21.09.2014

Wie wär's mal mit Gemütlichkeit?

21.09.2014 1
Ich hatte schon immer ein Herz für Krimis. Nicht zuletzt deshalb durfte sich der kuriose Dan Rocco alias Dirt Diggin' Dog bei mir mit seinem skurrilen E-Book "Rouge & Revolver" austoben, auch wenn seine Leichen reichlich abstrus in Gurkenfässer und Karmafluid fallen. Was ich aber gar nicht abkann: Diese ach so hippe Serienmörderperversionsbrutaloblutsuppe, die sich angeblich vor allem brave Hausfrauen am laufenden Kilometer reinziehen, anstatt ihrem Ehemann laut zu sagen, warum sie so aggressiv gelaunt sind.

Der Mörder ist nicht immer der Gärtner!

Ich mag auch nicht immer brutalere und grausamere Fernsehkrimis, wo ich quasi live beim Sezieren in Brustkörbe eintauche oder mir in minutenlangen Einstellungen mitansehen muss, wie ein gescheiterter skandinavischer Alkoholiker jungen blonden Frauen bei lebendigem Leib die Leber in Stückchen herausschneidet, nur, weil ihm seine blonde Mutter gesagt hat, er solle gefälligst aufhören, auf den Nägeln zu kauen!

Ausgerechnet ich, die ich die gesammelten Werke besitze von Leuchten wie Dashiell Hammett, Ross MacDonald oder Raymond Chandler ... ganz zu schweigen von den großen Engländerinnen wie Dorothy Sayers, Agatha Christie, Martha Grimes oder P. D. James, finde in meinem Lieblings-Genre zwar jede Menge einfallsloser Cover in Schwarz-Weiß-Rot-Optik, aber kaum noch Lesbares. Tana French und Ian Rankin waren meine letzten Entdeckungen - bevor ich allerdings einen skandinavischen Krimi lese, kann ich gleich zu viel Wodka trinken. Aber ich kann doch nicht immer nur Inspektor Barnaby anschauen (und dabei einschlafen)!

Ich weiß, in Midsomer fallen wahrscheinlich mehr Menschen tot um als unter der Schreckensherrschaft des durchgeknalltesten Serienmörders. Man kann solchen Krimis eine Menge vorwerfen: Vom öden Seniorenfutter bis zur fragwürdigen Perversion, mordlüsterne Dorfbewohner zu verharmlosen, als seien sie Dekor aus einem Pilcherfilm. Aber eines sind sie immer: Whodunnits, die guten alten Rätselkrimis, bei denen man sich eigentlich am eigenen Scharfsinn ergötzt und daran, dass die chaotische Weltlage am Ende endlich wieder in Ordnung gebracht wird. Kann es sein, dass mit der derzeit grausamen und brandgefährlichen Weltlage das Bedürfnis nach einem schön gestylten "Kuschelmord" wieder wächst? Für alles andere haben wir doch die IS und die Ukraine?

Gärten verraten viel über Menschen. Auch über Mörder ...

Jedenfalls ist mir etwas Nettes passiert: Durch meinen frisch operierten Hund ein paar Tage außer Gefecht gesetzt an einem Laptop ohne Internet, kramte ich meine Festplatte durch. Und fand einen nunmehr sechs Jahre alten Text, der so beginnt:
Es war einer jener Tage, an denen zwei Dinge besonders nervten: hohe Brennnesseln und wunderliche alte Damen.
Nie wieder werde ich Romane schreiben, dachte ich ein Jahr nach Verfassen der rund 160 Seiten. Denn ich hatte damals einen völlig unerklärlichen Reinfall erlebt: Mein Agent bekam das Manuskript auch im großen Verlagsdurchgang nicht los. Nicht etwa, weil es schlecht gewesen wäre. Lob kam aus den feinsten Verlagen, ein paar besonders mutige Lektorinnen gestanden heimlich, echtes Vergnügen empfunden zu haben. Aber solche Krimis wolle keiner. Das dürften sie nicht ankaufen. Viel zu gemütlich! Das könne ich in England loswerden, wenn ich Engländerin wäre, womöglich sogar als Lizenz nach Deutschland verkaufen (welche Perversion!). Das seien ja Dorfzustände wie in dieser "neuen" Serie, wenn auch rasanter und humorvoller ... also dieser komische Barnaby, den ja garantiert kaum jemand gucken würde. Ob ich nicht was mit Serienmördern hätte. Härter bitte, ein wenig Folter, mehr Blut. In meinem Manuskript floss leider gar keins sichtbar.

Die Ideen liegen auf dem Lande auf der Straße ...

Regiokrimi wollte ich auch nicht. Zu viel Lektorenbaukastenwünsche. Nein, mein Rosenried ist eine fiktive Region wie Midsomer ... nur die Orte am Rande lassen einen rätseln, ob es diese Landschaft nicht doch gibt - aber die Welt selbst mit ihren skurrilen Bewohnern ist natürlich dreist erfunden und erlogen!

Tja, damals war ich noch naiv und glaubte den Verlagsleuten ihr Bild vom "gemeinen Leser". Sechs Jahre später lese ich das Manuskript äußerst selbstkritisch und bin ... begeistert! Das bin ich selten von eigenen Texten. Aber ich bin mir sicher, dass heute der Hunger da draußen nach mehr Gemütlichkeit noch größer ist als damals. "Cozy mystery" ("cozies"), ein echt englisches Untergenre wie die "amateur sleuths", muss ganz und gar nicht daherkommen wie eine Seniorensendung zum Altenheimabendbrot um 17 Uhr! Es darf durchaus psychologisch genau Menschen nachzeichnen und die heutige Gesellschaft vorführen. Aber es soll, verdammt noch mal, vor allem richtig gut unterhalten und darf dann auch mal die Folterbilder aus den Nachrichten mit Bildern von netten, sauberen Leichen überlagern, wie sie sie Tante Erna und Onkel Erwin am heimischen Kamin ermordet haben könnten. Meine Liebe zu Miss Marple kann ich nicht leugnen.

Ich wollte nie wieder Romane schreiben. Aber was geht mich mein Geschwätz von gestern an?

Nie war die Zeit reifer für Gemütlichkeit. Und mein Ermittlertrio um die Hilfsgärtnerin Amanda Joos ist nicht totzukriegen!
Nicht, dass ich jetzt demnächst damit herauskäme oder sonst nichts zu tun habe. Geldverdienen geht natürlich vor. Aber ich gestehe: Ich habe die konzentrierten Tage damit zugebracht, das Manuskript aus dem wohltuenden zeitlichen Abstand heraus gründlich zu lektorieren. Heute kann ich Dinge, die ich damals nur ungenügend schaffte. Heute weiß ich, wie es geht. Und wenn mal wieder ein mieses Fernsehprogramm mit blutstrotzenden Folterkrimis läuft, dann schreibe ich mir meine Leichen selbst schön. Man hat ja sonst keine Hobbys.

Aber mal ehrlich: Ich kann doch nicht einen Text von 160 Seiten, wo gerade eine zweite Leiche auf einem Komposthaufen gefunden wird, der auch noch frisch überarbeitet wurde (der Text, nicht der Kompost), einfach wegwerfen? Was für ein Verbrechen! (Was für ein mieser Bandwurmsatz). Zumal mir dieser lange Schlaks von scheinbar (!) dämlichem Kommissar mit seiner Marzipansucht schon genauso ans Herz gewachsen ist wie die schräge Ela mit ihrem polnisch-absurden Humor. Ich kichere immer noch, wie die ihren Schwiegersohn in spe beim angeblichen Augenzeugen einschleust ... oder über Hildegard Nöten, die Dorffrau in Kittelschürze, die um den Kaplan herumscharwenzelt, der sich viel zu gut mit Pflanzengiften auskennt. Ach, hab ich schon von der schönen jungen Frau erzählt, die alles mit einem tiefen Lungenhauch spricht? Oder wie Amanda in die Kondolenzrunde auf dem Dorf platzt, die in ein lustiges Bierbesäufnis ausartet?

PS: Ja, ich erzähle diese Geschichte seit wahrscheinlich sechs Jahren immer wieder. Aber Schriftsteller brauchen das manchmal. Während sich der Rest der Welt Mut mit Alkohol antrinkt, müssen wir uns Mut anschreiben.

09.09.2014

Jagdfieber

09.09.2014 0
Kürzlich habe ich mein neues Buchprojekt beschrieben. Darin heißt es: "Und vielleicht kann ich das ein oder andere Foto aus jener Zeit, aus jener exotischen Gegend beschaffen." Das ist nun Schnee von gestern. Es kommt mir zugute, dass ich professionelle Recherche gelernt habe und auch schon für Verlage Abbildungen suchen durfte - nun bin ich nämlich in eigener Sache versumpft in Museen und Archiven, Fotodatenbanken, rund um den Globus dank Internet. Und nach ein paar Stunden bin ich derart vom Jagdfieber gepackt wie schon lange nicht mehr!

Ich habe nämlich Fotos gefunden, die alles übertreffen, was ich mir erhofft habe. Es geht um die Zeit um etwa 1900 - allein deshalb ist es schon ein Glück, wenn man Bildmaterial in ausreichender Qualität findet. Nun aber bin ich sogar auf eine damals absolut populäre Erfindung gestoßen: Stereokarten! Man hat um die Jahrhundertwende Stereoskopien verschickt, die man mit einem speziellen Aparat anschaute, die aber auch bei leichtem Schielen zu einem 3-D-Bild werden. Kaum zu glauben, aber ich halte solche Bilder von den Schauplätzen jenes Romans und der Tagebücher in Händen. Ob das auch auf dem E-Reader funktionieren wird? Doch nicht nur das ... anderes Material zeigt Menschen, die im Buch vorkommen, selbst vom Schiff, mit dem die Autorin ans andere Ende der Welt reiste, gibt es Fotos! Das Material ist so fantastisch, dass es nicht nur mein Essay beeinflussen wird, sondern parallel zu den Texten eine beredte Sprache spricht. Teilweise ist es allerdings auch von einer Brutalität, wie man sie heutigen Medien vorwirft, Bilder, die sich damals durchaus auch in den Boudoirs der Damen der Gesellschaft wiederfanden. Kurzum: Zeitzeugenmaterial, von dem man nur träumen kann.

Zu früh frohlocken sollte man jedoch nie: Es bleibt mir noch ein gutes Stück Recherchearbeit um die Rechte vor allem einer Firma, nebst Rücksprache mit dem Anwalt bei den kniffligeren Fällen. Leider wurden da Copyrights nach Auflösung der Firma weiterverkauft. Internationale Fotorechte sind ein schwieriges Kapitel, zumal sich die Gesetze sei 1900 auch ständig verändert haben. Aber selbst mit dem garantiert rechtefreien Material kann ich schon fein illustrieren.

Damit kommt eine weitere herausgeberische Frage auf mich zu. Der Text hat jetzt schon ca. 400 Seiten. Natürlich kann man E-Books unendlich aufblasen, sie kosten ja kein Papier. Aber sind sie dann noch lesefreundlich? Oder verträgt ein solch reichhaltiges Buch nicht vielleicht sogar zwei Bände? Sollte ich lieber auf zu viele Fotos verzichten? Es bleibt spannend.

PS: Ich hätte gern eine Kostprobe der Bilder hier gezeigt, aber dann ist eindeutig klar, wo das Buch spielt. So viel will ich noch nicht verraten.

05.09.2014

Projekt Blau: eine faszinierende Frau

05.09.2014 0
Es gibt doch nichts Schöneres auf der Welt, als endlich mal wieder ein Buchprojekt zu machen, das ich mir selbst mit Herzblut ausgedacht habe, das mich fasziniert und von dem ich finde: das muss die Welt lesen! Keine Angst, ich spreche diesmal nicht von mir, so selbstverliebt bin ich dann doch nicht. Alles fing mit einem zufälligen Trüffelfund an, einer Jagd in den Antiquariaten und einiger Recherche rund um den Globus. Die Edition Tetebrec hat damit für die Zukunft eine neue Reihe - faszinierende Frauen. Und ein erstes Projekt, das bereits etwa 400 Normseiten hat, und das ich "Projekt Blau" nenne, um nicht zu viel zu verraten.

Projekt Blau: drei Bücher in einem?
Die "pinke Reihe" - Protest gegen Barbie auf dem Ponyhof

Die Reihe, die im Laufe der Zeit entstehen soll, heißt in meinem Kopf noch "die pinke Reihe", weil sie aus Auflehnung gegen das Barbiekonzept der Frau und all die modernen rosa Verlagsbücher entsteht, in denen es vor unbedarften Prinzessinnen nur so wimmelt. Mir erscheint das wie ein Rückschritt, denn in meiner Studentenzeit boomte nicht nur die feministische Bewegung, wir lasen auch reihenweise gescheite und aufregende Bücher in Reihen wie z.B. "neue frau" bei rororo (1977 am Start). Heute findet man unter diesem Titel eine Buntpapiersammlung, pardon Zeitschrift, mit Kochrezepten und Yellowpress-Geschwätz.

Und das ist in meinen Augen so symptomatisch für unsere Zeit: Wir haben scheinbar die Frau zur Protagonistin in der Literatur befreit, aber sie ist zum Abziehbild oft extrem konservativer Rollenklischees verkommen. Die toughe Chicklit-Heldin hat hippe Trendberufe, schmeißt Haushalt, Kinder und Beruf mit Links und sucht doch auch nur wie das verlorene Mädel von einst nach dem Märchenprinzen. Parallel dazu verdingen sich Autorinnen überproportional oft in unteren Honorarbereichen, schaffen Kilometer und Tonnen massenkompatibler Unterhaltungsbücher, während die Herren der Schöpfung nach wie vor die literarischen Buchpreise, Stipendien und Kritikerposten im Feuilleton dominieren. Wir Frauen wollten in den 1970ern und 80ern die Welt verbessern, in vielen Teilen haben wir das auch geschafft. Aber die Buchwelt ist heute so "rosa" wie nie!

Ich bin ein Mensch, der sich bei Büchern wenig um Geschlechter schert. Ich hatte noch nie Probleme damit, mich mit männlichen Haupftfiguren zu identifizieren und manche weiblichen doof zu finden. Ich finde Menschen spannend. Und deshalb kann ich auch gut über Männer schreiben - wenn sie guten Stoff hergeben. Mich regen Bücher von Männern und über Männer nicht auf. Drastisch gesagt: Mich regen diese rosa Weibsbilder auf, die auf dem Ponyhof dem nächsten Zweibeiner entgegenschmachten und ihr Hirn im Spitzenhöschen verlieren. Denn da draußen gibt es so viele hochspannende, erschreckend aktuelle, absolut faszinierenden Frauengestalten, die wir unter all unseren Hypes und Trends vergessen haben. Die will ich sichtbar machen. Denen will ich einen Platz für ihre wunderbaren Texte geben und Gehör verschaffen. Nichts gegen Ponyhöfe - auch die haben ihre Berechtigung. Nur mir persönlich reichen sie nicht.

Meine "pinken", frech magentafarbenen Frauen sind leider alle schon länger tot. Aber genau deshalb können sie etwas, was den lebenden Autorinnen in diesem Ausmaß oft nicht gelingen mag: Sie spiegeln unsere Zeit, unsere Gesellschaft, uns selbst. Wie weit haben wir uns von dieser Welt entfernt? Wie sehr sind wir ihr noch verhaftet? Sind wir wirklich so modern, wie wir glauben? Könnten wir an dieser Spiegelung wachsen, von ihr lernen?

Das Projekt Blau

Am Anfang steht ein mitreissender Roman einer völlig vergessenen Autorin. Die Protagonistin ist edel und unglücklich verheiratet, bewegt sich in adligen Kreisen und jettet mit den damaligen Fortbewegungsmöglichkeiten um die Welt. Innerlich vereinsamt in der High Society von New York gelandet, geht sie mindestens brieflich fremd und zeigt ihr wahres Frausein einem Mann gegenüber, der unerreichbar am anderen Ende der Welt verschollen scheint. Er ist Abenteurer, Forscher, Weltenbummler - lebt genau das, was die gut behütete Protagonistin gerne leben würde, wäre sie denn frei. So bleiben ihr ein entlarvender Humor und die Feder als Seziermesser, um die Gesellschaft um sich herum zu entlarven und nebenbei auch recht klug zu politisieren. Letzteres ist fast unauswechlich, denn die Welt scheint zum Pulverfass geworden zu sein. Unerwartete Konflikte putschen sich in eine Waffengewalt hinein, die das gesamte System bedroht.

Ein Roman, mitreißend, rasant und auch sehr gefühlvoll geschrieben, überraschend modern und lesbar, erfreulich klug, humorvoll und sensibel in seiner Beobachtung. Sofort nach Erscheinen wurde er in mehrere Sprachen übersetzt und ein Weltbestseller.

Aber der Clou kommt erst noch. Die Autorin ist nämlich ebenfalls höchst unglücklich verheiratet, zwei Mal sogar. Sie geht in höchsten Adels- und Politikerkreisen ein und aus, hat Beziehungen zum kaiserlichen Hof. Sie reist um die Welt. Und viele der Figuren in ihrem Roman erscheinen so lebendig, dass sie echt sein könnten. Das hat auch ihre Umwelt damals begriffen. Die Autorin war eine der ersten in der Geschichte, die von der damals aufkommenden Boulevardpresse wahrhaft verhackstückt wurde. Man warf ihr vor, sich an respektablen Berühmtheiten vergangen zu haben. Man warf ihr vor, in ihrem Roman mehr Tatsachen als Erfindung eingebaut zu haben. Hat sie das?

Den Roman der Autorin kann man beim Projekt Gutenberg und anderswo kostenlos nachlesen. Die Leistung in meiner Neuausgabe besteht darin, dass ich ihn nicht einfach nur vervielfältige und gar allein stehen lasse. Ich habe ihre Tagebücher gefunden und stelle zum Roman genau die Passagen, die der Geschichte des Romans vom Handlungsort her entsprechen. Plötzlich bekommt die fiktive Geschichte Verknüpfungen in eine Realität hinein. In die Realität eines brutalen politischen Machtkampfes und einer zerbröckelnden Gesellschaftswelt, in die Vorwehen eines Untergangs hinein, die erschreckend an moderne Konflikte der jetzigen Zeit erinnern. Werden wir die Weltlage so klug mit Abstand betrachten können? Oder blind in die Zukunft wanken wie jene dem Kapitalismus verfallene Adelswelt jener Zeit, die betrunken auf dem Vulkan tanzt?

Und da oszilliert noch etwas: Selbst die Tagebücher sind brillant geschrieben. Inwieweit inszeniert sich eine Schriftstellerin bis ins private Schreiben hinein - und wie stark entlarvt sie ihr Selbst in der Fiktion? Wo und wie lebt diese Frau ihre wahre Wunschrolle aus, wo scheitert sie an Konventionen?

Beide Texte habe ich behutsam an heutige Schreibweisen angeglichen und vor allem mit Kommentaren und Übersetzungen versehen. Der Roman ist flüssig zu lesen. Aber das polyglotte Deutsch der Oberschicht von damals, wie sie es in den Tagebüchern benutzt, ist heute nicht mehr für alle verständlich. Hier hat sich in Sachen Bildung von breiten Schichten leider wenig getan.

Aus der Gegenüberstellung von Fiktion und Realität mögen sich die Leserinnen und Leser eigene Bilder und Vorstellungen erschaffen. Das liest sich dann stellenweise, als hätet jene Autorin neben ihrem Roman gebloggt oder bei Facebook aus ihrem Leben erzählt. Aber bleibt da nicht ein Hunger? Den will ich mit einem Essay stillen. Einem Essay über jene faszinierende, völlig vergessene Schriftstellerin und ihre Zeit, auch mit geschichtlichen Erklärungen, was damals wirklich geschah. Politisch wie im privaten Leben. Und vielleicht kann ich das ein oder andere Foto aus jener Zeit, aus jener exotischen Gegend beschaffen.

Der Text der Printversionen, die ich beschafft habe, ist so weit überarbeitet und korrigiert, dass er erfasst werden kann. Es müssen nun die Übersetzungen und Kommentare eingefügt werden und dann geht es an das Essay. Ich komme gut voran. Nur muss ich mir einen besseren Reihentitel ausdenken als "die pinke Reihe" ...

23.08.2014

Langsames Wiedereintauchen

23.08.2014 6
So langsam taucht das Spaceshuttle PvC wieder in die Bloggosphäre ein. Es ist schon verrückt, wie lange man braucht, um nach Wochen ohne Wochenenden und Pausen im Malocher-All überhaupt wieder zu landen. Da sind zunächst nicht einmal das schnöde Nichtstun oder echte Entspannung möglich, die Raumkapsel würde im süßen Nichtstun verglühen. Irgendwann hat einen dann das ganz normale Erdenleben wieder, die Erdung erfolgt durch sonst so unliebsame Arbeiten wie Osterputz im Raumschiff oder Rasenmähen in Cap Canaveral. Man streift die verschwitzten Raumanzüge ab, sammelt die müden Knochen ein und atmet endlich wieder Atmosphäre.

Die Erde hat mich wieder: Nichts ist erholsamer als Natur ...und Kühe!

Und dann gibt es plötzlich einen Knall, einen Rückstoß und Besinnung funktioniert wieder. Drei Parteien zerren gleichzeitig an einem, aber jetzt reicht's! Ras-le-bol: Was wollte eigentlich ich? Der Moment der Ideen, der Inspirationen - und weil es so viele sind, will ein Plan erstellt werden.

Ja, ich erhole mich derzeit noch vom letzten Projekt. Nicht, weil es etwa keinen Spaß gemacht hätte - ich liebe diesen Beruf! Aber man kann auch mit professioneller Leidenschaft bis an die Grenzen der Erschöpfung arbeiten und dann braucht es Tage des Herumdödelns, stundenlange Wanderungen oder so "irdische" Tätigkeiten wie Fensterputzen. Drei Kreuze schlage ich, weil ich gleichzeitig fristlos bei einem Charity-Projekt gekündigt habe, das ich mit Herzblut so gut wie ehrenamtlich gemacht hatte und dann trotz einstimmiger Beschlüsse nur Undank erntete. Abschuss: Dass ich beim bösen amerikanischen Facebook auch noch "kommunizierte" ... das ginge ja gar nicht (Meine Arbeit bestand in Social Media PR!). Merke: Schlechte Kunden entpuppen sich meist tatsächlich als schlechte Kunden, denn wer gute Arbeit zu schätzen weiß, zeigt das auf finanzieller und Motivationsebene. Was für eine Befreiung auch im Kopf: Ich kann doch eigentlich das gleiche Thema selbst beackern, nun aber in völliger Freiheit, ohne Schwere im Kopf!

Tatsächlich werden die nächsten Projekte jetzt erst einmal nach Liste abgearbeitet. Einige Backlisttitel müssen endlich als E-Book erscheinen, in der Schublade nutzen sie niemandem etwas. "Das Buch der Rose" ist dabei, aber auch meine uralten damaligen Bestseller "Geheimnis Odilienberg" und "Schwarze Madonnen" möchte ich wieder auflegen. Das Buch über den Odilienberg muss leider grundlegend neu bearbeitet, stellenweise neu geschrieben werden, seit 1998 hat sich nicht nur die Faktenlage stark verändert, sondern auch mein Schreibstil. Und das ist auch gut so, denn so lässt sich einiges versachlichen, was damals vom Verlag einem Trend zuliebe für meinen Geschmack doch zu verrückte Esoteriker anzog. Und mein E-Book "Alptraum mit Plüschbär" muss dringend ein neues Cover bekommen und wohl wieder den alten Verlagstitel "Stechapfel und Belladonna", denn mit dem schröcklichen Aussehen derzeit verkauft es sich so gut wie nicht, während der "Lavendelblues" brummt und brummt.  Und das kann nur am Aussehen liegen, beide Romane sind schließlich von der gleichen Autorin! Beim Lavendelblues ließe sich endlich auch eine Printversion andenken, der antiquarische Markt scheint sich etwas erschöpft zu haben.

Die Debatte vom Preisverfall bei E-Books und einer Zukunft in Streamingdiensten sehe ich relativ gelassen. Für mich ist das E-Book als 1:1-Abklatsch sowieso nur ein Übergangsmedium, das ich in meiner Edition Tetebrec nutzen möchte wie einst Bücher um 1900 bis 1920 gestaltet wurden: Das E-Book als preiswerte Volksausgabe, ohne Schnickschnack ... und für die Liebhaber die eher limitierte Luxusausgabe im Print, die sich dann aber grundlegend vom E-Book unterscheiden wird. So wird es "Das Buch der Rose" elektronisch als reine Leseausgabe geben, die dann eben nicht wie ein aufwändig illustriertes Printbuch 20 Euro kosten muss.

Auf der To-Do-Liste steht außerdem die Wahl eines Distributors, um all meine E-Books auch in andere Shops als Amazon zu katapultieren. Und wenn wir schon mal dabei sind, dass einige Konzerne nicht mehr unterstützen möchten, so denke ich auch an einen eigenen Webshop - das macht Kunden vielleicht etwas mehr Mühe,. belässt aber die Tantiemen bei derjenigen, die die Bücher nun wirklich erschafft. Nicht, dass ich mir nennenswerte Einkünfte davon verspreche, dazu haben all die anderen E-Book-Shops einfach zu wenig Power. Aber ich mache mir in der Tat Sorgen: Die Debatte um Amazon wird vom Börsenverein und einigen Branchenplayern derart überemotionalisiert und verzerrt (scheinheilig noch dazu) geführt, dass es langsam geschäftsschädigend werden könnte für all diejenigen Autoren und Verlage, die auf Amazon angewiesen sind, weil sie bei den mächtigen Buchhandelsketten gar keine Chancen haben. Die übrigens mit dem unabhängigen Buchhandel nicht minder übel umgehen zum Teil, aber das darf man nicht laut sagen. Selten war eine Debatte so verlogen. Einer von Deutschlands Edelverlegern hat es letztens erst wieder privat und hinter vorgehaltener Hand gesagt: Ohne Amazon gäbe es seinen Verlag längst nicht mehr, denn die Ketten legen seine Bücher ungern aus und bei Amazon sind sie jederzeit sichtbar und bestellbar - er habe da Chancen wie selten vorher. Selbst Suhrkamp betreibt - verschämt verschwiegen - einen eigenen Amazonshop! Ich persönlich rechne mit der Evolution, die all das richten wird - die eigentliche Debatte müsste nämlich um Zukunftsvisionen geführt werden, um Chancen und Kooperationen anstatt um wegfallende Privilegien und Konkurrenz.

In Baden-Baden entdeckt: Eine Autorin, die nach New York und Peking führt.

 Gleichzeitig liegt mir ein anderes Buchprojekt am Herzen, um das ich öffentlich noch keinen Bohei machen möchte. Es wird eine Gegenüberstellung werden von einem Roman und Tagebuchaufzeichnungen, verbunden durch ein Essay von mir ... Tagebuch und Roman von einer anderen Autorin, die nicht nur grandios schreiben konnte, sondern ein unwahrscheinlich aufregendes Leben hatte und in einen politischen Konflikt geriet, der heutige bewaffnete Konflikte erschreckend spiegelt. Das wird ein richtig fetter Wälzer werden ... ideal fürs Medium E-Book! Insgeheim nenne ich es den Auftakt einer "pinken Reihe". Nein, die wird nicht pink werden, aber die Idee kam mir beim Anblick von grausigen rosa Mädchensachen für erwachsene Frauen. Es gibt so unwahrscheinlich starke Frauengeschichten, Autorinnen, Frauengeschichte!

Das reicht fürs Erste nach der Urlaubszeit ... irgendwie müsste ich zwischendurch auch mal wieder "richtig" Geld verdienen, denn ein paar Backlisttitel füllen noch keinen Heizöltank. Trotzdem: Jetzt werden erst einmal die Beine hochgelegt. Ach ja, die Website will noch fertig gestaltet werden. Damit einher geht die Frage, ob ich meine Blogs bei Google belasse, wie sie sind oder alles zusammenfasse auf Wordpress auf der Website. Wie sehen das meine Leserinnen und Leser? Was wäre bequemer, schöner? Lest ihr euch gern durch ein einziges Blog mit kunterbunten Themen oder habt ihr es lieber fein säuberlich getrennt?

09.08.2014

Ich liebe schöne Bücher

09.08.2014 2
... und inzwischen liebe ich es, mit richtig erfahrenen Buchgestaltern schöne Bücher zu machen. Es war ein Mammutprojekt und jetzt am Wochenende ist Endkorrektur angesagt vor der druckfertigen Datei. Die Druckerei steht schon bei Fuß. Viele Felsblöcke purzeln von meiner Brust. Denn das Projekt für mich als frischgebackene Verlegerin war ziemlich ambitioniert, ich hatte nämlich den Ehrgeiz, mich nicht hinter etablierten Kunst- und Gartenbuchverlagen verstecken zu müssen.
Garten und Kunst - die Idee, Gemälde und Fotos in Dialog treten zu lassen ... (PvC)
Schade ist nur, dass es das schöne Stückchen erst mal nicht im Handel geben wird. Es war ein Auftragswerk. Ich verdinge mich in so einem Fall als Dienstleisterin für andere für eine Komplettproduktion. Da gibt es alles aus einer Hand: Die verlegerische Betreuung, in diesem Fall auch den Text, den professionellen Buchgestalter und Grafiker, den erfahrenen Lektor etc. - bis hin zur passenden Druckerei. Und das nicht zu Mondpreisen mit womöglich falschen Versprechungen, sondern reell zu den marktüblichen Honoraren. Und das Besondere: Ich produziere nur Bücher, die ich auch selbst produzieren würde, die mir persönlich als Projekt gefallen.

Der Buchgestalter hat nicht nur ein geübtes Auge, er musste Tonnen von Material durchsuchen.
 Hier geht es um den Garten einer Malerin, der in seiner Anlage mit Skulpturen von Künstlern an sich schon ein Erlebnis ist - um ein Lebenswerk, das für Freunde und auch Ausstellungen festgehalten werden sollte. Fotos kamen von vier Fotografen, darunter ein preisgekrönter Gartenfotograf. Allein das war eine Herausforderung: Die so unterschiedlichen Stile harmonisch zu verbinden und keine Diskrepanz aufkommen zu lassen zwischen den Laien und dem bekannten Profi. Außerdem wird dem Buch eine Musik-CD beiliegen, was schon einmal die Auswahl der Druckereien reduzierte. Ich war überrascht, wie viel Schund und Schluderei einem auf diesem Sektor überhaupt angeboten wird.

Der Gestalter hat sichtlich mit Gespür für den Text gearbeitet: meditative Momente des Gartens
Auch wenn wir noch nicht fertig sind, will ich mich bei den wunderbaren Mitarbeitern bedanken: Ihr habt eure Arbeit nicht nur großartig, fleißig und in einem wirklich irren Zeitrahmen geschafft - es hat auch richtig Spaß gemacht mit euch! Meine dicken Empfehlungen deshalb öffentlich: Für die Buchgestaltung Hanspeter Ludwig (der übrigens auch ein hervorragender Illustrator und Comiczeichner ist), fürs Lektorat Jan Schuld (Kontakt über mich). Wie der Auflagendruck im Offset und die Buchbindearbeit (mit Fadenheftung und CD-Einlage) aussehen werden, wissen wir natürlich jetzt noch nicht, haben uns aber im Angebotsvergleich für Monsenstein & Vannerdat entschieden, nicht zuletzt deshalb, weil die Bildbände "können". Und die Musik der Harfenistin Nadia Birkenstock - die gibt es tatsächlich öffentlich im Handel und live an wunderschönen Locations weltweit ... da bin ich selbst seit Jahren Fan.

Die Arbeit war hart, aber ich möchte das Projekt nie mehr missen. Ich habe daran "learning by doing" noch einmal eine ganz andere Stufe des Verlegens gelernt: Vier Fotografen und mehrere Mitarbeiter. Habe gelernt, was für eine Logistik und Moderation, was für ein Timing und wie viel Betreuung hinter so einem Buch stecken, von der ersten Idee bis zu dem Zeitpunkt, wo es verpackt und versandt wird. Ich weiß zu schätzen, was Verlage hier leisten, aber ich möchte mir diese Arbeit ab jetzt nicht mehr von jedem Verlag aus der Hand nehmen lassen. Ich weiß jetzt nämlich auch, was alles möglich ist, wenn man sich mit anderen professionellen Buchschaffenden zusammentut, ohne an Verlagsprogramme und Trendjagden gebunden zu sein. Und ich habe gelernt, dass es sehr befriedigen kann, in gleichberechtigtem Teamwork ein Buch zu schaffen statt monomanisch auf sich selbst fixiert zu sein.

Man hört es vielleicht schon heraus: Ja, ich habe Blut geleckt. Ich könnte mir vorstellen, mit den jetzigen Mitarbeitern irgendwann für ein schon lange gärendes Lieblingsprojekt ins Crowdfunding zu gehen. Mal sehen ...

02.08.2014

Buchhaltährlisch!

02.08.2014 4
Und wieder einmal ist es Zeit für ein kleines Dramolett mit Tante Erna. Tante Erna hat nämlich einen solchen Erfolg mit ihrem Fußpilztagebuch gehabt, dass sie von einer einschlägigen Firma kontaktiert wurde:
"Wir machen in Füßen. Also eher so ekliges Zeug mit Füßen. Sie wissen schon, Pilze, Ekzeme, Hornhaut, eben alles, was Füße so zusammenhält. Könnten Sie nicht hin und wieder unsere Statistik pflegen? Sie bekommen einen Obolus und wir können mit ihrem Namen angeben: Hier wird jeder Pilz von Tante Erna persönlich gezählt. Sie mit Ihrem einmalig myzelhaften Charisma!"
Tante Erna hat sich breitschlagen lassen. Sie hat nun mal ein Faible fürs Thema. Sie ist außerdem - neben all ihren Tücken - ein großzügiger Mensch. Und wer schlägt schon Dauerauträge aus ... Aber plötzlich fand sie sich auf dem Hühnerhof einer Dorfposse wieder.

... oder war es der Hühnerhof der Dorfeitelkeiten?
Jedenfalls fuchste sich Tante Erna schon vor Monaten ins Thema ein und fand ein recht gutes System, all diesen Fußkram auf neckische Art zu zählen. Und sie zählte und zählte, ganze drei Monate lang, musste dann Mahnung auf Mahnung zählen, denn wenn eines in diesen Monaten nicht geschah, dann war es das Ereignis, dass jemand zahlte. Ich habe es bereits mehrfach erwähnt: Meine Tante Erna ist ein bißchen doof. Sie guckt Verkaufsshows im Fernsehen und verwechselt die Schauspieler von Seifenopern mit ihren Freundinnen. Aber sie hat ein goldenes Herz. Und deshalb zählte sie treudoof weiter und stellte fest: Ihr Geld war wieder nicht überwiesen worden! Von einem Dauerauftrag weit und breit keine Spur. Da werden selbst Tantchen die Hühner zu bunt und sie ließ sich auf einen Dialog mit der Buchhaltung ein. Sie behauptet, er habe sich genau so zugetragen. Aber solchen Fußschweiß glaubt ihr doch keiner!

Tante Erna (TE) mahnt ungeduldig ihr ausstehendes Fußpilzhonorar an.
Buchhalter Dädschmer (BD): Des kannich ned bezahle.
TE: Warum können Sie das nicht bezahlen?
BD: Weilich kai Beleg habbe tu.
TE: Was brauchen Sie für einen vereinbarten Dauerauftrag einen Beleg? Sie bekommen halbjährlich Rechnungen von mir.
BD: Ja weil desderhalb habbich jetzt kai Beleg und kanned bezahle.
TE: Sie haben den Bescheid vom Oberboss.
BD: Abber der schdehd innem Protokoll, wasich ned uffem Schreibtisch hab.
TE: Dann legen Sie es sich da hin und zahlen jetzt schön ordentlich mein Honorar. Sie haben schon die letzten drei Monate nicht bezahlt!
BD: Aber weil desderweil ich kai Beleg gehabt hab!
TE fällt in den Sprachduktus ihres Gegenüber, so wütend ist sie: Sie hatten meine Rechnung uffem Tisch gehabt, laut und deutlich! Da steht alles drin, Fälligkeiten und Verzugszinsen, alles.
BD: Aber die lag jetzt au ned ganz genau uff meinem Tisch, weil ich da annem andere Tisch gesesse bin, ich muss ja schließlich aumal was drinke gehe und kann ned immer nur an dem eine Tisch sitze. Und jetzertganzgenau an dem Tisch hab ich kai Beleg.
TE sichtlich genervt: An welchem Tisch sitzen Sie denn jetzt? Schreibtisch oder Trinktisch?
BD: Ja also, wennse mich jetzt so genau festnageln wollen, muss ich erschd nachgucke.
TE: Prost!
BD: Ich verbitte mir den Ton, ich bin hier buch-hal-tährisch tätig!
TE trocken: Das heißt buchhálterisch.
BD: Saggich doch! Buch-haltährisch.
TE: Buchhaltährlisch nohmol, wo bleibt mein Geld?
BD: Ich hab doch kein Beleg.
TE: Ihre Ohren sind ekzemfrei? Wissen Sie, das kann nämlich von den Füßen heraufwandern, wenn man so lange am Tisch ...
BD: Un außerdem hat der Oberboss mir noch kai Beleg vonderdervon ...
TE: Aber der Oberboss hat sie schon oberbosspersönlich mehrfach zum Zahlen aufgefordert!
BD: Aber der hat nur g'mailt, des isch derderfür kai Beleg.
TE röchelnd, von unterm Schreibtisch: Sie bekommen doch halbjährlich meine Rech...
BD Die kann ich dann jetz ned bezahle, weil wenn Sie mal gege mich prozessiere däde, hab ich nur die Mails vom Oberboss und die Rechnunge und derderweil müsse mer des oberkorrekt mache des Desderweil mit dem Demdervon!
TE flippt unterm Schreibtisch aus: Sie Derderdipfelesschisser Sie! Ich perperprozessier gleich für mei Desderhonorar, dass Ihne demdes Höre und sehrso Sehe vergeht! Sie Drinktischakteverleger, Sie Brotokollignorant, Sie Mailberbärbanause, wie viele Zurufe brauchen Sie denn noch, Sie DÄTSCHMER?!?
BD wie aus Büroschlaf auftauchend: Oh, haddo mich wer g'rufe?

Tante Erna ist nach diesem Erlebnis erst mal in Wellnessurlaub auf die Cayman Islands verreist. Sie meinte, sie könne mindestens sechs Wochen lang nicht mehr das Wort "Beleg" ertragen, sonst müsse sie ihren berühmten Fluch bis ins siebte Glied aussprechen. Auf was sie denn dann verfluchen würde, wollte ich wissen. Auf Fußpilz natürlich, mein Kind", meinte sie zwinkernd. Sie hat gut Zwinkern, bis jetzt hat jeder ihrer Flüche schon im ersten Glied gewirkt.

19.07.2014

Der Georges im Glaskasten

19.07.2014 2
Für Bucherfolge, so scheint es, muss man nicht unbedingt überdurchschnittlich begabt sein in diesen Zeiten: Man muss nur eine ganze Menge Kohle haben. Richtig extrem viel Kohle. So sieht's jedenfalls um Skandalautor James Frey aus, der die Welt nun mit einem Multimediaspektakel beglücken will. Die Idee ist alles andere als neu: Einer schreibt ein Buch und verkauft gleich im Bundle Lizenzen in andere Medien hinein: Film, App, Spiel, weltweite Übersetzungen sowieso. Das machen andere auch schon, "blubbern" aber nicht so laut über "crossmediale Ereignisse". Meine Anna Orlando beispielsweise ist auch Teil eines Transmedia-Projekts, an dessen Ende mal ein Buch stehen soll. Nur ist sie gerade am Fernsehen gescheitert: Die ARD hat sich kürzlich für eine Kutschfahrt mit Promi-Model entschieden statt für einen Fußmarsch mit einer Unbekannten. Es muss also schon viele Nummern größer sein!


James Frey, der nicht identisch ist mit dem James N. Frey, welcher immer besser weiß, wie man gute Romane schreibt, hat dagegen gleich 20th Century Fox hinter sich. Und andere Großkopfete, die fett und aggressiv in die PR einsteigen können, eigene Angestellte hat er auch. Denn so ein einzelner Autor allein reißt so ein Multimediaspektakel nicht auf einer Backe sitzend herunter. Nun hatte sich's aber gerade dieser Autor mit seiner Lesergemeinde aufgrund einer erstunkenen und erlogenen Autobiografie verscherzt. Seine Angestellten und Lohnschreiber soll er jämmerlich bezahlen, konnte man im New York Magazin lesen. Kein Problem ... damit die Leute so richtig heiß anspringen auf seinen Stoff, sind diesmal reale Millionen zu gewinnen. Diese Idee ist durchaus neu: Versprechen wir künftig unseren Lesern eine Art Schmerzensgeld fürs Lesen ... und damit wir nicht an alle ausschütten müssen, machen wir einen Hauptgewinn daraus. Schlau. Kreatives Zocken statt Schriftstellerei.

Dieser Hauptgewinn nun soll mit Riesentrara in einem gläsernen Schrank präsentiert werden. Hoppla. Moment mal. Das war doch alles schon mal da! Genau so, wie er mit seinem Büro von Billigschreibern Alexandre Dumas nachmacht, gab's auch schon mal diesen gläsernen Schrank. Es sollte die größte Betrugsgeschichte der Literatur werden!

Es war einmal ein weitscheifiger Schreiber bei einer Pariser Klatschzeitung, dem Merle blanc. Der dachte sich einen "Scherz" aus und setzte mit dem Zeitungsmacher und einem Kerl namens Desnos einen Scheinvertrag auf: Der junge Schriftsteller würde sich verpflichten, in einem eigens gebauten Glasschrank - vor dem Moulin Rouge - mitten im Publikum einen Roman zu schreiben. Damit das Ganze nicht zu einfach würde, in Echtzeit, in nur drei Tagen und Nächten. Paris Matin war bereits dafür gewonnen, die Fortsetzungsgeschichten abzudrucken. Und damit das Ganze noch schwieriger wurde, gab's so eine Art Crowdsourcing: Das Publikum würde dem Schriftsteller im Glaskasten Figuren und Plot zurufen können - der musste reagieren und alles verarbeiten.

Schmerzensgeld, pardon, Honorar, sollte dem jungen Mann im Glaskasten dafür gezahlt werden. Bei so viel PR und Öffentlichkeit nicht wenig. Und hey, das war immerhin vor dem Moulin Rouge, Freys Las Vegas von damals! Ein Vorschuss von 25.000 Francs war sofort fällig, der Rest der 100.000 Francs sollte nach Beendigung des Romans ausgezahlt werden. Das war 1927 eine Menge Geld! Der junge Mann kassierte schon mal seinen Vorschuss von den hoffnungsvollen Geldgebern.

Und prompt kam die Maschinerie in Gang: Was wenig kostet, ist bekanntlich nichts wert; was so viel kostet, musste das Hammer-Event werden! Berühmte Leute ließen sich öffentlich jubelnd für die PR einspannen: Youki und Robert Desnos, André Warnod und andere. Der Schriftsteller und seine Spießgesellen jubelten noch lauter: Sie hatten nie vorgehabt, je dieses Buch zu schreiben, je dieses Spiel zu spielen! Das einzige, was an diesem "Spaßbetrug" echt war, der die Literaturwelt vorführen sollte, war der Erfinder desselben: Georges Simenon.

Der 24jährige Redakteur Simenon bekam vor der Durchführung kalte Füße. Man brach das betrügerische Experiment kurz vor der Inszenierung ab. Ob Simenon seine 25.000 Francs je zurückgezahlt hat, ist nicht überliefert. Er ist nie in einen Glaskasten gestiegen und war doch fortan in Paris bekannt. Die PR hat seiner späteren Karriere nicht geschadet und Publikum wollte schon immer beeindruckt werden ... und sei die Blubberblase noch so leer.

Nun will uns also ein Schriftsteller Geld in einen Glasschrank legen. Mögen sie ihn auch weltweit so feiern, wie damals alle auf Simenon angesprungen sind: Diese Ideen sind alles andere als neu. Nur hat der Erfinder der Bombast-PR in der Buchbranche sich damals rechtzeitig auf das besonnen, was Bücher wirklich ausmacht.

20.06.2014

Das Geheimnis des Bezauberns

20.06.2014 0
"Storytelling" ist in aller Munde. Auch der kleinste Werber glaubt heutzutage, dass er unwiderstehliche "stories" in die Welt setzt, wenn das hochpolierte Auto nur durch die richtigen Landschaften düst. Und in der Folge glauben dann alle, die Social Media nutzen, dass man nur genügend Geschichtchen erzählen muss, damit einem die Leute atemlos folgen. Da ist natürlich etwas dran: Man folgt lieber witzigen Twitterern als denen, die täglich in grauer Routine erklären, wann sie Toilette und Dusche benutzen. Und man hat diese ewigen Fressbilder bei FB am schnellsten satt, wenn sie aussehen, wie schon mal gegessen, und sich nicht wirklich von anderen unterscheiden ... wenn also keine "story" dahinter steckt. Und so pappt man einfach ein Foto mit Botschaft in den virtuellen Raum ... im realen Raum abfotografiert, aufgepeppt mit "story" - mit welchem Effekt?

Twitter: "Gogol, die olle Nase, hat der Papier geschnieft?"
Gogol hätte womöglich die Nase gerümpft. Der schaffte nämlich eine ganz andere Magie: Er hat "einfach nur" Text verfasst, nämlich die Geschichte von einem Mann, der seine Nase verliert, und einem anderen, der zur Nase wird. Und diese verrückte Erzählung ist so eng mit dem realen Sankt Petersburg seiner Zeit verknüpft, dass man sie ihm einfach abnehmen muss und hineinschlüpft in diese Stadt, die Nase förmlich eine Kutsche besteigen sieht. Wer diese Erzählung liebt, wird die Bilder im Kopf nie mehr los, und seien sie noch so surreal. Sie würden sich bei einem Besuch im Handlungsort womöglich sofort wieder melden!

Nun haben ganze Generationen von Literaturwissenschaftlern versucht, das Rätsel zu lösen, das uns so rückhaltslos in Geschichten fallen lässt, so dass wir die Welten von Büchern fast real erleben. Ich werde den Teufel tun, dieses Geheimnis ebenfalls lösen zu wollen. Die einen Schriftsteller können es einfach und manche Autoren werden es nie richtig lernen. Weil man es nicht komplett lernen kann, niht künstlich erzeugen. Es hat viel mit der eigenen Haltung und Authentizität, den eigenen Leidenschaften und Begeisterungen zu tun.

Mich interessiert dabei ein anderer Aspekt - denn eine ähnliche Bezauberung erlebe ich im Theater. Ich wollte wissen: Was würde passieren, wenn man Geschichten nicht mehr in Büchern erzählt, auch nicht in Social Media, sondern im realen, dreidimensionalen Raum? Sozusagen "back to the roots", wie der Urmensch am Lagerfeuer? Wie würde hier "Bezauberung" funktionieren? Wollen die überkommunikativen Menschen von heute überhaupt noch Geschichten hören? Was macht es mit den Geschichten, wenn sie aus Buchdeckeln und Readern befreit werden ... in die frische Luft, den Straßenlärm, die Hetze einer Stadt?

Kann man Menschen zum Sehen von Nasen bringen?
Nichts ist öder als die herkömmlichen Stadt- und Museumsführungen, wo irgend wer wie eine Wikipedia auf zwei Beinen unaufhörlich schlauschwätzt und mit möglichst vielen Jahreszahlen um sich wirft. Ich konnte und wollte solchen Leuten schon als Kind nicht folgen: Da stand dieser magisch wirkende Gegenstand in einer Vitrine und schrie förmlich nach einer lustvollen Beschreibung und interessanten Geschichten ... und dann musste ich mir im Leierton anhören, dass der Soundso II. das Ding am 24. September Siebzehnhunderttobak gekauft hatte, um es am 25. seiner Frau zu schenken. Warum nicht erzählen, was der Soundso für ein Mensch war, wie seine Ehe lief, warum er seiner Frau ausgerechnet das Ding schenkte und warum er es so spät einkaufte? Und vielleicht steckte hinter dem Ding auch noch eine Geschichte? Oder noch besser: Vielleicht gab es eine Verbindung zu den Zuhörern, die auch manchmal Dinge verschenken oder spät einkaufen?

Ich musste dieses abstoßende Verfahren brechen. Vollkommen in die jeweilige Zeit schlüpfen. Was liegt da näher als eine Kunstfigur, die auch durch entsprechende Kostümierung optisch aus der Zeit fallen könnte? Und wenn es darum geht, sämtliche Jahreszahlen à la Schulunterricht aus einer Veranstaltung zu tilgen, so bin ich als Autorin radikal: Ich erfand Anna Orlando, die den gleichen Tick hat wie einst der Graf von Saint Germain: Sie lebt ewig. Sie könnte sogar, als Hommage an Virginia Woolfs "Orlando" bei Bedarf das Geschlecht wechseln. Hundert Jahre - kein Problem für diese Frau!

Und dann der Härtetest in der Stadt. Wo Glockenläuten einem die Stimme erschlägt, wo der Verkehr brandet und Busse im falschen Moment brummen, da schreien welche beim Fußballgucken und andere tapern einem entgegen, ohne vom Smartphone aufzusehen.

Der Bruch wird mit einem Hut und einer magischen Geste gemacht: Ab jetzt sind wir im 19. Jahrhundert - und was da lärmt, das sind Kutschen und Kaleschen, schreiende Händler und Esel. Es ist nicht einfach, in beweglicher "falscher" Kulisse bei der Rolle zu bleiben! Die unbeteiligten Passanten werden missbraucht, ohne es zu bemerken: Schaut euch um, Leute, schaut euch die Touristen an, die Einheimischen! Könnt ihr die Ganoven erkennen, die Badgäste ums Ohr hauen wollen? Seht ihr diese seltsam bleichen, ultradürren Frauen, die vor der Choleraepidemie geflüchtet sind? Oder die Leute mit dem glasigen Blick, die sich von ihren Notizen fürs Casino gar nicht losreißen können?

So verschiebt sich Wirklichkeit. Und sie verschiebt sich intensiver, wenn aus einem Hauseingang eine streitbare Frauenrechtlerin stürzen könnte, wenn in einem düsteren Keller Carlsbader Wasser gefälscht wird, um Reibach mit dummen Kurgästen zu machen. Da lässt sich spontan alles einbauen: der Reiherbrunnen ohne Wasser? Komische Schläuchlein daran und ein amtlicher Zettel? Da hat doch die sonst so bequemliche badisch-großherzogliche Polizei endlich einmal geschaltet und die Betrüger der Stadt dingfest gemacht! Aus mit dem vermeintlichen Carlsbader Luxussud!

Das sind die Momente, wo der Zauber geschieht. Da hat man sie alle plötzlich am Haken, die Menschen, die von sich glauben, sie lebten im 21. Jahrhundert. Der Brunnen ist ja real, das Amtspapier mit Händen zu fassen! Dass es von Reinigung und irgendwelchen Arbeiten spricht, kann doch nur Fiktion sein!

Und der Mann, der mich immer wieder unterbricht, um sein Wissen von den Häusern aus den 1970ern kund zu tun? Ich fasse ihn plötzlich an der Schulter und quietsche vernehmlich: "Vorsicht, einen Schritt zurück, beinahe hätte Sie die Kutsche auf dem Boulevard erfasst! Nur nicht mit dem Kopf in einem falschen Jahrhundert hängen, hier spielt die Musik, im neunzehnten!" Zweimal muss ich das nicht sagen - die Gruppe verstärkt die Zeitmaschine durch ihre Energien.

Die Menschen kippen. Die unverrückbar erscheinende alltägliche Perspektive ist gebrochen. Wie durch Zauberhand haben sie ihren eigenen Standpunkt verändert. Und so würden sie sich kein bißchen wundern, wenn jetzt vor dem Kurhaus tatsächlich der böse raunzende Mark Twain um die Ecke käme. Seine Geschichte von der Trinkhalle, so erzählt, wie er sie mir, der Anna Orlando, zuerst erzählt hat, beißt sich in den Köpfen fest. Da ist dieser eine Ausdruck, über den er sich lustig macht ...

"Ich werde nie wieder die Trinkhalle anschauen können, ohne sofort an diesen Ausdruck zu denken", gesteht nachher eine Teilnehmerin. Sie haben ein neues Wort geschenkt bekommen, das sie sonst nie benutzen würden. Und dieses Wort hat sich an einem Gebäude festgehakt, ist Teil ihrer Stadt geworden. Es schlägt Wurzeln, bildet Samen. Wenn diese Leute demnächst mit Familie oder Freunden an der Trinkhalle vorbeikommen werden - können sie dann still sein, schweigen? Oder platzt es aus ihnen heraus, dieses neue alte Wort, diese Geschichte? Sie werden die Geschichte weitererzählen, mit eigenen Worten. Mark Twain wird dadurch wieder durch die Stadt geistern.

Und nachher haben sie alle Appetit auf mehr, weil ich sie "ihre" Stadt mit völlig neuen Augen habe erleben lassen. Und weil ich keinen malträtierte mit Jahreszahlen und Wikipediakram. Wann es endlich "dieses Buch" gäbe, wollen einige wissen, mit Stadtplan und tollen Geschichten? Da muss ich allerdings vertrösten. Diesmal schreiben sich die Geschichten nämlich andersherum. Ich will noch viele Spaziergänge machen, zu unterschiedlichen Themen, will umgekehrt hinspüren, welche Figuren und Ereignisse mein Publikum leben lässt und wen es einfach übergehen mag. Ich will diesem Zauber nachspüren und dann den Zauber in ein Buch bannen, aber anders, als eigenes Medium. Jetzt habe ich erst einmal Blut geleckt, noch konsequenter zu Anna Orlando zu werden, noch deutlicher die Zeitmaschine zu betätigen.

Tipps:
Wassili Schukowski - das große Essay über den russischen Dichter in Baden-Baden
Nikolaj Gogol: "Die Nase" bei zeno.org lesen
Stadtspaziergänge in Baden-Baden mit Anna Orlando

14.06.2014

Wenn der Alp auf den Reader drückt

14.06.2014 2
Normalerweise erzähle ich öffentlich keine Träume. Ich fürchte nicht so sehr fleißig mitschreibende Freudianer und Geheimdienstdeppen als vielmehr Langeweile beim Publikum. Aber der Traum von heute Nacht ist doch sehr bezeichnend.
Ich ging guter Dinge schlafen. Eigentlich sogar bester Dinge, denn eine Zuschauerin hatte mir eine überwältigende Mail zu meinem Theaterstück geschrieben, in der es u.a. hieß:
"Im Verlauf des Stückes wurden die so gegensätzlichen Gefühle, Träume und Visionen in eindrücklicher Brillanz erfahrbar und ließen beide Persönlichkeiten zur gelebten Wirklichkeit werden."
 Und dann stand ich im Traum plötzlich auf der Bühne, auf einer richtigen Theaterbühne ... und der Vorhang sollte aufgehen. Da ist passiert, was man wohl in solchen Momenten am meisten fürchtet: Mein Text war weg. Mein Kopf leer, fühlte sich an wie Watte. Keine Erinnerung an nichts mehr.

Die Schauspieler aufgeregt, versuchten, mir zu helfen. Ob ich wenigstens die Texte dabei hätte, sie zur Not ablesen könne. "Ich habe meinen Reader immer dabei", verkündete ich stolz und zückte meinen Kindle. Durchflog die Themengruppen, fand "Theater" ... und nichts! George Bernard Shaw, Anton Tschechow ... aber den Text von der komischen Trulla sah ich nicht. Aber der war doch bei den Proben noch da gewesen! Neuer Suchanlauf ... ich wollte in jedes Eck meines Readers spähen. Plötzlich ein Grinsekatzengesicht und die Meldung: "Dieses Stück ist bei Amazon nicht verfügbar, wofür halten Sie uns!" Hä?!? War das die Höhe!

"Bei Amazon gibt's das nicht", heulte ich den Schauspielern was vor, "was mach ich jetzt, es ist verschwunden!"

Drohend dräute der Dramaturg über mir und intonierte wie ein hohler Geist: "Ja, hast du denn deinen Text nicht auf PAPIER!? Bist du des Wahnsinns fette Beute?!?"

Ich wühlte verzweifelt in einer Handtasche, deren Inneres mindestens so groß und dunkel wie die Arktis wurde ... und fand die urkomischsten Dinge, aber kein Papier. Derweil dräute auch der Vorhang gefährlich ...

Ein letzter verzweifelter Griff zum E-Reader, vielleicht hatte ich ja aus Panik den Text nur übersehen. Passiert häufig, dass man kopflos und eilig etwas sucht, das ganze Haus auf den Kopf stellt und nachher findet es sich genau dort, wo es immer war. Ich also wieder auf den Anschaltknopf gedrückt. Kommt ein Bild mit einer leeren Batterie und den Worten: "Ich habe keinen Saft mehr. Glaubst du, ich lebe ewig?!?"

Das hat mir den Rest gegeben. Über der verzweifelten Suche nach einem Ausdruck meines Textes in den Requisiten bin ich dann panikartig aufgewacht.

So eine Aufregung, nur ja hoffentlich nicht zu versagen, wirkt ganz schön lange nach. Zuletzt hatte ich das mit Träumen, ich müsse nochmal das Abitur machen. Dabei ist der Erfolg schon bald einen Monat her. Dabei lese ich im Moment lauter begeisterte Zuschriften. Aber über all das kann man hinwegkommen. Viel erschütternder finde ich, dass die Branchendiskussion um Papierbuch oder E-Book solche bedrohlichen Formen annehmen kann und mein Reader nachts ein äußerst zweifelhaftes Eigenleben führt. Aber an diesem Traum ist ganz sicher wieder nur Amazon schuld, mein Buchhändler hätte solche Dialoge nie gesprochen ...

PS: Ja ja, ich weiß, Autorinnen inszenieren jeden Text. Aber ich schwöre hoch und heilig, die Dialoge sind echt. Ähm ... nur den verhunzten Shakespeare, den habe ich mir nicht verkneifen können, nachträglich einzusetzen.
PPS: Apropos Autoren und ihre seltsamen Träume: Christa S. Lotz hat da einen herrlichen Hamster zu bieten!

09.06.2014

Zuschauer-Feedback

09.06.2014 0
Weiter unten soll das nicht in den Kommentaren untergehen, denn es ist zu schön. Lydia hat die szenische Lesung meines Stücks "Jeux - russische Spiele in Baden-Baden" gesehen und mir folgende Zeilen geschickt:

"Was soll ich sagen: Es war ein toller Abend. Ein Stück wie ein Tanz, voll Begeisterung, Enttäuschung, Verzweiflung zugleich. Die authentische Atmosphäre entsteht schon bei der Einführung der Autorin, die in der Rolle des Hotel-Zimmermädchens mit markanten Kommentaren und pikanten Details aufwartet.

Das Stück selbst beginnt langsam. Die beiden Figuren umschleichen einander mit Vorsicht und Skepsis. Schicht um Schicht schält der Text die künstlerischen, ökonomischen und emotionalen Konflikte heraus, tastet sich an den Kern der Sache heran. Einfühlsame Monologe gewähren dem Zuschauer Einblicke ins Innere der beiden Akteure, in dynamischen Dialogen spitzt sich der Konflikt zu. Man kann beide Figuren verstehen, keiner ist zu verurteilen. Mit Daniel Arthur Fischer und Sebastian Mirow haben Nijinsky und Diaghilew eine ideale Besetzung gefunden.

Ich jedenfalls wünsche Deinen JEUX von Herzen, dass sie bald auf einer richtigen Theaterbühne zum Leben erweckt werden und bin schon sehr gespannt darauf."
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