11.03.2015

Mein neuer Newsletter

11.03.2015 0
Im Moment bastele ich eifrig an meiner neuen Website, die endlich wenigstens in den Grundfesten steht - hier kann man sie anschauen. Und den gestrigen Regentag habe ich genutzt, um endlich einen eigenen Newsletter einzurichten, den man hier abonnieren kann.

Warum noch ein Newsletter in der Schwemme der Newsletter?
Ganz einfach: Ich bekomme so viele Anfragen auf unterschiedlichen Kanälen, wann denn ein Buch neu erscheint oder wo ich auftreten werde, was es mit den "gemütlichen Krimis" auf sich hat und und und ...
Dabei nervt mich ganz besonders, dass die Sichtbarkeit von Fanpages bei FB extrem gesunken ist und noch mehr sinkt, wenn man sie nicht täglich bespielt. Viele Fans sind aber nicht mal bei FB Mitglied! Wer bin ich denn, dass ich Lebenszeit verschwende, indem ich ein Medium wie den Moloch stopfe, nur damit dann ein Bruchteil meiner Fans die Nachrichten überhaupt sieht? Die Zeit stecke ich lieber in eigene Texte.

Oder in den Newsletter. Den jeder bequem im eigenen "Postkasten" haben kann, sofort bei Erscheinen.

Und weil es so viele "Nimm mich! Kauf mich! Ich bin der beste!"-Newsletter gibt, will ich das anders machen. Sachliche Informationen. (Natürlich will ich damit Millionärin werden, was sonst). Exklusive Tipps, die es von mir nicht in Social Media gibt. (Natürlich will ich, dass Millionen dieses Ding abonnieren). Und auch den ein oder anderen Text zum Genießen oder Nachdenken. (Natürlich will ich dadurch nur Millionen von Büchern verkaufen).


26.02.2015

Ein Imperium in Codes?

26.02.2015 4
Ist ja so schön still hier, wird mancher denken. Es gibt eine knappe Erklärung dafür: Ich habe nun doch beschlossen, mein "Blogimperium" nicht nur übersichtlicher zu gestalten, sondern auch noch auf Wordpress umzusetzen. Weil das mehr Möglichkeiten bietet und vor allem das Kommentieren sehr viel komfortabler machen wird. Übersichtlicher will heißen: Es wird künftig nur noch ein einziges Blog geben, allerdings intelligenter in Themen geordnet!

Ungewohnt und nackt: der neue Erstentwurf. Noch nicht dasGelbe vom Ei.

Deshalb ist es ein wenig still hier - ich kämpfe derzeit an mehreren Fronten. Bringe endlich meine Website auf Vordermann, der noch so viele Seiten fehlen. Die soll dann auch künftig das neue Blog beherbergen. Allein der Name machte mich unschlüssig - "Grenzgängereien" hätte gut für alles gepasst. Aber es bleibt bei "cronenburg", weil das die unverwechselbare Marke für mich ist. Im Moment schiebe ich Widgets herum, fluche eine Menge und setze Testpostings ein, bis das präsentierfein sein wird. Und natürlich werde ich in all meinen Einzelblogs rechtzeitig Bescheid sagen, ab wann aus dem Imperium die Rakete für die Weltherrschaft werden wird! ;-)

19.02.2015

Kartenzauber oder Philosophie?

19.02.2015 0
Ein Thema, das mit Autorenschaft scheinbar nichts zu tun hat - aber ich bin nicht nur fasziniert von Druckwerken mit Schrift, sondern auch von Bildern etwa auf uralten Kartenspielen. Keines hat über die Jahrhunderte so viele Künstler inspiriert wie das Tarot, dessen Karten sowohl für ein weltliches Spiel namens Tarock genutzt wurden wie fürs Wahrsagen. In Frankreich gehört das Spiel mit dem weltberühmten "Marseiller Tarot" zum Kulturgut - und so konnte ich mich nicht zurückhalten, vor Jahrzehnten die Reproduktion der Nationalbibliothek von dessen ältester Ausgabe zu erstehen: das sogenannte Tarot des Jacques Vieville, der zwischen 1643 und 1664 "maitre cartier" in Paris war.

Tarot Jacques Vieville (links), 17. Jhdt., Reproduktion
Dementsprechend neugierig stürzte ich mich gestern auf eine Sendung bei ARTE (noch 7 Tage in der Mediathek): Geheimnisvolles Tarot aus Marseille. Sie versprach wohltuendes Fehlen von esoterischem Klimbim und eine heiße Spur des Ursprungs dieser Karten in der Kunstwelt um Botticelli und die Medicis:

"Die Quellen stammen von Grafiken und Texten aus den Schriften des bekannten Humanisten Marsilio Ficino. Er gehörte zu den von Lorenzo I. de‘ Medici geförderten Persönlichkeiten der Renaissance. Ficino war Übersetzer von Platons Werken, aber auch Priester, Astrologe und Zauberer."
Kurzum - um Botticelli sollte es gehen und um neuplatonische Philosophie.
Anfangs war das auch richtig spannend, wenn der "Tonteppich" nicht permanent genervt hätte (Maschinenlärm ließ grüßen). Die beiden französischen Autoren suchten zunächst folgerichtig im Spielkartenmuseum von Paris nach den Ursprüngen des sogenannten Marseiller Tarot, das natürlich nicht nur in der Hafenstadt hergestellt wurde. Sie sahen sich Einzelheiten an und gingen auf Reisen. Man kennt das von gewissen Dokusendern: Irgendwelche Archäologen haben ein unscheinbares Steinchen gefunden und nehmen die Fernsehzuschauer auf lange und aufwändige Reisen mit, die man geheimnisvoll bis gefährlich oder auch nur als Hindernislauf inszeniert, bis dann im Schlusssatz gesagt wird, was das für ein Steinchen ist. Und natürlich war der Laie baff, als man ausgerechnet in Ungarn vor einem Botticelli zugeschriebenen Fresco stand, auf dem eine Figur den gleichen Hals hatte wie die von der Spielkarte. Trara! Heureka!

Dumm nur, dass die vollmundige Behauptung, das ungarische Fresco stamme von Botticelli, von der im Film gezeigten Restauratorin und einer mit ihr arbeitenden Kunsthistorikerin bereits 2007 aufgestellt wurde, in der Fachwelt jedoch längst völlig umstritten ist und abgelehnt wird. Kein Wort davon im Film. Die Figur auf dem ersten Bild in diesem kritischen Artikel ist laut Filmautoren angeblich deckungsgleich mit der Temperanza, der Mäßigung, im Marseiller Tarot - der Artikel widerlegt jedoch schon die Botticelli-These um das Fresco.

Allzu genau durfte man nicht hinschauen, die Sache mit dem Hals war zwar erstaunlich, aber der Rest des Körpers ... nur mit Fantasie machbar. Warum sollte ausgerechnet Botticelli Tarotkarten entworfen haben? Wäre es nicht viel logischer gewesen, jemand hätte Botticelli nachgeahmt, weil der zu jener Zeit gerade in Mode war? Nein, kritisch prüfte man die Fakten nicht, man wollte ja schnurstracks bei den Medici in Florenz landen.

In dem Moment schüttelte ich dann nur noch den Kopf. Was sollte daran alles so geheimnisvoll und erst jetzt aufgedeckt worden sein? Die meisten Menschen, die sich für Tarotkarten interessieren, kennen doch längst die Ursprünge des Spiels in Norditalien! Die Pariser Nationalbibliothek hatte die Originale in einer großen Ausstellung 1984 gezeigt, Spielkartenhersteller haben seither wunderschöne Repliken auf den Markt gebracht. Wie konnte das den beiden Filmemachern ausgerechnet im Pariser Spielkartenmuseum entgangen sein?
Warum haben sie die anderen italienischen Ursprünge einfach nicht beachtet, die so vielfältig wie längst bekannt sind:

Florentiner Minchiate-Tarot (seit 1543 belegt)


Kartenspiel 15. Jhdt. mit französischen Notizen


Das legendäre Tarot der Familien Visconti und Sforza, seit 1370 belegt

Zugegeben, es war absolut verführerisch und eingängig, in den Darstellungen des Marseiller Tarot die Beschreibungen eines Marsilio Ficino wiederzufinden, der im Kreise der Medici mit anderen Gelehrten und Adligen an einer neuplatonischen Akademie teilnahm. Insofern erschien es auch nur allzu logisch, in dem Spiel pädagogische Lehrkarten sehen zu wollen. Als der Textfund numerologisch und astrologisch wurde, brach die Dokumentation ab. Man wollte ja nicht "esoterisch" werden. Dabei wäre es gar nicht nötig gewesen, was da noch kommen konnte, verschämt auszublenden: In jener Zeit war es keineswegs esoterisch, sondern an der Tagesordnung, sich mit solchen Traditionen und der Alchemie obendrein zu beschäftigen. Wer die Karten verstehen will, darf die Geistesgeschichte der Renaissance nicht ausblenden. Vor allem aber wäre es sehr viel spannender gewesen, die viel älteren Ursprünge des Tarot zu untersuchen.

Der schillernde Ficino aus dem 15. Jahrhundert war nicht nur Humanist und Philosoph, sondern übersetzte vor allem Platon und schrieb medizinische Abhandlungen, er machte sich sogar der Häresie verdächtig. Zauberer, wie vollmundig im Pressetext behauptet, war er jedoch nicht - das haben erst Esoteriker unserer Zeit aus dem Forscher gemacht. Fast mehr als in der Sendung erfährt man über ihn in der Wikipedia. Dass man wortwörtliche Übereinstimmungen zwischen seinen eigenen Texten über Platon und den Karten finden kann, ist gewiss eindrücklich. Aber warum haben die Autoren kein einziges zeitgenössisches Kartenspiel aus Italien damit verglichen, warum schürften sie nicht in anderen neuplatonischen und antiken Texten? Warum schauten sie nicht genauer hin, welche anderen Geistesströmungen sich im Tarot niedergeschlagen haben: aus der mittelalterlichen Astrologie, Alchemie und Numerologie, der jüdischen Kabbala und selbst arabischen Traditionen? Wenn Ficino und sein Kreis das Tarot tatsächlich im 15. Jhdt. als pädagogisches Lehrspiel erfunden hätten ... warum sieht dann das norditalienische Tarot aus dem 14. Jahrhundert fast genauso aus? Da konnte doch nun Botticelli wirklich nicht mitgemalt haben, das war hundert Jahre vor seiner Zeit.

Hätte man die Doku nicht mit Scheuklappen gedreht, wäre das Ergebnis recht lapidar: Ein Spiel, das viele Geistesströmungen der Antike und des Mittelalters absorbiert hatte, musste zwangsläufig in der Renaissance eine Blütezeit erleben. Aber es ist älter, mindestens hundert Jahre älter.

Wunder über Wunder mangelnder Recherche. Und so kam es, dass in einer Sendung, die Esoterik aussparen wollte, ziemlich esoterischer Quark gestampft wurde. Schade, denn ein echter kunsthistorischer Vergleich und Blick in die Geistesgeschichte hätte so spannend werden können. Ich werde mir jetzt eine Lupe suchen und auf meinem Zwergentarot nach Botticelli'schen Schwanenhälsen fahnden!

PS: Eben erst entdeckt - in der französischen Wikipedia wird die Reihenfolge der Auslegung von Ficino genau gezeigt: hier klicken. Das wurde im Film als ach so geheime, eben erst durch die Autoren entdeckte Sensation präsentiert ...

Zwergentarot: Das kleinste Tarot der Welt (Vergleich: normale Karte)

15.02.2015

Die Farben der Bücher

15.02.2015 0
Wer das Buch "Die Tomaten von unten ansehen" kaufte, kaufte auch "Ins Gras gebissen" und "Garantiert vegane Tomaten züchten". Richte deine Wunschplattform ein, abonniere nur noch ausgewählte Nachrichten nach deinem Geschmack; entfreunde den Kerl, der Bücher liest, die du nicht magst! Und wenn das alles nichts hilft, wirst du gleichgeschaltet durch Bestsellerlisten und liest, was alle im gleichen Moment lesen.

Als ich jung war, empfand man es als Skandal, dass die Vatikanische Bibliothek Schätze der Geisteswelt unter Verschluss hielt. Heute scannt man im Vatikan verborgene Preziosen ein und gleichzeitig verengen wir freiwillig unsere eigene Lesewelt auf das Angenehme, das wenig Widerständige, das nur allzu Vertraute. Eine ganze Buchindustrie funktioniert nach dem Prinzip der effektivsten Risikominimierung: "Autorin B ist die neue A, die auch ein wenig nach C klingt!" Einmal Blutsuppe in Schwarz-Weiß-Rot, immer Blutsuppe in Buchumschlägen, deren Gestaltung man sich längst sparen könnte, weil sie völlig austauschbar geworden sind. Bücher werden bis zum Überdruss der Leserschaft geklont und Autorinnen öffentlich angegriffen, wenn sie nicht immer schneller Bücher nachlegen, die sie von sich selbst abgeschrieben zu haben scheinen. Wohl dem, der noch einen breitgefächerten Geschmack hat. Doch in der modernen Welt der perfekten Selektion ist es gar nicht so leicht, diesen auch an den Kanten auszubilden. Seidig glatt ist diese Welt, einfarbig, gediegen unauffällig, geradezu beige.


Eine Freundin brachte mir vor einiger Zeit einen Karton voller Bücher. Taschenbücher, die vor wenigen Jahren oder vor kurzem noch Neuerscheinungen waren und doch zum Teil ihr Verfallsdatum der öffentlichen Aufmerksamkeit überschritten hatten. Friss oder stirb - nach diesem Motto werden immer mehr Neuerscheinungen auf den Markt gekippt, die nicht das Glück haben, als Spitzentitel eine Mindestpflege zu bekommen. So ein Buch ist nach sehr wenigen Monaten tot, wenn es nicht sofort den großen Erfolg bringt. Viele meiner KollegInnen erfahren inzwischen Verramschungszeiten von sechs bis acht Monaten - früher hatten die gleichen Verlage wenigstens zwei Jahre lang Geduld. Da liegen sie dann, die Papierleichen. Für die AutorInnen einmal ihr Herzblut gegeben haben, vielleicht viele Jahre recherchiert, für die sie ihre Familie und den Haushalt vernachlässigten und schufteten, schufteten ... Sie hatten etwas zu erzählen und die meisten erzählen auch gut. Aber sie erwartet oft Schlimmeres, als die verdrängten Bücher im Vatikan: der Reißwolf. Inzwischen kostengünstiger als andere Wege ...

Da stand nun also dieser Karton mit Ex-Bestsellern und "verschwundenen" Büchern und ich packte gleich noch "Bücherkram" hinzu, den einer in den Müll geworfen hatte. Ich würde kein Buch kaufen, solange ich mich hier durchlesen konnte, nahm ich mir vor. Ich würde Bücher lesen, die ich freiwillig nie gekauft hätte. Die ich freiwillig wahrscheinlich auch nicht gelesen hätte. Von den Autorinnen und Autoren hatte ich manchmal noch nie gehört und manchmal viel zu viel. Zu gern wäre ich alten Gewohnheiten nachgegangen, meinen Leib- und Magenthemen und dem, wovon mein Buchhändler meinte, dass ich es unbedingt gelesen haben müsste.

Aber da passierte etwas, was ich schon eine Weile vermisst hatte: Meine Bücherwelt wurde knallbunt. Ohne es zu wissen, las ich einen Ex-Bestseller über ein Thema, das ich sonst nie angefasst hätte. Ein Roman, der mir Schauer über den Rücken jagte, so wunderbar geschrieben war dieses Buch, so außergewöhnlich in seiner Sprache. Es war ein Roman in starken Buntstiftfarben, der mich auch sprachlich packte und dessen verdiente Bestsellerschaft ich schlicht verschlafen hatte (Raum von Emma Donoghue). Ein anderes, sehr kleines Büchlein schmiegte sich mir sofort in die Finger, ein knubbeliges Format, streichelseidiger Einband, einfach zum Gernhaben. Ich kann mir den Titel mit dem Traktor nie merken und es liegt noch heute nur kurz angelesen auf dem Tisch. Es ist ein Buch, das ich gern streichle und berühre. Aber die winzige enge Schrift in diesem Sonderformat kann ich abends meinen müden Augen nicht einmal mit Lesebrille antun und dann gewinnt der E-Reader. Als ich auf dem Tisch nachschaue, stelle ich fest, dass der "Traktor" in Wirklichkeit "Tito" heißt und das Büchlein "Titos Brille". Titel merken - offenbar nicht jedermanns Sache. Ein Knubbelbuch, aber ein Augentöter ... dabei unterhaltsam geschrieben.

Hängende Einzüge bei Stakkatotext: unschön
Ich blättere in traurigen Kuchen (Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen), das äußerlich irgendwie zwischen Frauenroman und Happiness-Geschenkbuch daherkommt und bei dessen Sprache sich mir die Haare aufstellen  - aber das mag in diesem Fall sogar an der Übersetzung liegen. Nein, ich bin einfach typografisch entsetzt. Diese Art, die Dialoge abzubilden, tut nicht nur meinen Augen weh. Als Synästhesistin höre ich dabei das Kreischen von Sägen, wenn wieder eine einzelne Zeile vorsteht ... weg damit. Dabei können die Buchgestalter wohl nichts dafür, sie haben sich wahrscheinlich an ein Reihenlayout halten müssen und dann kommt ein Buch mit solch abgehackten Kurzsätzen daher. Seit ich so viele E-Books lese, will ich im Print liebevoll Gestaltetes. So unerbittlich sind die Auswahlkriterien von Zufallsleserinnen!

Proverbes et dictons d'Alsace - ein kleines hübsches Bändchen sammelt elsässische Sprichwörter nach französischen Stichworten und übersetzt sie ins Französische. Kurios für mich, weil ich so einen Schatz deutscher Sprichwörter in Übersetzung habe: interkulturelle Verschiebungen. Ebensowenig zum Lesen, vielmehr für meine Sammelleidenschaft sind diverse Bücher über altägyptische Hieroglyphen. Ein Thema das mich schon als Kind faszinierte. Ich bin ein wenig schräg - bevor ich einen mittelmäßigen Thriller in die Hand nehme, lese ich mich an der Lecture illustrée des hiéroglyphes fest, ein echtes Lehrbuch mit Einzelzeichen und Abbildungen im Satzzusammenhang, aus dem ich erfahre, dass das Zeichen "chesep", das wie ein Zaun aussieht, gleichzeitig "Sphinx", "weiß" oder "Gurke" heißen kann, je nachdem, wie man es kombiniert. Schon bin ich für Stunden verloren. Eine Sprache, die aus einer Sphinx eine Gurke machen kann, fasziniert mich, deren Funktionsweise will ich verstehen. Aber hätte ich diese Bücher freiwillig gekauft und gelesen? Wohl eher nicht!

Vielleicht entschuldigt das auch, dass ich den Inhalt dreier Romane schon wieder vergessen habe, obwohl sie mir Kurzweil verschafften, wie man früher so schön sagte: Ich. darf. nicht. schlafen (völlig überschätzt und psychologisch gesehen schlampig; mittelmäßig spannend, falls man das ausblenden kann), Zorneskalt (unterhaltsam bis spannend, geschickter Plot), Ruhelos (worum ging's da noch mal? Hab ich das wirklich schon gelesen?). Ich lerne: Thriller sind jetzt nicht mehr unbedingt schwarz-weiß-rot, sondern schwarz-weiß-blau gestaltet, hinter dem Cover mit Verwechslungsgefahr stecken aber meist auch keine großen Würfe. Schade, eins meiner Lieblingsgenres gerät oft langweiliger als ein Hieroglyphenlehrbuch ... Klonbücher.

Fulcanellis Buch über die Kathedralen liegt da noch - eine Lektüre, die ich im Jahr 1000 des Straßburger Münsters mal angehen sollte. Aber das sind dann die Bücher, die man aufrecht sitzend studiert. Eher als Bettlektüre geeignet: "De la vie dans son art, de l'art dans sa vie" sein (Vom Leben in der eigenen Kunst, von der Kunst im eigenen Leben). Die Malerin Nina Vidrovitch und die Schriftstellerin und Schauspielerin Anny Duperey schreiben sich Briefe. Das macht mich neugierig - ein Lebensthema. Ein Buch, das ich nie entdeckt, geschweige denn gelesen hätte, wenn es nicht jemand anders weggegeben hätte!

Ich habe die Nase voll vom Einheitsbrei, der absolut treffend meinen Hauptgeschmack bedienen will und auf der Zunge immer öder wirkt bis zum Erbrechen oder wenigstens Überdruss. Provoziert mich, Bücher, verschreckt mich, ärgert mich, fordert mich heraus! Eine sich anbiedernde, gefällige Welt, von Algorithmen auf ein scheinbar zutreffendes Persönlichkeitsprofil zugeschnitten, als würde ich täglich zum Kartoffelbrei nur noch Kartoffelprodukte essen wollen, langweilt mich, hinterlässt diese beige angepasste Leere.

Ich möchte zwischendurch auch einmal ein völlig missratenes Schnitzel erleben, oder den köstlichsten Fruchtsalat, den ich nur gegessen habe, weil ihn mir jemand servierte, den ich schätze. Ich will fremdartige Kräuter zum ersten Mal im Leben schmecken und mich über marktschreierisch gepuschte Pasta wütend aufregen können. Ein Steak an den Hund verfüttern, weil es wie eine Schuhsohle gebraten wurde, und das zarteste Fischfilet goutieren, das ich in einer schlechten Verpackung nicht erahnt hätte. Denn nur in dieser bunten, schrillen und unbequemen Welt schmeckt auch der Kartoffelbrei wieder. Vor allem aber habe ich die Nase voll von immer strengeren Haltbarkeitsdaten. Seltsam ... aber der Überfluss macht mich zur Müllsucherin ... oder vielleicht nach dem Vorbild von Pippi Langstrumpf zur Sachensucherin. Bücher lesen, die keiner mehr haben will. Bücher, die auch morgen noch gut sein werden und die ich freiwillig nie gekauft hätte. Warum eigentlich nicht? Was hält mich davon ab, außerhalb meines Geschmacksfelds die Welt zu erkunden?

09.02.2015

Ratzfatz umdenken

09.02.2015 2
Waren das noch Zeiten, als Buchproduktionen auf viele Jahre angelegt waren. Im Zeitalter des E-Books kann man sich schon besser der Aktualität anpassen. Ich will es kurz machen: Ich habe - aus Gründen - meine Buchproduktion schnell mal umgeworfen und umgeplant. Und möchte das bekannt geben, damit manche sich nicht zu früh auf den falschen Titel freuen.

Eigentlich sollte mein Sachbuch "Schwarze Madonnen. Mysterium einer Kultfigur" bald neu erscheinen. Ich war schon mitten in der Neubearbeitung. Aber ich werde den Titel auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.
Ich stelle fest, dass ich aufgrund der jüngsten Ereignisse in Frankreich plötzlich eine Schere im Kopf habe. In dem Buch geht es auch um vorislamische Geschichte, um eine Göttin namens Allat und vieles mehr. Als die erste Auflage erschien, hätte sich nie auch nur jemand Gedanken darum gemacht, denn die Gedanken waren frei. Nicht, dass ich die betreffenden Passagen, die Fanatikern gar nicht schmecken könnten, streichen wollte. Aber ich möchte sie absolut unangreifbar und wissenschaftlich belegen - und das braucht Zeit. Außerdem - das gebe ich offen zu - muss ich erst wieder mit mir selbst ins Reine kommen, denn ich mag es gar nicht, dass ich plötzlich selbst eine solche Schere im Kopf entwickle. Ich verabscheue das zutiefst, kann mich heute aber leider auch nicht an die Rechtsabteilung eines Verlags anlehnen. Man mag mir das nachsehen - im Moment habe ich das Thema Fundamentalismus und Vorsichten über.
Das Buch wird später als geplant erscheinen. Als E-Book und im Print. Aber es wird ein paar mehr Fußnoten haben.

Stattdessen habe ich die Vorbereitung der Neuauflage meiner Kulturgeschichte "Das Buch der Rose" vorgezogen.
Darin geht es zufällig auch um den Orient, aber zum Glück hat die Lieblingsblume der Menschheit schon immer auf Göttinnen und Götter gepfiffen. Dieses Buch liegt mir aus verschiedenen Gründen ganz besonders am Herzen: Weil ich Rosen, vor allem historische, selbst sehr liebe. Weil ich mich hier thematisch so richtig austoben konnte mit vielem, das mich brennend interessiert.

Vor allem aber auch, weil dem Buch zuerst ein so unglückseliger Stern beschieden war: Durch einen Verlagsverkauf landete die Restauflage in der Konkursmasse und bei einer Abwicklungsgesellschaft, die mit Büchern rein gar nichts zu tun hatte. Zwar bekam ich meine Rechte wieder zurück, aber der Markt war durch jene Firma für mich verstopft. Ich musste zusehen, wie jemand meine Bücher verkauft, an denen ich keinen Cent verdiene. Das kommt leider in den Geschäft häufiger vor, als AutorInnen lieb sein kann. Nun ist aber genügend Zeit vergangen, um wenigstens ein E-Book dagegen zu setzen. Ich möchte dann die Preisentwicklung im Antiquariat ein wenig beobachten. Sobald es wirtschaftlich erscheint, werde ich auch eine neue Printausgabe anbieten.
"Das Buch der Rose" erscheint als nächstes. Die Vorbereitung zur Texterfassung für die Umwandlung ins E-Book sind wahrscheinlich Ende der Woche abgeschlossen. Sie waren recht aufwändig wegen der Spezialregister und Endnoten, die im Print völlig anders funktionieren. Und dann muss nur noch der Grafiker Zeit haben.

Diese Reihenfolge ist aus einem anderen Grund vernünftiger. Ich bin dabei, den ersten Teil meiner Cozy Mysteries fertig zu schreiben und will anschließend ins Crowdfunding gehen. Da meine Ermittlerin Hilfsgärtnerin ist und die Morde im ersten Band mit Rosen zu tun haben, ist das Sachbuch über die Rose kein schlechter Appetitmacher.
Ich bitte um Verständnis für diese rasante Entscheidung.

24.01.2015

Trüffel, Sterne, Drogen und die ganze Merde

24.01.2015 0
Aufgrund der Ereignisse in Frankreich musste ich mich erst sortieren. Mit der Wuchtbrumme Houellebecq (ich bin noch mittendrin im Buch) doppelt. Und nach der Euphorie jenes Sonntagsmarsches, der wirkte wie "I have a dream", ist ein grauer Alltag eingekehrt mit Polizisten in kugelsicheren Westen an der Grenze und einem dreistelligen Millionenetat für Sicherheitskräfte und Geheimdienst. Die Hoffnungsvollen vom Sonntag möchten mit dem Kopf gegen die Wand schlagen - ein Staat, der sich die drohende Pleite regelmäßig schön rechnet, dessen Sozialsystem irgendwann implodiert, macht mal schnell über 400 Millionen Euro locker für mehr Überwachung. Derweil reise ich im Kopf mit Houellebecqs Protagonisten ins Quercy, in jenen abgelegenen Landstrich, in dem auch mein völlig anderer Roman "Lavendelblues" spielt ... und bekomme Angst: Sein bedrohliches Quercy liegt plötzlich sehr viel näher im Bereich des Möglichen als das meine.

Wer Zen sucht, backt Baguette in fünf Tagen.
Eine befreundete Geschäftsfrau formulierte das heute so: "Ich weiß nicht, was in Frankreich kaputt ist. Aber 2014 war auch bei meinen Kunden das schlimmste Jahr. Du glaubst gar nicht, was für Schicksale ich mir im Büro anhören musste. So viele Menschen, die an den Rand der Verzweiflung getrieben wurden oder sich sogar das Leben nehmen wollten, weil nirgends mehr etwas funktioniert!" Die Geschichten von Behördengängen, wo man nur noch auf Ignoranz, Unwissenheit und Abscheu der "Fonctionnaires" trifft, kamen mir bekannt vor. Mir haben Menschen, die an verantwortlichen Stellen arbeiten, offen gestanden, dass Schikanen "von oben" erwünscht seien. Geld, das der Staat nicht gleich zahlen müsse, weil der Bürger die falschen Formulare habe oder seine Rechte nicht kenne, ist Geld, mit dem man ein paar Monate arbeiten kann. Oder es eben in die Geheimdienste investieren. Dann fragte sie mich: "Sag mal, standen 2014 vielleicht die Sterne irgendwie schlecht?" Und ich konnte nur antworten, dass ich mich eher fragte, welche falsche Droge man weltweit ins Trinkwasser schütte. Es gibt ja Wissenschaftler, die den Weltuntergang ausrechnen.

Keine Verschwörungstheoretiker: Wissenschaftler und Fachautoren des Bulletin of Atomic Scientists rechnen ganz ordentlich die Zustände auf der Welt und die Atomwaffen und Atombedrohung hoch. Die Doomsday Clock oder Atomkriegsuhr zeigt dann anschaulich, wie viel Zeit wir noch haben, bis die Uhr Zwölf schlägt. So mies wie 2015 sah es schon lange nicht mehr aus - 1984, 1953, 1949 standen wir ähnlich kurz vor der Katastrophe. Drei Minuten vor Zwölf.

Wir versinken im eigenen Dreck. Irgendwie sind so viele externe Probleme hausgemacht und wir basteln weiter, als würde uns schon nichts geschehen. An manchen Tagen ist der Overflow der Informationen und der menschliche Dreck in Kommentarspalten nicht mehr zu ertragen, da hilft oft nur noch der Rückzug, das eigenen Erden ... oder auch mal der wilde Tanz auf dem Vulkan. Immerhin habe ich nun ein Baguetterezept aus den Vogesen gefunden, für das man fünf Tage braucht. So viel Zen und Bergwanderungen mit dem Hund müssen einfach erden.

Wer mich kennt, der ahnt, dass ich nicht der Typ bin, wie in Houellebecqs "Unterwerfung" tatenlos am Herd zu stehen. Ich finde, es wird Zeit, die ganz anderen Geschichten zu erzählen, die immer zu kurz kommen: Wie in einer Welt des Umbruchs mit all ihren schmerzvollen Entwicklungen auch Visionen für eine menschlichere Zukunft entwickelt werden. Wie Menschen weltweit längst damit experimentieren, was man anders machen könnte. Texte über eine denkbare Zukunft müssen keine Verdrängungsmechanismen beinhalten. Sie sind durchaus wichtig, damit nicht noch die letzten Unentschlossenen umkippen nach ultrarechts oder populistisch. Ich lese derzeit so viele Trüffel im Netz, meist im englischsprachigen - Trüffel, die einfach zu kurz kommen. Meine Interessen, über die ich gern bloggen würde, haben sich erweitert.

Und da sind wir bei des Pudels Kern: Schon lange überlege ich, wie ich die sehr unterschiedlichen Blogs unter einen Hut bekomme. Und habe mich entschlossen, doch alles zusammen in einem einzigen neuen Blog unter Wordpress zusammenzufassen. Das Ganze zu professionalisieren in Richtung "Zeitschrift". Dann lassen sich auch Kommentare unterschiedlicher Medien einbinden. Im Moment erarbeite ich mir ein tragfähiges Konzept dafür, bis dahin laufen die Blogs hier weiter. Kreativphase. Ich bin gespannt ...

20.01.2015

Medial überrollt - Houellebecq (3)

20.01.2015 0
Eine Idee zerplatzt. Zugegeben, es war ein wenig riskant, Leserinnen und Leser eine Ein-Frau-"Leserunde" aushalten zu lassen, die nicht wirklich eine Leserunde im herkömmlichen Sinne ist. Ich fand das Experiment ganz reizvoll, mir einmal beim Vorbereiten einer Rezension über die Schulter schauen zu lassen. Vielleicht auch einmal anschaulich zu zeigen, wie mehrschichtig Literatur sein kann, wie faszinierend die Querverbindungen zu entdecken sind. Aber ich habe meine Rechnung ohne die immense PR-Maschinerie und den Erscheinungstermin in Deutschland gemacht. Ich bin schlicht zu spät dran.

Meine Beiträge zu Houellebecqs Buch gehören zu denen, die in diesem Blog am wenigsten gelesen werden. Dazu machen sie aber zu viel Arbeit. Ich kann es niemandem verdenken: Im Moment schreibt JEDER über das Buch, die Feuilletons sind vollgepflastert. Nach der 101sten Meinung ist man müde, will lieber selbst lesen oder es hat sich bereits das Lebensgefühl des Protagonisten bei uns eingeschlichen: Ennui bis hin zum Ekel. Überdruss.

Den will ich nicht verstärken und entscheide mich für den radikalen Schnitt: Ich beende die Serie und lese fortan im Stillen. Ob ich dann nachher noch Lust habe, die 1001ste Rezension zu schreiben - ich weiß es nicht. Da ist dieser Ennui angesichts der Medienmaschinerie ... So schnell kann es gehen in den schnellen Medien, aber man kann ja zum Glück genauso fix reagieren.

Eines noch: Ich hörte gestern, Houellebecq habe nach seiner Lesung in Köln vor allem zwei Dinge beklagt: Dass man ihm Islamophobie vorwerfe und dass er sich ständig erklären müsse auf die Frage hin: "Darf man so ein Buch schreiben?"

Islamophobie kann man diesem Buch eigentlich nur vorwerfen, wenn man es nicht richtig gelesen hat oder auf die PR-Maschinerie hereingefallen ist. "Unterwerfung" hat recht wenig mit den Werbetexten zu tun. Wenn in diesem Buch jemand etwas abkriegt, dann sind es die Franzosen in der beschriebenen Dekadenz und inneren Leere, die Anpasser und Hinternkriecher, die gedankenlosen Mitläufer jedweder extremeren Gruppe. Dann sind es diejenigen, die von Religionen längst keine Ahnung mehr haben und sich in ihrer Sinnentlehrtheit nur noch von Privilegien statt Inhalten ködern lassen. Das hat Heike Rost in einer Rezension gut auf den Punkt gebracht.

Mich entsetzt die Frage: "Darf man so ein Buch schreiben?"
Man darf nicht nur, man muss! Wer, wenn nicht KünstlerInnen und LiteratInnen, kann der Gesellschaft frei und querdenkend einen Spiegel vorhalten, Zustände sezieren, provozieren, aufschrecken, nachdenken, umdenken und so vieles mehr?
Ganz sicher hat der Autor nie geahnt, dass sich ein - übrigens recht unglaubhaft geschilderter - Anschlag in seinem Buch zum Erscheinen in einen Anschlag ganz anderen Ausmaßes in der Realität fortsetzen würde. Er hat selbst einen seiner Freunde dadurch verloren. Aber genau das ist der Fluch oder das Geschenk guter Literatur: Manchmal hat jemand die feinfühligen Antennen und schafft eine Fiktion, eine Utopie oder einen Zukunftsplot, der plötzlich Wirklichkeit wird. Wie vieles von "1984" leben wir bereits 2015 - und doch ist es so ganz anders. Wie vieles in Houellebecqs Buch trifft die französische (und europäische) Gesellschaft in Mark und Bein - und trotzdem ist in diesem Plot und in seinen Beschreibungen so vieles absurd unmöglich oder überzeichnet. Das ist Literatur.

Zum Glück beschäftigt sich der Autor nicht mit der eigenen Nabelschau wie so viele. Ich will nicht zu viel verraten, aber für mich ist das Buch jetzt schon, noch nicht einmal zur Hälfte gelesen, ein großer, ein wichtiger Gesellschaftsroman. Ja, man darf! Man sollte noch viel öfter literarisch über die Welt nachdenken.

zu Teil 1
zu Teil 2

19.01.2015

Houellebecq lesen (2)

19.01.2015 2
Statt einer Rezension in einem Guss ein Experiment: Ich lese den Roman Soumission (dt. Unterwerfung) "live" in Etappen und lasse hier an meinen Notizen zum Buch teilhaben. Ein kleiner Einblick in die Arbeit einer Feuilletonistin, wie sie vor dem Schreiben einer Rezension steht. Verweise beziehen sich auf die Originalfassung, deutsche Entsprechungen habe ich selbst übersetzt.

Ein Motto zum Buch ist nicht nur Zierde. Das Huysmans-Zitat umreißt das Lebensgefühl des Protagonisten, irgendwann beiläufig Francois genannt: "Je suis bon a rien" - ich bin zu nichts nütze. Es verweist aber auch auf den Subtext: Man sollte sich wenigstens etwas mit Joris-Karl Huysmans beschäftigen, jenem Autor der vorletzten Jahrhundertwende, den Houellebecq nicht zum ersten Mal benutzt und der ihm wie dem Protagonisten so nahe steht. Die zwei großen H. - schreiben sie beide über die Dekadenz?

Francois ist ein Antiheld, der zunächst langweilig bis abstoßend wirken kann, aber dann doch schnell gefangen nimmt, weil man seine Gedanken irgendwoher zu kennen scheint. Traurige Jugend in einer Welt, in der Geld mit Großbuchstaben geschrieben wird und für Ärmere immerhin Konsum und Sucht nach Produkten bleiben, schreibt er eine Doktorarbeit über Huysmans mit dem vielsagenden Titel "Das Ende des Tunnels." Er identifiziert sich völlig mit dem Schriftsteller und glaubt, in den Büchern dessen Seele in allen Höhen und Tiefen zu erkennen, in einem intensiven Dialog mit einem bereits Verstorbenen zu stehen. Jene literarische Welt ist ihm aufregender als die Realität, arm aber frei ist er. Doch auch das kann Francois erst erkennen, als die Zeit der Freiheit vorbei ist und die akademische Laufbahn winkt.

Dieses Leben kennen wir aus anderen Büchern von H. und wir kennen es aus unserer Umwelt: Die jungen Leute ohne Orientierung und Lust auf einen bestimmten Beruf, die eigentlich nur noch passiv funktionieren, um sich von Schablone zu Schablone zu leben, die ihnen die Eltern und die Gesellschaft vormachen. Hier meißelt H. seine Stichworte zur Befindlichkeit modernen Lebens geradezu in Stein: Gleichförmigkeit, vorhersehbare Plattituden, unwahrscheinlich tiefe Einsamkeit und ein Ekel vor allem und jedem. Liebesabenteuer werden förmlich "abgesessen" wie Praktika, ohne Gefühl, ohne Empathie, wie ein Automatismus, weil "man" das so macht. Dieser Mann lebt nicht nur beziehungsunfähig in Einsamkeit, sondern "dans le vide" - in einer Leere, die im Französischen philosophische Konnotationen hat.

Aber keine Angst: Langweilig ist dieses öde Leben für die LeserInnen nicht! Wenn es am schlimmsten scheint, sprüht H. mit Ironie und literarischem Spott. Das ekelhafte Essen der Mensa beschreibt er in Begriffen von Huysmans, den universitären Literaturwissenschaftsbetrieb als Müllgewerbe. Und wenn Francois die verschlissenen Geliebten, ausnahmslos die eigenen Studentinnen, beschreibt, dann nur um seine berufliche Karriere daran zu spiegeln. Das gipfelt in einer Beschreibung der Völker Europas anhand eines typischen Männerorgasmus und Frankreich bekommt es dann voll ab: das "peuple régicide", das Volk, das seinen König guillotiniert hat - Francois kann immer öfter nicht kommen.

Es sind oft einzelne Wörter, die die Desillusion und Gefühlsarmut dieser Welt auf den Punkt bringen. Etwa wenn er eine Frau als "völlig verschlissen" beschreibt, als "ölverschmutzten Vogel" - das ist sein purer Ekel und Überdruss ... dieses berühmte "Ennui" der Dekadenz. Immer wieder wirft man H. wegen solcher Szenen Misogynie vor, aber er spiegelt darin nur den Mann, den er genauso wenig zu mögen scheint: Dieser Kerl ist längst verschlissener als seine Frauen. Die Liebe eines Mannes ist für ihn nur Gegenleistung für erhaltene erotische Freuden - zu mehr ist er nicht fähig.

Derweil schleicht sich im eintönigen Unileben und draußen fast unbemerkt ein "Störfaktor" des ewigen Trotts ein: Ausländische StudentInnen arbeiten im Gegensatz zu den einheimischen auffallend ernsthaft, saugen auf, was sie bekommen können - Chinesen, Maghrebiner. Mädchen in Burka, überprüft von ihren Brüdern, sitzen in einer Vorlesung über Jean Lorrain. Und bei den Kollegen ist es hipp, in der Großen Moschee von Paris Tee zu trinken, beim Marokkaner zu essen. Francois bemerkt seine Automatismen: Arabisches Aussehen = Gefahr, andere Sitten = Zurückschrecken. Doch man wünscht ihm ein "Friede sei mit euch!"

Es sind die kleinen Brüche: Musliminnen in Burka interessieren sich für einen der großen Skandalautoren der Dekadenz, diesen Dandy, der offen homosexuell lebte, Drogen konsumierte und sich schminkte? Nicht nur der Protagonist fragt sich, was sich in der Welt plötzlich verändert hat. Der Front National, geführt von einer Frau (!) redet von der Liebe zu Frankreich, während Francois auf sein erlöschendes Liebesleben blickt - das ist der typisch doppelbödige Witz Houellebecqs. Ausgerechnet die militanten Politiker versprechen echte Gefühle ...

Francois, der Macho, der sich insgeheim das Patriarchat zurückwünscht, leidet wie kaum ein anderer an der Malaise, der Krankheit unserer Zeit. Nichts und niemand rechtfertigt sein Leben in einem System, in dem Scheitern nicht vorkommen darf und alles auf Konkurrenz gebürstet ist. Man vermeidet, um nicht verletzt zu werden, man wagt nicht mehr, um nicht enttäuscht zu werden. "Man langweilt sich ein wenig, aber man liest weiter." Das Wort ennui selbst kommt nicht vor, H. vermeidet auch dies, aber da taucht er immer wieder auf, dieser Schlüsselroman von Husmans, der den Subtext zum Buch bildet: "Gegen den Strich / Gegen alle". Er war die Bibel der Dekadenz, inspirierte Oscar Wilde zu seinem "Bildnis des Dorian Gray" und veranlasste einen Kritiker damals zu schreiben: ""Nach einem solchen Buch bleibt dem Verfasser nur noch die Wahl zwischen der Mündung einer Pistole und den Füßen des Kreuzes."

Houellebecq verschwimmt mit Huysmans, dessen Protagonist Durtal mit Francois und alle zusammen werden zur Schlüsselfigur für unsere Zeit, die neue Dekadenz eines müden, ausgelutschten Abendlandes, in dem keiner mehr an irgendetwas glaubt und jeder sich nur nach einem echten, tiefen Gefühl sehnt.
Dass Frankreich auch politisch abwirtschaftet, ist nur eine Frage der Zeit gewesen und die Gründung der Partei "Muslimische Bruderschaft" durch den gemäßigten Mohammed Ben Abbes eine schleichende, logische Konsequenz.

Was jetzt folgt zum Wahlkampf ist eine bitterböse Satire auf das heutige Frankreich, raffiniert in die Zukunft versetzt. Aber wer die genannten Zeitungen und Sender, Journalisten und Anspielungen kennt, der weiß: Da liest man Hollande und Marine Le Pen mit, dieses Frankreich des totalen Ennui und der Verzweiflung, der ungelösten Probleme und Anschläge in den Banlieues, das ist Frankreich, wie es heute leibt und lebt. Es gibt Unruhen zwischen Rechtsradikalen wie zwischen Afrikanern, Anschläge auf Moscheen und Angst vor einem drohenden Bürgerkrieg zwischen Muslimen und "westeuropäischen Eingeborenen". Immer mehr Menschen im Land haben keinen Zugang mehr zum sozialen System - und genau die haben kein Problem damit, es zu zerstören oder bei dessen Zerstörung zuzuschauen.

Aber das Land macht es nicht anders als Francois: Man schaut weg, banalisiert die alltäglichen Katastrophen - in den Medien kommen sie nicht mehr vor. Nährboden für diejenigen, die noch das totale Fühlen versprechen: FN und extreme Kräfte. Wenn da nicht jener gemäßigte Muslim wäre. Spätestens jetzt müssen wir Huysmans Suche nach Glauben in einer entleerten Welt als Subtext mitlesen ...

zu Teil 1

17.01.2015

Houellebecq lesen (1)

17.01.2015 2
Nein, nein, nein, ich lese die Gattung dieser Hype-Bücher nicht, diese von gut bezahlten PR-Agenturen künstlich hochgepuschten Bestseller, die sich doch nur so gut verkaufen, weil da mal wieder einer oder eine (meist ist es einer) auf Randale macht, Skandal verspricht. Es ist doch ein offenes Geheimnis in der Buchbranche, dass zum Erfolg eines Buchs gern eines verhilft: Polarisierung. Je mehr Menschen sich über ein Buch streiten, desto lauter und öfter werden sein Titel, sein Autor genannt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo auch die letzten es einfach nur haben wollen, um "in" zu sein und mitreden zu können. Da stehen sie dann im Regal, die ungelesenen Bestseller, die auch so gutes Geld einbringen - und werden irgendwann verschämt entsorgt, wenn der nächste Provokateur ein paar hundert Seiten gefüllt hat.

So oder so ähnlich konnte man mich schon oft sprechen hören. Sollte ich dieses Buch wirklich kaufen, nur weil ganz Frankreich davon zu sprechen schien? Houellebecqs Bücher polarisieren auch mich: Einige finde ich schlicht brillant, wie sie die heutige Gesellschaft in gewissen Zuständen entlarven - auch sprachlich wunderbar. Mit anderen kann ich gar nichts anfangen und bin gelangweilt, weil Monsieur H., wie ihn manche nennen, sich nur allzu gern am eigenen Versatzstückkasten bedient, sprich, seine Marotten hat. Marotten bergen die Gefahr, zu Manierismen zu werden. Seine Sexszenen sind außerdem nicht jedermanns Sache, für sein Frauenbild wird er von manchen regelrecht angefeindet. Aber das Chamäleon der perfekten Selbstinszenierung hält vielleicht auch hier nur einen Spiegel vor. Ist es H., der Autor, der so denkt? Oder tut H. einfach nur wie seine frauenfeindlichen Protagonisten, um die marode Männerwelt zu entlarven? Man darf sich nie allzu sicher sein bei seinen Büchern. Bei seinen Aussagen gar nicht, denn Schriftstellerei und Selbstinszenierung verschmelzen in seinem Leben.

Gesehen habe ich ihn dann in den Nachrichten von FR2. Da saß er still und verschlossen wie eine alternde Sphinx, der Entertainer, der sonst so gesprächig sein kann. Keine Lust gehabt? Wurden die falschen Fragen gestellt? H. wirkte ein wenig zickig, aber er sprach sozusagen in Subtexten. Interessant war, wozu er nichts sagte und wo er die unerwarteten Antworten gab. Zugegeben, das reizte meine Neugier.

Inzwischen ist Houellebecq aufgrund der Terroranschläge von Paris abgetaucht. Einer seiner engen persönlichen Freunde wurde dabei ermordet, sein Verlag Flammarion steht unter besonderem Polizeischutz. Man wird heutzutage nicht nur für Karikaturen bedroht. Und das macht es unmöglich, das Buch so unbefangen zu lesen wie vor dem Anschlag. Es erhitzt viele Gemüter, die es nicht einmal gelesen haben. Ich bin neugierig von Beruf, als Feuilletonistin und ehemalige Literaturkriterin sowieso. Ich will es wissen.

Sehr misstrauisch und sehr kritisch habe ich mir zuerst die Kindle-Leseprobe heruntergeladen. Und war erstaunt: Das liest sich sprachlich wie inhaltlich fast zu brillant, um wahr zu sein. Wird er dieses Niveau für den Rest des Buchs durchhalten können? Oder sackt er ab in Wiederholungen seines bekannten Baukastens, wie manche Kritiker finden? Zwei Dinge werden auf den ersten Seiten schnell klar:
1. Es lohnt sich eine Beschäftigung mit Joris-Karl Huysmans, jenem Schriftsteller der Dekadenz des 19. Jahrhunderts (Wikipedia), der sich als Freigeist mit kontroversen Themen bis hin zum Satanismus beschäftigte und sich dann fromm zum Katholizismus bekehrte. Houellebecqs Protagonist beschäftigt sich mit ihm und es wird da sicher Anspielungen und Querverweise geben. Denn H. und H. - die gehören nicht nur bei diesem Roman zusammen.
2. Der Roman überrascht vor allem deshalb, weil er nichts von dem zu bringen scheint, was die PR-Maschinerie in den Mittelpunkt geschrieben hat. Noch ist es zu früh, etwas darüber zu sagen, ob das wirklich das ach so böse Buch gegen den Islam sei, wie manche behaupten. Es könnte auch ganz anders kommen.

Ich "befürchte" nur eines = würde mich freuen: Dass es ein typischer Houellebecq geworden ist, ein Roman, der all diejenigen Lügen straft, die etwas zu ihren Gunsten hineingeheimnissen wollen. Weil er sie alle - scharfe Kritiker wie Jubler - an der Nase herumführt. Der Roman hat den Autor durch die Ereignisse der letzten Woche tragisch überrollt, weil er ein Gespür für unsere Befindlichkeit entwickelt hat, für das Thema unserer Zeit, bevor es ganz reif ist. Mehr ist noch nicht zu sagen ... außer, dass er sich recht trocken-lakonisch im Stil anlässt, so gar nicht satirisch. Die Satire mag eher im völlig unmöglichen Plot liegen.
Ich will diesmal keine Rezension *nach* dem Lesen schreiben, sondern kurze Zwischenberichte aus dem Lesekämmerchen geben, wenn mir danach ist, falls mir danach ist, in loser Folge. Demnächst, hier in diesem Theater ...

zu Teil 2

12.01.2015

Glotze gucken

12.01.2015 1
Ich habe noch nie mit Freunden zusammen Glotze geguckt. Denn wenn Freunde kommen, bleibt der Kasten aus. Gestern war das anders in Frankreich: Es war auf einmal zum Heulen, dass Paris, die Stadt, auf die wir Provinzler sonst schimpfen, so weit weg liegt. Und einige waren zu krank, um in Straßburg beim "Republikanischen Marsch" mitzulaufen. So setzten wir uns gemeinsam vor die Glotze, schauten die Direktübertragung von TF1 aus Paris und tranken viel zu viel viel zu starken Kaffee. Aber auch das nicht gleich. Zuerst tratschten wir ein bißchen über das Leben, den Horror und unsere Ängste.

Ich hatte vor der Abfahrt zuhause ein wenig in die ARD-Berichterstattung geschaut und mich gewundert, dass die sich anhörte wie zu einem Karnevalsumzug in Köln. Man zeigte nur "Je suis Charlie"-Bilder und nicht die anderen, die fast in der Überzahl waren, sprach trocken über Gemeinplätze. Während der Fahrt sprudelten die französischen Journalisten im Radio bereits, dass sich unvorstellbar viele Menschen zur Place de la Republique begäben, mehr als gedacht. Wir hatten keine Erwartungen, wir machten uns Sorgen - und waren - durchweg Künstler - kämpferisch gestimmt. Niemand würde uns unsere über Jahrhunderte erkämpften Werte nehmen. Vor der Glotze saßen wir verteilt, vereinzelt, tranken Kaffee, diskutierten, es wurden Zigaretten gedreht. Es war irgendein Philosoph, der uns im Chor verstummen ließ, selten hat jemand so viel Kluges gesagt. Hände flogen immer wieder vor staunende Münder - die meisten von uns kennen diesen Platz im Alltag ... und jetzt diese Menschen, wie Ameisen, aus allen Richtungen kamen sie zusammen. Friedlich, ohne Panik, traurig und freundlich, so unwahrscheinlich ruhig und unerschrocken. Es war die schiere Masse, die uns den Atem nahm. Und immer wieder in der Trauer auch der Applaus, das gemeinsame Skandieren und Singen, trotzig und stark.

Die Kameras versuchten, Schilder und Objekte herauszuholen aus der Menge. "Je suis Charlie" war längst nicht mehr das Hauptzeichen, es war der Taktgeber geworden, die große Inspiration. Überall hatten die Menschen etwas Neues daraus gemacht, hielten eigene Zeichnungen hoch wie "Je suis Juif" (Ich bin Jude), "Je suis Ahmed" (der Name des getöteten muslimischen Personenschützers bei Charlie Hebdo) ... der Spruch multiplizierte sich, die Schilder wurden immer größer. "Ich bin Christ, Muslim, Jude, Atheist, Mensch, Republikaner, Polizist, frei ..." Da standen sie Stunden, bis sich der Marsch überhaupt erst in Bewegung setzen konnte - alle Religionen, Hautfarben, Kulturen, Berufe, Altersstufen, soziale Klassen - das ganze bunte, aufregende, faszinierende Frankreich, wie es leibt und lebt. Irgendwo wurde eine immense Marianne als Stabpuppe mitgeführt und Spanier hatten einen bösen Spruch von Franco umgemünzt in einen Ausruf für die Freiheit - es war ihr Beitrag, um zu zeigen, wie wichtig ihnen die Werte der Republik seien.

Die Mischung der Emotionen nahm uns gefangen, unsere Gespräche verstummten. Da war die Trauer um die Opfer - wirklich verarbeitet haben wir den Horror der letzten Tage immer noch nicht. Aber da war auch der Trotz zu spüren, der den Trauermarsch zum Marche Républicaine machte - und die Interviews mit Passanten und Leuten aus allen wichtigen Bereichen des Lebens machten das deutlich. Da war etwas geschehen, was unsere Welt verändert hatte: Die Menschen schienen zu begreifen, worauf es ankommt.

Während man sich in der ARD darüber ergangen hatte, wie viele Minuten die Menschen wo genau herumstanden und wann es endlich losgehen würde, transportierte das französische Fernsehen die Bilder der großen Emotionen, der Inhalte. Zu dicht, um es wirklich begreifen zu können, aber einige werden wir nie mehr vergessen können. Der Jude mit dem großen Schild "Ich bin Jude und ich liebe die Muslime!" Hand in Hand mit ihm der Muslim mit dem gleichen Schild: "Ich bin Muslim und ich liebe die Juden!" Wie sie kurz vom friedlichen Zusammenleben in eben jenem attackierten Viertel redeten und dass sich für sie die Welt verändert habe - sie würden künftig in die Schulen gehen, sie planten Veranstaltungen miteinander in Synagoge und Moschee. Weil wir nur hassen können, was wir nicht kennen, was uns Angst macht.

Der Zug der Polizisten und Spezialeinheiten in tiefer Trauer durch die Menge und dann passierte etwas, was in Frankreich so kaum vorher vorstellbar war. Applaus, donnernder Applaus der nun stehenden Menge. Und dann lösen sich Einzelne aus den Reihen, schütteln den Sicherheitskräften die Hände, küssen sie ... In einem Land, in dem man auf die Flics schimpft und die Polizei nicht den besten Ruf hat, lässt uns ein Bild den Atem stocken: Ein Schwarzer in innigster Umarmung mit einem Polizisten, sie drücken die Wangen aneinander, der Mann aus der Menge küsst den Polizisten. Bilder, die irgendwann als Foto um die Welt gehen könnten, weil sie mehr erzählen als Worte - wie sich eine Welt verändert hat, wie ein anderer Umgang miteinander aussehen könnte.

Allein die erste Reihe der Politiker lässt staunen. Sie haben Feingefühl bewiesen und laufen hinter den Angehörigen der Opfer - Feingefühl zeigen auch die Journalisten, die diese nicht mit der Kamera belästigen. In der ersten Reihe der Politiker Hollande Arm in Arm mit Bundeskanzlerin Merkel und dem Schwarzen, den die ARD so schamhaft und dauerhaft verschwiegen hat (wussten sie es nicht?), es ist Präsident Keita von Mali. Wir zählen etwas anderes: Waren es drei oder vier Personen zwischen Netanjahu und Abbas - fast würden sie Arm in Arm laufen, würden sich beide Mühe geben. Wir hören, dass Lavrov und Poroschenko miteinander gesprochen hätten, der Russe und der Ukrainer. Und der Witz aus unserer Runde sitzt: Sollte man verfeindete Politiker vielleicht öfter einmal in solche Menschenmengen stecken?

Das ist das große Ereignis: Hier marschieren die Bürgerinnen und Bürger selbst, Demokratie von unten, die den Politikern und Religionsführern auf Schildern vorhalten, was sie sich am meisten wünschen: Friede, Miteinander, Freiheit, Brüderlichkeit. Die Marseillaise, die an diesem Tag immer wieder von Menschen aller Rassen gesungen wird, löst sich ab mit "All you need is love" von den Beatles. Wir sehen die Bilder und können es immer noch nicht fassen. Etwas ist aufgebrochen in den Menschen und hat eine immense Kreativität freigesetzt. Von den Kindern, die bei den Eltern auf den Schultern sitzen, bis zu den Ältesten, die noch den Zug der "Libération" 1944 erlebt haben, sind diesmal sogar Menschen auf die Straße gegangen, die noch nie in ihrem Leben auf einer Demonstration waren. Und sie alle haben etwas gebastelt, drücken ihre Gefühle in geschriebenen Tafeln und Gegenständen aus. Wenn wir hochrechnen, wie viele wie wir nur vor dem Fernseher sitzen oder in ländlichen Gebieten keine Märsche fanden - wie viele Franzosen müssen sich da im Herzen mobilisiert haben?

Am Rande in einer Zugangsstraße sitzt ein Theatermensch mit einem großen Gestell, an dem Zeichnungen und Sprüche flattern. Er lässt die Menschen zeichnen, sich ausdrücken. Erzählt, wie es ihnen hilft, zu verarbeiten. Wie sich die Emotionen freisetzen. Wie sie aber auch unwahrscheinlich kreativ werden, um auszudrücken, im was für einer Welt sie künftig leben wollen. Da ist es wieder: Er will das nicht auf den Tag beschränken. Sie wollten mit der Theatertruppe nun ganz eng mit dem Publikum etwas entwickeln. Sie dächten darüber nach, welche Möglichkeiten das Theater noch habe. Es sind nicht nur die Zeichner, Frankreichs Kulturschaffende und Künstler scheinen losgezogen zu sein, um sich enger mit den Menschen zu verbinden. Jeder, den sie vor die Kamera bekommen, sagt, dass da noch die Überwältigung zu groß sei, dass aber dieser Tag nachwirken werde. Dieser Tag verändert alle.

Als die Einspieler aus anderen Ländern der Erde kommen, haben wir Tränen in den Augen. "Je suis Charlie" in Marokko, in Jordanien oder Mexiko, Australien und selbst in Moskau kriegen sie die Leute nicht klein. Und dann Ramallah und Jerusalem. Wir machen uns nichts vor, wir kennen die Weltlage und die verhärteten Herzen. Aber hier sprechen Bilder etwas aus, was zig Konferenzen nicht schaffen und so viele Friedensprojekte auch nicht: die Bilder aus Jerusalem und Ramallah ähneln sich so sehr! Da wird ein Hauch von einer Welt sichtbar, wie sie sein könnte. Jemand in der Runde sagt: "I have dream". Martin Luther King - auch er hatte zuerst nur einen Traum, eine Vision.

Viel stärker als "Je suis Charlie" blinkt immer wieder eine grellfarbige Karikatur ins Bild, die keine Karikatur ist, sondern ein Wunschbild, ein gezeichnetes Sehnen: Ein Muslim küsst einen Andersgläubigen, innig miteinander vereint. Kurze Statements von Marschierenden zeigen, dass diese Welt längst jenseits des Hasses existiert: Die jüdische Frau, mit einem Muslim verheiratet, die Muslime mit christlichen Freunden - und sie rufen alle nach fraternité und liberté, nach Brüderlichkeit und Freiheit. Sie stehen mit Taten und Worten dafür ein, dass Islamismus im Islam nichts zu suchen hat, dass die Terroranschläge ein Verbrechen gegen die Menschheit waren und auch eins gegen Gott, Allah, Jhwh ... wie auch immer wir unsere Götter nennen mögen. Einer von uns meint, das sei besser als Woodstock, Liebe gegen den Hass - und das wird zum heimlichen Slogan.

Wir können es nicht glauben. Was wir sehen, ist nach dem noch unverdauten Terror zu schön. Es wäre aber auch ohne den Terror fast zu schön, um wahr zu sein. Bewegen sich da wirklich die Bürger des Landes, die vor kurzem noch ein offizielles Identitätsproblem hatten? Die mit ihrem Staat nicht mehr zurechtkamen und wo sich eine Jeder-gegen-Jeden-Stimmung breitgemacht hatte? Wo die Krise die Mitmenschlichkeit zu fressen drohte und Zukunftsangst sich mit zynischem Fatalismus abwechselte?

Frankreich ist nicht mehr das gleiche Land wie letzte Woche. Die Menge der Marschierenden allein mag den historischen Wendepunkt markiert haben, aber das eigentliche Wunder dieses Sonntags in Paris ist ein mit dem Verstand allein nicht zu fassendes spirituelles ... Wir saßen nicht lange einzeln um den Fernseher und hielten uns an den wärmenden Kaffeetassen fest. Wir rückten zusammen, unwillkürlich. Eine wischte sich verstohlen die Augen und sagte. "Ich habe Tränen in den Augen." Die andere nickt und schnieft. "Ich auch!" Und dann liegen wir uns immer wieder in den Armen und heulen hemmungslos gemeinsam. Gar nicht mehr so sehr aus Trauer. Es ist eine immense Rührung vor dem Augenblick. Weil wir wissen, dieses Rad ist nicht mehr zurückzudrehen. Wer das gespürt hat, was diese Menschen verkörpern, dem werden die Besserwisser und Kaputtreder, die Negativen und die Hassenden nicht mehr so viel anhaben können. Wir heulen vor Freude und Glück, weil wir endlich wieder sehen und spüren, wie eine Zukunft ausehen kann. Wie eine menschliche Zukunft aussehen kann. Partager des émotions - Emotionen miteinander teilen - so wichtig. Aber da bricht sich noch anderes Teilen Bahn, eines das Hoffnung macht in der kalten Gesellschaft vereinzelter Individuen.

Immer wieder die Beatles und die Marseillaise und da sprudelt auf den Plätzen von Paris und in den Straßen etwas hervor, was von Politikern viel zu gering geschätzt wurde: eine immense, unglaubliche Kreativität der Menschen aller Bevölkerungsschichten. Je suis Charlie - heute kann jeder Künstler sein. Kunst und Kultur als Bewältigungshilfe, als Heilung, aber auch politische Waffe. Keiner der Interviewten wird diesen Tag am Montag vergessen haben. Sie alle sagen, dass sie sich auf einmal ganz persönlich gefordert fühlen, in ihrem privaten Umfeld. Dass sie darüber nachdenken müssten, wie sie sich privat verhielten und wie mitmenschlich oder auch nicht. Kein Prediger dieser Welt, keine Religion, keine Predigt hat geschafft, was dieses gemeinsame Ritual freibrechen ließ: Wenn ich Charlie bin und du Charlie bist, dann sind wir gleich, dann sind wir beide Menschen, die in Freiheit leben wollen.

Marine Le Pen, die woanders marschierte, hat einen Satz in die Kamera gesagt, den andere auch hätten sagen können. Und dann kreischt unsere Runde vor Lachen, weil man ihn regelrecht gehört und gesehen hat - den scharfen Schnitt. Heute will keiner die anderen Extremisten hören, die den Hass schüren und die so üble Unterschiede machen. Ob Frankreich das durchhalten wird? Ob das, was sich fast wie eine spirituelle Veränderung anfühlte, im Alltag bewahrt bleiben wird? Ob die Politik auch ab Montag besonnen und gelassen notwendige Schritte unternimmt, anstatt panisch die Demokratie auszuhöhlen? Wir haben erlebt, was der Abhörwahn der Amerikaner genutzt hat: nichts. Das Leben bleibt gefährlich.

Wir wissen es nicht, was die nächsten Tage und Wochen bringen werden. Wir lagen uns an diesem Tag lieber in den Armen und ließen uns mitreißen. Das Verabschieden zog sich hin ... die ersten überlegten schon krampfhaft, wie sie sich als Künstler und Kulturschaffende für diese Vision einer Zukunft einsetzen könnten. Aber wir waren zu voll der Emotionen. Das Land wird noch Trauerarbeit leisten müssen. L'amour contre la haine, die Liebe gegen den Hass, die Kraft und Macht der Einheit ... diese immer und immer wieder gehörten Worte - wir hoffen, dass die Reihen der Politiker nicht zu isoliert in der Menge waren, um diesen Geist zu spüren und zu verinnerlichen.

Aber egal. Jetzt ist jeder Einzelne von uns gefragt. Wir werden uns wieder treffen. Und dann darüber reden, wie das alles unsere Kunst und uns verändert. Wer einmal gesehen hat, wie eine Bewegung die ganze Welt ansteckt, der glaubt wieder daran, dass gegen Dummheit, Extremismus, Rassismus und Fremdenhass ein Kraut gewachsen ist. Seed Bombs säen auf Verkehrsinseln Blumen. Guerilla Gardening begrünt Städte. Auch das Gute lässt sich aussäen. Sie sei so angefüllt mit Kraft und Hoffnung, sagt eine Freundin. Das sind auch die Gefühle, die beim Aufwachen am Montagmorgen noch da sind: Kraft und Hoffnung. Und das Wissen: Jeder einzelne von uns hat es in der Hand, die Zukunft zu gestalten, denn wir sind wie Schneeflocken, die zu Lawinen werden können. Es wird eine harte Arbeit werden.

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