen habe. Vielleicht schreibe ich das aber auch nur, weil die letzte Lieferung der NSA-Gummitapete fehlerhaft war und mir bei Google Glass eine Dioptrie fehlt.

26.01.2014

Anna Orlando auf Klamottensuche

26.01.2014 4
Anna Orlando hat viel mit dem geheimnisvollen Grafen von Saint Germain gemeinsam: Sie hat einen ausgeprägten Hang zur Hochstapelei, eine schier überbordende Fantasie, die oft die Grenzen zur Wirklichkeit verwischt ... und sie lebt schon viel zu lange, um wahr zu sein. Aber wie der echte Graf läuft auch sie im wirklichen Leben herum ... heute noch. Sie hat nur ein ganz schlimmes Problem, das der Graf nie hatte: Sie hat nichts anzuziehen!

Anna Orlando in Sepia, Ende 19. Jhdt.
Anna Orlando will in Baden-Baden gelebt haben, als es die badische Prinzessin Louise Richtung Zarenhof verlassen hat, und behauptet, noch den weltberühmten Opernsänger Schaljapin in einer Kneipe singen gehört zu haben. Macht nach Adam Riese ein heutiges Alter von genau 200 Jahren. Dafür hat sie sich recht gut gehalten. Zumal sie sich als Salondame schon mindestens 150 Jahre lang viele Nächte um die Ohren schlägt. Sie will  in den Salons von Turgenjew / Viardot genauso gesessen haben wie bei Fanny Leland oder Rachel von Varnhagen-Ense, hat die Pawlowa tanzen gesehen und Nijinsky erwischt, wie er sich heimlich aus dem Grandhotel stahl. Sie kennt den Tratsch jener Gesellschaft, die intimen Briefe und die Tratschpresse von damals obendrein.

Unter den Reichen und Schönen und Mondänen fällt sie kaum auf, wenn sie bei Monsieur Ritz ihren Tee nimmt. Sie ist gut zu Fuß, promeniert vom Kurhaus, wo die Herren Blankwaffen kaufen und die Kokotten in Negligés zwischen den Verkaufsbuden warten, entlang der Lichtentaler Allee bis hin zu Dostojewskijs lächerlicher Absteige. Aber was bitte zieht man dazu an? Anna Orlando kann eines nicht wirklich ab: Die einzwängende, unmenschlich knechtende Frauenmode des 19. Jahrhunderts. Sie hätte sich wie die Petersburger Salondamen eher in Männerkleidung geworfen. Sie schafft den Modesprung nicht vom Jugendstil um 1900 zu den Lieblingskleidern aus den frühen Jahren des Ersten Weltkriegs. Ist einfach alles irgendwie schön!

Jemand, der so lange lebt wie sie, findet: Das kann man doch sicher irgendwie in einem Zauberkleiderschrank mixen? Vielleicht muss man den Schrank nur mit einer ausgeklügelten Steam-Punk-Maschine in Oszillation versetzen? Her mit dem Fummel zwischen viktorianischem Adelsprunk, Fin-de-siècle und 1910ern, auf Straßen des 21. Jahrhunderts getragen! Das muss doch zu machen sein?

Anmerkung: Anna Orlando ist eine Kunstfigur, die ab Juni live auf Zeitreise geht ... sprich, ihre Hochstapeleien vor Publikum des Jahres 2014 ablässt.
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