09.11.2014

Lesen: vertieft oder sprunghaft?

09.11.2014 0
Die Wissenschaft streitet sich, ob wir mit digitalen Medien noch genauso lesen wie von Papier. Der Artikel "Your paper brain ..." befasst sich mit Untersuchungen, die annehmen, wir hätten zwei Modi des Lesens - einen für Reader, einen für Papier. Nur Papiermedien könnten wir im Modus des Deep Reading lesen. Beim Reader seien wir zu abgelenkt, läsen nicht mehr "linear" - eine Art "sprunghaftes Lesen". Wir könnten aber beide Methoden durchaus trainieren.


Ich habe unlängst genau gegenteilige Aussagen von Forschern gelesen (finde den Link nicht), die sehr viel feiner differenzieren und sagen, dass es einen großen Unterschied gebe zwischen Bildschirmlesen am Computer oder E-Ink-Lesen (wo es nicht nur Kindles gibt). Und beim Reader sei es eben kein "Screen-Reading", zumal der Computer oder das Smartphone zum Surfen nebenher animieren - der Reader ja nicht. Da kann man sich also die Studien aussuchen, wie man möchte! Neugierig habe ich mich gefragt, wie das bei mir läuft. 

Der These in "Your paper brain" kann ich nicht ganz folgen (aber ich weiß auch, dass man persönliche Einzelerfahrungen nicht hochrechnen und verallgemeinern darf).
Ich lese beruflich täglich gefühlt Tonnen von Texten in allen Formen. Da ich sehr viel historisch recherchiere, muss ich die meisten Texte am großen Bildschirm des Computers lesen, wobei ich extrem schnell und viel surfe und querlese. Einige Archive haben nun auch tw. Dienste, wo ich mir die Texte auf den Reader holen kann. Dazu kommt, dass ich die wichtigsten Zeitungen rund um den Globus online lese, aus Mangel an Möglichkeiten, auf dem Land überhaupt an ordentliche Papierzeitungen zu kommen.

Dieses Lesen am Computer ist das beste Beispiel für das Gegenteil von Deep Reading. Ich genieße selten ein ganzes aufgerufenes Buch, sondern suche mir im Affenzahn die relevanten Stellen. Ich surfe zwischen einem Ausschnitt aus dem 18. und einem Forschungsbericht aus dem 21. Jahrhundert. Das habe ich früher in Fachbibliotheken allerdings auch getan und die entsprechenden Seiten schnell auf den Kopierer gelegt ... Nun surfe ich allerdings auch noch quer durchs Internet, schaue mir Fotos an, schlage in Wikipedia nach, zwinge Google zu mehr Tiefe. Aber auch das habe ich früher gemacht: Mit unendlich höheren Stapeln von Büchern, mit Enzyklopädien, die in einer langsameren Welt noch nicht so schnell veralteten. Der einzige Unterschied: Damals erlangte ich nicht so viel Wissen und hatte einen ungleich höheren Zeitaufwand, musste sogar noch reisen und viel Geld bezahlen. Heute lese ich kostenlos an einem Tag in der Nationalbibliothek von Paris oder der Library of Congress in Washington - ohne mich aus meinem 800-Seelen-Dorf bewegen zu müssen. Beruflich kann ich mir langsamere Arten der Recherche kaum noch leisten, denn ein Sachbuch schreibt man heutzutage nicht mehr in zehn Jahren - dann ist es veraltet.

Eine Sache ist beim Computerlesen dieser Art anders: Ich benutze zwischendurch Twitter, Facebook oder Blog ... um mich zu entspannen. Habe ich etwa einen besonders komplizierten wissenschaftlichen Text in einer Fremdsprache gelesen oder mich durch einen Atikel gequält, dessen Sprache ich eigentlich kaum beherrsche, dann tut es mir gut, ein Weilchen bei FB "runterzukommen". Schnell mal etwas Witziges in der Muttersprache loszuwerden oder mit Menschen ein paar Worte zu wechseln. Das ist für mich ein wenig der Ersatz zur früheren Kantine, zum Schwätzchen im Großraumbüro. Ich empfinde es nicht als schädlich oder als Zeitverlust, weil ich als Freiberuflerin allein im Büro sitze. Ich kommuniziere wieder mehr. Und natürlich hängt dann im Nacken die Versuchung, wenn ein Text besonders dröge ist: Schnell mal zu FB surfen ...
Deshalb ein eindeutiges Ja. Bei dieser Art des eklektischen Lesens am Computerbildschirm mit Internetanschluss bin ich sprunghafter, sicher auch mal weniger aufmerksam.

Aber das liegt nicht am Computer als Medium, sondern am Internetanschluss. Es ist die offene Welt, die verführt. Als eine, die absolut selbstverständlich zwischen unterschiedlichen Formen des Lesens wechselt, schreibe ich deshalb meine Bücher grundsätzlich an einem Laptop ohne Internetanschluss. Dort glätte ich auch Übersetzungen. Aber die Übersetzungen selbst fertige ich im Rohtext nur noch an, wenn ich dauerhaft online bin. Ich könnte den Arbeits- und Zeitdruck von heute nicht durchhalten, ohne jederzeit in den wichigsten Spezialwörterbüchern nachschlagen zu können, die sich kein Privatmensch auf Papier leisten könnte - die es teilweise sogar nur online gibt. Oder sich mit KollegInnen zu beraten.

Nun habe ich persönlich ein fotografisches Gedächtnis. Ich wusste früher genau, in welchem Papierstapel auf welcher Höhe welches Zitat zu finden war. Ich finde auf meinem Chaos-Schreibtisch oder in meiner Bibliothek sofort, was ich suche - vorausgesetzt, niemand hat aufgeräumt. Das konnte ich in Anfangszeiten beim papierlosen Lesen und Abspeichern in Dateien auf der Festplatte nicht. Aber recht schnell hat sich durch Übung spürbar etwas im Hirn verändert - schnell lernte ich, virtuell in einer Art "Landkarte" zu denken. Es ist ähnlich wie bei Computerspielen: Websites sind für mich unterschiedliche Räume und Level. Soo kann ich während einer Recherche irgendwann spontan genau sagen, in welchem "Raum", auf welchem "Level" ein gesuchtes Zitat liegt. Ich brauche die History meines Browsers nie - ich kann genau sagen, wie viele Schritte in welche Richtung ich gehen muss, um zum Zitat zu kommen. Am nächsten Morgen weiß ich z.B., dass ich noch bestimmte Bilder suchen wollte, die in Japan auf Level drei achtzehn Browser-Schritte zurück liegen. So, wie ich früher in dreidimensionalen Stapeln dachte, denke ich heute in virtuell dreidimensionalen vernetzten Räumen.
Als Verlust begreife ich das nicht, im Gegenteil: Mein Hirn hat Neues gelernt.

Und jetzt kommt der Witz, der Widerspruch zu obigem Artikel: Auf dem E-Ink-Reader versinke ich völlig und habe das gute alte Deep Reading ohne Abstriche. Nein, da surfe ich nicht herum, wie auch? Ich lese seit Monaten am Gesamtwerk der Strugazki-Brüder - ich lese lediglich ein wenig schneller als auf Papier, weil ich keine Lesebrille brauche und weniger ermüde. Aber ich bin von der ersten Seite an hin und weg und vergesse die Welt, vergesse, was ich in der Hand halte. Es trägt mich nur noch die Geschichte, in die ich abtauche.

Das erste Mal habe ich Deep Reading auf dem Reader mit Thomas Wolfes "Schau heimwärts, Engel" getestet. Ein Brocken von Buch, wenn man es als Papierausgabe kauft, hat man ein Brikett von 720 Seiten. Wolfe hat eine Sprache, die man langsam und genüsslich schlürft - es ist Literatur, die Aufmerksamkeit verlangt. Und ich bemerkte: Das geht auf dem Reader ganz genauso wie beim Papierbuch - ich war drin, ich genoss - ich konnte nur wieder mehr am Stück lesen, weil die Augen nicht ermüdeten, weil ich die Lesebrille nicht brauchte. Ich blieb also sehr viel länger in der Geschichte drin. Alles also eine Frage des Trainings und Wollens?

Was mich beim Reader ablenkt, sind Dinge, die nicht der Reader zu verantworten hat, sondern unzulängliche Programmierung seitens der Verlage oder unausgereifte Technik, die sich schnell entwickeln wird. So nervte mich bei Wolfes Mammuterk, dass die Endnoten nicht als Link ansteuerbar waren. Ich konnte sie nur am Stück nachlesen, obwohl sie viel Text hätten erhellen können. Versagen des Verlags. Etwas anderes werden viele auch schon bemerkt haben: Von Büchern, die ich auf dem Reader lese, kann ich mir nur schwer Titel und Autor merken. Früher hat man ein Papierbuch zugeschlagen und hatte immer das Cover vor Augen. Das prägte sich ein und verknüpfte sich im Kopf fest mit dem Buch. Auf dem Reader schaltet sich dagegen ein Bildschirmschoner ein. Aber das sind technische Kinderkrankheiten. Irgendwann wird vielleicht das jeweilige Cover Bildschirmschoner werden.

Es gibt dann noch einen weiteren Nachteil beim Lesen auf dem Reader, der mit motorischen Abläufen zu tun hat und sogar noch schlechter läuft als beim Lesen am Computerbildschirm. Habe ich ein Buch, bei dem ich öfter zurückblättern muss oder spontan mitten im Buch etwas nachlesen will, so funktioniert das - motorisch gesehen - recht einfach beim Papierbuch: Ich habe meinen Finger zwischen den Seiten oder klappe ein Eselsohr um, lege Papier ein und kritzle sogar Notizen ins Buch. Das alles kann ich beim Reader auch machen! Aber von den Abläufen her ist es komplizierter, es funktioniert nach "Computerdenke" und ist oft sehr umständlich. Ich habe schneller eine Notiz auf Papier gekritzelt als in eine virtuelle Tastatur getippt, wo ich dann die Anmerkung außerdem erst über ein Menu suchen muss und aufrufen. Kurzum: Solche Bücher lese ich schlicht auf Papier, um mir diese Mühe zu sparen. Jedem Buch sein passendes Medium! Ich will jetzt gar nicht weiter auf die üblichen Argumente von Besitz oder Haptik und Schönheit der Gestaltung eingehen, weil das weniger mit Hirnfunktionen als mit Geschmack zu tun hat und natürlich auch über das Medium entscheiden kann.
 
Als Autorin umarme ich den Reader noch bei einem anderen Vorgang: dem Eigenlektorat, jenen Stadien des Feilens am Text, bevor man ihn ans eigentliche Lektorat gibt. Jeder, der selbst viel schreibt, kennt das Problem: Liest man seine eigenen Texte am Computerbildschirm oder in der eigenen Handschrift, ergänzt das Gehirn automatisch "richtig". Wir übersehen Schwächen und Fehler, weil unser Gehirn ja mehr weiß, als da geschrieben steht. Früher hat man den Trick angewandt, den Text "fremd" aussehen zu lassen. Ich habe die Datei einfach in eine andere Schrift und Breite gesetzt - schon musste ich aufmerksamer lesen. Heute gehe ich einen Schritt weiter. In der Endphase konvertiere ich mein Manuskript ohne viel Aufhebens auf meinen Reader. Plötzlich wirkt es wie ein fertiges Buch. Mein Leseverhalten ist völlig anders. Jetzt springen mir die Schwächen plakativ ins Auge. Ich finde sofort schwache Ausdrücke, Logikfehler, Redundanzen. Wenn das kein Deep Reading ist!

Meiner Meinung nach sollte man völlig entspannt mit allen verfügbaren Medien umgehen. Je selbstverständlicher man sie zu nutzen weiß, desto eher erkennt man ihre Schwächen und Stärken und kann nach Bedarf einfach umspringen ... von Papier auf Bildschirm, vom Bildschirm auf den Reader, ja, man kann sich sogar Papiernotizen zum Reader-Buch machen oder Dateien zum Papierbuch sammeln. Angst um mein Gehirn habe ich nicht. Im Gegenteil - ich habe den Eindruck, dass es dazulernt, dass ich mein Gedächtnis trainiere und mir heute noch viel mehr merken kann als früher. Ich möchte sogar so weit gehen und vermuten, dass ich durch das viele Online-Quer-Lesen auch Sprachen schneller lerne. Seit ich einen Reader habe, lese ich regelmäßig englische Bücher - dank des integrierten Wörterbuchs. Das trainiert meinen Wortschatz ungemein. Es trainiert sogar so gut, dass ich manchmal gar nicht mehr sagen kann, in welcher Sprache ich ein Buch gelesen habe.

Inzwischen kann ich auch online am Computer in Deep Reading Modus geraten. Wenn mich etwas ablenkt, dann ist es nicht das Lesemedium, sondern der Internetanschluss und eine möglicherweise vorhandene Disziplinlosigkeit meinerseits. Letztere könnte man positiv aber auch als Neugier und Forscherdrang begreifen ...

06.11.2014

Das Gartenbuch kaufen

06.11.2014 0
Ich habe kürzlich von meinem fertiggestellten Coffee-Table-Band "Der Garten der Malerin BiKo" berichtet - einem Farbband mit Fotos und Genusstext über den herrlichen Skulpturengarten und die Gemälde der Malerin Heiderose Birkenstock-Kotalla in Leichlingen an der Wupper (bei Solingen): hier Teil 1 und hier Teil 2 lesen (mit Fotos).


 Zwar war die Produktion ein Privatauftrag - das Buch wird vorwiegend von der Malerin selbst bei Ausstellungen und Events vertrieben. Aber weil doch auch Menschen das Buch kaufen möchten, die nicht in der Region leben, hat nun die Buchhandlung Kiekenap den Vertrieb des Buchs übernommen. Selbstverständlich können gern weitere Buchhandlungen das Buch in ihr Sortiment aufnehmen.

Wie kommt man an den schönen Fotoband?

Vor Ort in der Buchhandlung Kiekenap in Solingen
Online bei der Buchhandlung Kiekenap bestellen (und wer wie ich in diesem Shop kein Suchformuar und auch das Buch nicht findet: Einfach eine Mail schicken oder anrufen)
Facebookseite der Buchhandlung

Nur für Buchhändler:
Das Buch ist nicht im Barsortiment gelistet und muss direkt über die Künstlerin bezogen werden.

Und ich verspreche demnächst bessere Fotos auf meiner Website!

02.11.2014

Die Langsamen

02.11.2014 0
Vor einiger Zeit tauchte ich in eine seltsame Welt - eine Welt, die mir längst entschwunden schien. Sie berührte mich tief, aber ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten gelandet. Dabei hatte alles so harmlos begonnen: Mit einer Ritterrüstung an einem Hoftor, wegen der ich ziemlich auf die Bremse trat. Sie zog mich in den Bann, weil an diesem Bild sichtlich etwas nicht stimmte. Da musste etwas Außergewöhnliches los sein? Dieser Ritter zog mich in den Bann: der Körper eine womöglich alte Rüstung wie aus dem Film, an den Armen Stulpen vom Kettenhemd, allerlei Verdrahtungen ... und dann dieser alte rostige Eimer als Kampfhaube, mit jenem etwas dilettantisch wirkenden, blutroten Kreuz. Erst, als ich zu Fuß eintrat, bemerkte ich die Schaufensterpuppe in der Rüstung. Aber da war der Ritter schon ins Hintere einer Scheune verbannt.

Clash of Cultures? Und welche Seite hat den Tunnelblick?
Es gab an diesem sonnigen Nachmittag eine ernste "Ritterdebatte". Er könne die Veranstaltung womöglich stören, vielleicht auch nicht adäquat zum Niveau passen. Vielleicht würde er die Leute fehlleiten. Am Anfang, so erzählte man mir, sei er leer gewesen. Das habe noch dümmer gewirkt. Aber man habe doch nie damit gerechnet, dass man ihn so befüllen würde!

Ich befand mich bei einem Tag der offenen Ateliers im Elsass anlässlich des Kreuzstichfestivals. Das ist eine Veranstaltung, die Mehrzweckhallen, Vereinsräume und andere Orte nutzt, um eine Mischung aus historischen Fundstücken und Handarbeiten zwischen Profi- und Hobbyniveau zu präsentieren. Und natürlich kann man an diesen Tagen auch die heimischen Künstler besuchen, die dann zwischen Kunst und Kunsthandwerk jonglieren, um das typische Publikum zu befriedigen.

Aus einer Welt mit Social Media, virtueller Kunst-PR und sirrenden, quäkenden, nervenden Smartphones fiel ich in einen sonnenbeschienenen Hof der Ruhe, wo hinein die Menschen gemächlich flanierten, wo jeder jeden grüßte und die meisten ein paar Worte miteinander wechselten, wo man gemeinsam bei selbstgebackenem Kuchen und Kaffee saß. Alle Zeit der Welt blieb für die gemeinsame Ausstellung mehrerer Künstler - absolut liebevoll und mit Geschmack für Dekor und Inszenierung präsentiert. Und irgendwie für jeden Geschmack etwas dabei. Im Eingangsbereich stand ein Mann an der Drehbank, fertigte Obst aus Holz. Wo gebastelt wird, versammeln sich die Menschen, kommen die neugierigen Städter.

Während ich die rasende Reporterin spielte und in Ruhe Aufnahmen machte, hörte ich mit halbem Ohr zu. Keiner außer mir fotografierte, kein Smartphone wurde gezückt, kein Bild bei Facebook gepostet. Nicht etwa, dass die Menschen hier keine Smartphones hatten! Wer sich eine Adresse merken wollte, nahm sich papierene Visitenkarten mit und Flyer, die mit Word in "Comic Sans" gesetzt waren. Die Menschen an solchen Tagen verbinden die Bilder im Kopf mit Gesprächen und sie erzählen sich erstaunlich viel. So auch ein Tourist, der mit Familie an der Drehbank stehen geblieben war. Irgendwann ging es um Ahnenforschung, später um den Krieg und den Großvater ... man kam im wahrsten Sinne des Wortes von Hölzchen auf Stöckchen.

Der Mann klang aus mehrfachem Grunde beglückt. Fasziniert als deutscher Großstädter, weil er all die Hölzer betasten durfte, die weichen und die harten, die rohen Klötze und die polierten Endergebnisse. Fasziniert, weil er seine halbe Familiengeschichte erzählen durfte und ihm jemand zuhörte, weil ihm jemand weitere Details zur Geschichte lieferte. Froh womöglich, mit einem von den ehemaligen "Erzfeinden" so nett reden zu können, einem veritablen Franzosen. Vor allem aber erfüllte ihn ein Glück ganz unerwarteter Art: Er sah, wie aus einem rohen Stück Holz unter den Händen eines Kunsthandwerkers ein schönes Objekt wurde! Wir, die wir im Elsässer Wald ständig mit Holz umgehen, die wir solche Scheite in den Ofen schieben, konnten seine Reaktion zuerst gar nicht fassen: Der Mann bat darum, den Rest des Rohlings kaufen zu dürfen. Ein Stückchen Ast mit Rinde, wie es in jedem Wald zuhauf herumliegt, wenn die Waldarbeiter werkeln. Und er bestand drauf, zehn Euro dafür zu bezahlen.

Wir amüsierten uns natürlich, als wir uns ausrechneten, was für einen Ster Brennholz erwirtschaften könnten, wenn wir ihn in Stückchen an Großstädter in Deutschland verkaufen würden. Schnell war die Rechnung verdoppelt, als jemand auf die Idee kam, Holz von besonderen Kraftorten könne noch begehrter sein. Wir Landeier fanden das drollig und begriffen doch nichts. Wie weit hatten sich viele Menschen schon vom Handwerk entfernt! Wie viele Menschen wussten eigentlich noch, wie etwas in Handarbeit entstand? Denn hier mag einer der Zauber dieses Festivals liegen: Alle ausgestellten Stücke waren liebevoll und in Geduld in Handarbeit entstanden. Sie machten jemandem richtig Arbeit, lange Arbeit. Viel Arbeit. Arbeit, die wir in ihrem Sinn vielleicht gar nicht mehr verstehen können. Dieser Mann hatte ganz für sich den Wert von Arbeit entdeckt!

Liebe, Geduld, persönliche Geschichte: Handarbeit
So ein echtes Stück Kreuzstichtuch oder eine handgefertigte Patchworkdecke mit traditionellen Mustern einer Region, die eine Geschichte erzählen, könnte man einfach nicht adäquat aus China beziehen. Sie wäre erlogen. Holzbirnen mag es bei Ikea geben oder sonstwo im Ausverkauf. Man kann sie sicher im Internet bestellen. Aber es ist ein Unterschied, wenn man vorher das rohe Holz selbst befühlt hat. Wenn man den Menschen persönlich kennengelernt hat, der daraus die Birne drehte. Wenn man sich begegnete, Geschichte miteinander austauschte, Geschichten erzählte und den Duft des frisch gedrechselten Holzes roch. So eine Holzbirne ist fortan aufgeladen mit einem Ereignis und einer Begegnung. Der Ast ist nicht mehr irgendeiner - er erinnert einen an das Besondere. Jeder Ast, jeder Mensch wird wieder zu etwas Einzigartigem.

Ich bin an diesem Tag ohne Handy und Internet auf noch viel langsameres Leben gestoßen. Menschen, die eine Maschine entwickelt hatten, nur um etwas Bestimmtes basteln zu können. Menschen, die fast ein Jahrzehnt an einer Chronik recherchierten, um dann einen Aufsatz in einer Zeitschrift veröffentlichen zu können, die noch persönlich beim Herausgeber bestellt werden muss. Künstler, die Armut in Kauf nehmen, weil sie nicht anders können, als ihre Welteinsichten zu formen und ins Leben zu bringen. Menschen, die ohne Social Media bei einem Kaffee miteinander versumpfen, miteinander ein paar Stunden Leben teilen.

Dabei habe ich etwas gefunden, was jenem Touristen dieses Stück Ast war, weil es eigentlich unbezahlbar ist: Menschen, die von Herzen lieben, was sie als Hobby oder Beruf ausüben. Frauen und Männer, die mit Hingabe und Leidenschaft, Ausdauer und Kraft bei etwas sind - und die Schönheit in die Welt bringen. Ruhepunkte, Anker in jenem Weltenchaos, sonnige Stunden, in denen nur das Da-Sein zählt. Und nicht, was gerade am anderen Ende der Welt geschieht oder was ultrahip sein soll.

Soll der anachronistische Ritter mit dem Eimer auf dem Kopf besser leer sein oder gar verbannt werden? Was hat er bei dieser Veranstaltung zu suchen gehabt? Was sollte das blutige Kreuz, was die Plastikpuppe? - Ich stand wohl ziemlich alleine da, als ich das Ding so fasziniert fotografierte. Jener anachronistische Blechkerl, dessen Inneres ein Plastikkind ist, zeigte mir die Zerrissenheit unserer Gegenwart. Er ist ein bißchen wie wir. Drum hilft es nichts, wenn wir ihn nach hinten in die Scheune verbannen ... sein Geschepper wird dadurch nicht leiser. Wir sollten ihm vielleicht jetzt erst recht ins Gesicht schauen?

27.10.2014

Blaue Fluchten: neuer Lesestoff!

27.10.2014 0
Endlich ist es vollbracht - es gibt wieder neuen Lesestoff von mir. Diesmal versuche ich mich in einem kleinen Band in Kurzformen, hier der Klappentext zu "Blaue Fluchten: Etüden über das Leben im Zwischenraum":


Eine seltsam tönende Brücke, ein grell beleuchteter Kreisverkehr, eine Treppe im Dunkel – die Protagonistinnen dieser literarischen Kurzformen gehen allesamt unbekannte Wege. Längst sind ihre eigenen Wurzeln brüchig geworden. Zeitgeschehen oder Vergangenheit drohen sie einzuholen: ob in Paris oder Warschau, der Schweiz oder Deutschland, im unseligen Dorf T. oder fernab von Amerika.

In den „Etüden über das Leben im Zwischenraum“ erklingt Sprache wie Musik, verschmelzen Form und Inhalt von der notizenhaften Miniatur bis zur Kurzgeschichte. Oft von feiner Melancholie, immer liebevoll stellen sich die Menschen in diesen Geschichten mutig unvorhergesehenen Umbrüchen. Sie denken quer und fühlen tief.
Die elf literarischen Kurzgeschichten mit acht Fotonotizen sind bis 2. November einschließlich zum einmaligen Einführungspreis von 99 Cent erhältlich. Im Moment leider nur als Kindle, Epubs all meiner Bücher sollen folgen. Das Buch ist aber mit der kostenlosen Kindle-App auf fast allen gängigen Geräten zu lesen. Auf der Amazon-Seite gibt es außerem Zitate aus dem Buch, hier kann man es sofort herunterladen: Blaue Fluchten: Etüden über das Leben im Zwischenraum.

Und wie hieß es früher bei meinem Friseur auf einem Schild so schön: "Sind Sie mit etwas nicht zufrieden, sagen Sie es mir. Sind Sie zufrieden, sagen Sie es anderen!"

21.10.2014

Der Edelverleger müffelte ...

21.10.2014 0
Wer professionelle Dienste anbietet, bekommt in der Regel Anfragen oder Angebote. Von Menschen, die KundInnen werden wollen. Und in der Regel haben sie auch das Zeug dazu: Weil sie seriös sind. Weil sie die Arbeit von Profis - auch finanziell - zu schätzen wissen.
Vor etwa einem Jahr hatte ich dagegen eine Begegnung der absolut schrägen Art, deren abstrusen Anfang ich schon bei Facebook erzählt habe. Und weil die Welt so winzig ist, kam mir nun das Endergebnis unter die Augen, an dem ich schon von Anfang an nicht hatte mitarbeiten wollen, weil ich regelrecht roch, dass da etwas nicht stimmt. Auch Kunde werden will gelernt sein! Die Geschichte ist so schräg, dass ich sie erzählen will. Weil die Welt so winzig ist, habe ich sie derart anonymisiert und verändert, dass die Umstände nicht wiederzuerkennen sind.

Erfahrene Profis riechen unseriöse Angebote.
Ich war jemandem wegen meines literarischen Könnens aufgefallen und weil ich bei Verlagen wie Hanser und Suhrkamp verlegt wurde. So etwas passiert durchaus, es ist eine Visitenkarte, die mir auch schon einen Auftrag von der BBC eingebracht hatte. Nun kontaktierte mich ... sagen wir, Herr Z., seines Zeichens Edelverleger der höchsten Luxusklasse, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Er brauche dringend jemanden wie mich für ein Luxusprojekt. Neugierig ließ ich mich auf ein Treffen ein und war erstaunt: Der Herr Luxusverleger rauschte im Maßanzug ins Café, von anderen Insignien fehlender Armut ganz zu schweigen.

Da ist es passiert: Ich roch diesen nicht real vorhandenen Geruch. Es müffelte. Wenn ich mich sonst mit VerlegerInnen treffe, haben die meist Jeans an, sind eher bequem und lässig gekleidet, machen keinen Bohei um Äußerlichkeiten und tragen allenfalls eine besondere Brille. Die guten VerlegerInnen dieser Welt sind ja nicht zwingend reich, wenn ihnen nicht gerade ein Konzern gehört. Die leben in Büchern, nicht in Glamour. Ob Herr Z. wirklich echt war? Das Googeln des Namens auf der Visitenkarte nach dem Treffen brachte die andere Überraschung: ein Foto von einem Schloss. Schlau gemacht - man konnte beim besten Willen nicht erkennen, ob das der Firmensitz war oder einfach nur ein nettes Bildchen. Im ersten Fall würde das Ganze noch mehr müffeln, im zweiten wäre es schlau geschwindelt. Manchmal entwickle ich diese Neugier der verkappten Krimiautorin und will wissen, was für Abgründe sich noch auftun würden.

Der vor allem von sich selbst begeisterte Herr Z. ruderte viel mit den Armen, um mir ein "absolutes Traumprojekt" vorzuschlagen, das sowas von Luxusklasse schien, dass Suhrkamp wie eine Altpapierfirma dagegen erscheinen würde. Er versprach mir Ruhm, Karriere, ein Aushängeschild und leider keinen Dauerwohnsitz im Schloss. Es müffelte nun nicht mehr, die Sache stank. Ein Verleger, der einem sofortigen Ruhm verspricht, ist so real wie eine Arbeitsagentur, die den nächstbesten Dauerarbeitslosen als Chef der Agentur einstellt. Ich wurde noch neugieriger ... ich habe da eine durchaus marode Ader ...

In einem Team mit anderen Superprofis der maßgeschneiderten Schlossklasse sollte ich das zur Verfügung stellen, was ich richtig gut kann: Recherche, Wissen, Spezialkenntnisse zu einem Sujet und natürlich meine einzigartige Einzigart, Genusstexte für Leib und Seele und das Fegefeuer danach zu schreiben. Jüngere und unerfahrene KollegInnen wären hier womöglich eingeknickt. Lobhudeln streichelt ja das Schriftstellerseelchen. Aber ich habe gelernt: Profis können Talente würdigen, ohne zu schleimen. Sie rücken vor allem mit dem Anliegen heraus und wollen wissen, wie man zusammenkommen könnte. Ich kann nur eins sagen: Es klang sooooo verführerisch! Es wäre ein Leib- und Magenprojekt gewesen. Der Mann zog wirklich alle Register, um mich zu kapern.

Jetzt bin ich aber eine von den emotionslosen Tanten, die sich lächelnd verabschieden und darum bitten, einfach ein Angebot und einen Vertragstext zur Begutachtung zu schicken. Dann würde ich mir das überlegen und mich wieder melden. Leib und Magen kann ich nämlich nur füllen, wenn ich Geld verdiene. Von Lobhudel und Gesülze kann ich nicht abbeißen.

In den höchsten Tönen wurde mir ein ellenlanger Vertragstext zugesandt, den ich gleich an meinen Anwalt weiterleitete. Frau ist ja nicht auf den Kopf gefallen. Währenddessen hatte ich ergoogelt, dass Herr Z. mal unter reichlich unklaren Umständen einen Job in der Buchbranche verloren hatte und auf den alten Fotos Jeans und Pullover trug. Trau schau wem. Mein Anwalt rief an und feixte am Telefon. Ob er den Vertrag für seine Monstersammlung behalten dürfe. Der sei ja sowas von sittenwidrig, da wäre vielleicht ein einziger Paragraph von allen tragbar. Alles andere sittenwidrig. So betrachtete ich auch das Honorarangebot. Ein Buy-out für einen Preis, gegen den die Hausfrau, die fürs Anzeigenblättchen 30 Zeilen über den Häkelkurs schreibt, richtig reich ist. Nonchalant schrieb ich dem Herrn Z., wir könnten zusammenkommen, wenn mein Anwalt den Vertrag neu verfassen dürfe und das Honorar auf die übliche Höhe erhöht würde.

Herr Z. war entsetzt. Ich will meinen LeserInnen sein Greinen und Weinen ersparen, mit dem er Mitleid bei mir zu erregen suchte. Fast klang es so, als würde er nur wegen meiner Forderungen seinen Maßanzug ins Pfandleihhaus tragen müssen. Nun ist aber die Welt eben recht winzig, die von Maßanzugträgern sowieso. Mir kam zu Ohren, dass Herr Z. das Projekt bei anderen Kunden verkaufte - es nahm Eintritt dafür! Er nahm sehr viel Eintritt. Und weil jeden Tag ein Dummer aufsteht, weil jeden Tag jemand gebauchpinselt werden will und öffentlichkeitsgeil ist, bekam er offenbar genügend Eintrittszahler zusammen. Er wusste nicht, dass ich jetzt kalkulieren konnte und umso erschrockener über das Honorar war, das die Bezeichnung nicht verdient hatte. Zumal ich obendrein wusste: Er würde von den Eintrittszahlern verlangen, dass sie wiederum Geld für ihn verdienten. Aber alles in Schloß-und-Maßanzugsqualität! Ich lehnte ab mit dem netten Formbrief, er würde ja vielleicht für dieses Honorar ein paar StudentInnen finden. Mir tut das heute noch leid, wegen der StudentInnen. Die haben so einen nicht verdient. Aber ich dachte, endlich wäre Ruhe.

Weit gefehlt! Drei Monate später klopfte Herr Z. wieder an - er hatte offenbar niemand Dummen gefunden! Das Honorar sollte verdoppelt werden und war damit immer noch lachhaft. Ich hätte in seinen Kreisen vom Netto wohl zwei Mal essen gehen können. Dafür sparte er sich jetzt den Vertrag völlig: Wir machen das ohne Vertrag!

Ja, so dreist und irre können manche Maßanzugträger sein. Ich lachte mich krank. Ich erzählte Freunden, was mir passiert war. Wir lachten uns gemeinsam krank. Leider hielten mich ein paar Bekannte für überkandidelt, eingebildet und unmöglich: Ich sei einfach abgedreht, so einen Prunkauftrag abzulehnen. Ich lachte weiter und vergaß die Sache. Vorher googelte ich aber noch fleißig, weil ich durch ein vorheriges Luxusprojekt weitere, neue Daten an der Hand hatte. Und siehe da, der Herr Z. hatte Geschäftsverbindungen zu einer gewissen Firma, die sich mit dem Luxusnamen eines der größten deutschen Dichter neben Schiller schmückt - und lobte diese gar sehr. Ei, wer hätte das (nicht) gedacht! Ist es nicht eigenartig, dass manche Möchtegernkunden wie schlecht vergorener Teig sind? Sie müffeln nicht nur, sie stinken aus allen Poren. Faul.

Und wenn doch nur die Welt nicht so winzig wäre! Bei Facebook entdeckte ich eine, die der Herr Z. gekapert hatte und die jetzt für sich und den Herrn Z. Fotos gemacht hatte und ach so glücklich war. Und ich hatte mal wieder das Problem, Milchkaffee vom Bildschirm wischen zu müssen, weil ich so unbeherrscht losprustete. Es gibt nichts klebrigeres als Milchkaffee auf Bildschirmen und sittenwidrig handelnde Maßanzügler!

Nicht nur, dass ich mir Ruf und Karriere ernsthaft beschädigt hätte, wenn ich mit so einem gearbeitet hätte. Nein, das Endergebnis war auch noch so dilettantisch, geschmacklos und schlecht, dass es das Zwerchfell zusätzlich reizte. Ich kann die Kombination kaum beschreiben - es war etwas, als würde ein Edelzahnchirurg sein Wartezimmer mit seltenem Marmor auskleiden und die BLÖD-Zeitung auslegen. Es wirkte, als habe man vermeintlichen Genuss in die versiffte, von kaltem Rauch stinkende rote Plüschtapete eines Puffs kleiden wollen, das schon bessere Jahre gesehen hatte. Es war wie ein Verleger im falschen Schloss, wie verdorbener Teig im Maßanzug. Es war zum Fremdschämen.

Natürlich hat der grandiose Herr Z. keine wirklichen Profis gewinnen können. Das entsprechende Ergebnis wurde von Leuten erstellt wie meiner Tante Erna. Die lässt sich auch manchmal von vermeintlichem Geld und Protz blenden und wäre bereit, ihre Einkaufszettel mit Goldprägung zu verkaufen. Und weil die Welt so winzig ist, kommt mir auch zu Ohren, dass die ersten, die viel Geld gelöhnt haben, entsetzt sind. Tja. Pech gehabt. DAS Geld ist weg. Von solchen kaufen solche falsche Schlösser.

Trau schau wem. Seriöse und gute Verleger kommen selten im Maßanzug und leben selten in Schlössern. Und schon gar nicht verteilen sie sittenwidrige Verträge. Aber jeden Tag steht auf diesem Planeten eine neue Dumme, ein neuer Dummer auf. Und mit denen kann man's ja. Versprich einem Menschen Ruhm und Ehre - und du kannst dir das Rattenfängerflöten sparen. Nur: mit mir nicht!

06.10.2014

Der Garten der Malerin BiKo

06.10.2014 0
Hier noch ein paar ausgewählte Einblicke ins Buch, die vor allem verdeutlichen, wie kreativ man sein musste, um die abstrakten Malereien mit Gartenbildern zu einer "sprechenden" Einheit zu bringen. Bei manchen Kombinationen habe ich nach tagelanger Suche selbst Gänsehaut bekommen und war immer wieder begeistert, wie sich hier das Teamwork mit Hanspeter Ludwig bezahlt machte, der einfach einen professionellen Blick für Farbtemperaturen und Motive hat - während mir nach der Sichtung hunderter Fotos schon öfter die Augen übergingen ...
Fotos anklicken, um sie ganz anzuschauen, sie werden hier seitlich abgeschnitten.

Als mir dieses Foto in die Hände fiel, rief ich "Heureka" ... Stämme hatte ich doch schon auf einem Gemälde gesehen!

Manchmal sind es einfach die Farbtöne und Strukturen ...

Eins meiner Lieblingsgemälde voller Stofflichkeit - und der "magische" Mittelpunkt des Gartens

Der Blick des Buchgestalters - unübertrefflich!



Als ich das Foto von Frank Scheier sah, wusste ich, es müsse einen Ehrenplatz bekommen.



Feuertaufe als Verlegerin

Endlich ist es so weit: "Das Buch" ist da und nun kann auch das Geheimnis darum gelüftet werden. "Der Garten der Malerin BiKo" war ein privates Auftragswerk, bei dem die Edition Tetebrec als Dienstleisterin fungierte. Hier bekam die Kundin nicht nur die Autorenarbeit, sondern eine komplette Verlagsbetreuung aus einer Hand, ohne dass sie sich um Zulieferungen und Management kümmern musste - ich übernahm das Projekt also von der ersten Idee bis zur Auslieferung aus der Druckerei. Als Privatdruck wird es von der Kundin direkt verkauft werden.

Vorderseite. Das Buch ist real schilfgrün mit einem Japanpapierdruck

Rückseite von "Der Garten der Malerin BiKo"
Die Aufgabe: Das Lebenswerk der Malerin Heiderose Birkenstock-Kotalla, genannt BiKo, in einem edlen, repräsentativen Bildband mit beiliegender Musik-CD festzuhalten. Auflagendruck im Offset mit Fadenheftung, Hardcover (seidenmatt), 103 Seiten, Format 26,5 x 25,5 cm, durchweg vierfarbig, mit Einlegelasche für die CD. Die Texte, die auch ohne realen Gartenbesuch zum sinnenreichen Erleben einladen sollen, stammen von mir. Das Lektorat besorgte Jan Schuld mit genauem Blick, feinem Gespür für Sprache und das Sujet. Die Gestaltung kam von Hanspeter Ludwig, mit dem die Zusammenarbeit eine Freude war, so dass ich mich bei der Konzeption des Buchs blind auf seinen professionellen Blick verlassen konnte. Drucken ließen wir bei Monsenstein & Vannerdat mit viel persönlichem Service der Mitarbeiterinnen und Extrabeistand von Johannes Monse für die Extrawürste. Nadia Birkenstock lieferte ihre CD zum Buch mit keltischen Harfenklängen, die ideal zum Wesen des Parks passen.

Die großen Fotos anklicken für einen Gesamteindruck (sie werden sonst rechts abgeschnitten)

Architektur, Skulpturen und ausgewählte Pflanzen machen diesen Garten zum Gesamtkunstwerk

Die Herausforderung: Dieses Lebenswerk besteht aus den Gemälden der Malerin, aber auch aus einem parkähnlichen Garten mit Kunstobjekten befreundeter KünstlerInnen in Leichlingen bei Solingen. Kunst trifft auf Garten - und das mit Fotos von mehreren Fotografen sehr unterschiedlicher Prägung. Da sind Fotos vom preisgekrönten Gartenfotografen Jürgen Becker, aber auch von Peter Berth, Frank Scheier, Hans-Jürgen Schmatz und ein paar wenige von mir selbst - also die Bandbreite vom Spezialisten bis zum Laien, und das in sehr unterschiedlichen Stilen und gefühlt in "Tonnen" von Material, das jedoch nicht durchweg für das Projekt oder für den Druck geeignet war und darum akribisch gesichtet werden musste.




Fotoprofi Jürgen Becker und Gestaltungsprofi Hanspeter Ludwig: Einzelblicke wirken wie ein Panoramabild

Meine Konzeptionsidee: Kein Sachbuch, sondern ähnlich wie bei meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" ein erzähltes "Genussbuch". Die übliche Herangehensweise von Gartenabhandlung und "Kunstkatalog" völlig aufzubrechen, indem ich Garten und Kunst in Beziehung zueinander setze und die Kunstreproduktionen so zu Gartenbildern kombiniere, dass beides miteinander spricht und über die Bildtexte außerdem eine weitere Erzählebene liefert. Dafür die drei Kapitel des Buchs relativ kurz gehalten: Eine erzählerische Einführung in die Geschichte des Gartens und worum es darin geht, dann eine Art erzählter Rundgang, bei dem das Gesehene (und mit anderen Sinnen Aufgenommene) im Wesen des Gartens und seinem besonderen Charakter gipfelt ... um dann im dritten Teil die Bedeutung der Kunstwerke mit dem Garten in Beziehung zu setzen. Das alles natürlich immer fokussiert auf die Künstlerin und Gestalterin, ihre Persönlichkeit, ihr Leben. Zwischen die Kapitel haben wir reine Bildstrecken geschaltet, wo etwas poetischere Bildtexte die inneren Bilder der Betrachter zum Foto anregen sollen. Titelbild und Stil (klar, edel) wurden von der Kundin aus mehreren Entwürfen ausgewählt.

Sprechende Motive in Einklang mit dem Text bringen ...

Gestalterisches Element: Unterschiedliche Rhythmen und Farbgebungen bei der Fotoauswahl
Ich lasse jetzt einfach Fotos vom Buch sprechen. Gebe allerdings zu bedenken, dass weder ich noch meine Kamera für Reprofotos geeignet sind und das Licht lausig war. Das seidenmatte Papier schaut sich real sehr schön an - ich mag es lieber als Hochglanzpapiere. Leider spiegelt es dann auf manchen Fotos durchs Sonnenlicht. Kurzum: Real ist das ein wunderschöner Coffee Table Band mit brillanten Farben geworden.

Drittes Erzählelement: Bildtexte. Betont sachlich bei der Kunst, poetischer beim Garten.

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21.09.2014

Wie wär's mal mit Gemütlichkeit?

21.09.2014 5
Ich hatte schon immer ein Herz für Krimis. Nicht zuletzt deshalb durfte sich der kuriose Dan Rocco alias Dirt Diggin' Dog bei mir mit seinem skurrilen E-Book "Rouge & Revolver" austoben, auch wenn seine Leichen reichlich abstrus in Gurkenfässer und Karmafluid fallen. Was ich aber gar nicht abkann: Diese ach so hippe Serienmörderperversionsbrutaloblutsuppe, die sich angeblich vor allem brave Hausfrauen am laufenden Kilometer reinziehen, anstatt ihrem Ehemann laut zu sagen, warum sie so aggressiv gelaunt sind.

Der Mörder ist nicht immer der Gärtner!

Ich mag auch nicht immer brutalere und grausamere Fernsehkrimis, wo ich quasi live beim Sezieren in Brustkörbe eintauche oder mir in minutenlangen Einstellungen mitansehen muss, wie ein gescheiterter skandinavischer Alkoholiker jungen blonden Frauen bei lebendigem Leib die Leber in Stückchen herausschneidet, nur, weil ihm seine blonde Mutter gesagt hat, er solle gefälligst aufhören, auf den Nägeln zu kauen!

Ausgerechnet ich, die ich die gesammelten Werke besitze von Leuchten wie Dashiell Hammett, Ross MacDonald oder Raymond Chandler ... ganz zu schweigen von den großen Engländerinnen wie Dorothy Sayers, Agatha Christie, Martha Grimes oder P. D. James, finde in meinem Lieblings-Genre zwar jede Menge einfallsloser Cover in Schwarz-Weiß-Rot-Optik, aber kaum noch Lesbares. Tana French und Ian Rankin waren meine letzten Entdeckungen - bevor ich allerdings einen skandinavischen Krimi lese, kann ich gleich zu viel Wodka trinken. Aber ich kann doch nicht immer nur Inspektor Barnaby anschauen (und dabei einschlafen)!

Ich weiß, in Midsomer fallen wahrscheinlich mehr Menschen tot um als unter der Schreckensherrschaft des durchgeknalltesten Serienmörders. Man kann solchen Krimis eine Menge vorwerfen: Vom öden Seniorenfutter bis zur fragwürdigen Perversion, mordlüsterne Dorfbewohner zu verharmlosen, als seien sie Dekor aus einem Pilcherfilm. Aber eines sind sie immer: Whodunnits, die guten alten Rätselkrimis, bei denen man sich eigentlich am eigenen Scharfsinn ergötzt und daran, dass die chaotische Weltlage am Ende endlich wieder in Ordnung gebracht wird. Kann es sein, dass mit der derzeit grausamen und brandgefährlichen Weltlage das Bedürfnis nach einem schön gestylten "Kuschelmord" wieder wächst? Für alles andere haben wir doch die IS und die Ukraine?

Gärten verraten viel über Menschen. Auch über Mörder ...

Jedenfalls ist mir etwas Nettes passiert: Durch meinen frisch operierten Hund ein paar Tage außer Gefecht gesetzt an einem Laptop ohne Internet, kramte ich meine Festplatte durch. Und fand einen nunmehr sechs Jahre alten Text, der so beginnt:
Es war einer jener Tage, an denen zwei Dinge besonders nervten: hohe Brennnesseln und wunderliche alte Damen.
Nie wieder werde ich Romane schreiben, dachte ich ein Jahr nach Verfassen der rund 160 Seiten. Denn ich hatte damals einen völlig unerklärlichen Reinfall erlebt: Mein Agent bekam das Manuskript auch im großen Verlagsdurchgang nicht los. Nicht etwa, weil es schlecht gewesen wäre. Lob kam aus den feinsten Verlagen, ein paar besonders mutige Lektorinnen gestanden heimlich, echtes Vergnügen empfunden zu haben. Aber solche Krimis wolle keiner. Das dürften sie nicht ankaufen. Viel zu gemütlich! Das könne ich in England loswerden, wenn ich Engländerin wäre, womöglich sogar als Lizenz nach Deutschland verkaufen (welche Perversion!). Das seien ja Dorfzustände wie in dieser "neuen" Serie, wenn auch rasanter und humorvoller ... also dieser komische Barnaby, den ja garantiert kaum jemand gucken würde. Ob ich nicht was mit Serienmördern hätte. Härter bitte, ein wenig Folter, mehr Blut. In meinem Manuskript floss leider gar keins sichtbar.

Die Ideen liegen auf dem Lande auf der Straße ...

Regiokrimi wollte ich auch nicht. Zu viel Lektorenbaukastenwünsche. Nein, mein Rosenried ist eine fiktive Region wie Midsomer ... nur die Orte am Rande lassen einen rätseln, ob es diese Landschaft nicht doch gibt - aber die Welt selbst mit ihren skurrilen Bewohnern ist natürlich dreist erfunden und erlogen!

Tja, damals war ich noch naiv und glaubte den Verlagsleuten ihr Bild vom "gemeinen Leser". Sechs Jahre später lese ich das Manuskript äußerst selbstkritisch und bin ... begeistert! Das bin ich selten von eigenen Texten. Aber ich bin mir sicher, dass heute der Hunger da draußen nach mehr Gemütlichkeit noch größer ist als damals. "Cozy mystery" ("cozies"), ein echt englisches Untergenre wie die "amateur sleuths", muss ganz und gar nicht daherkommen wie eine Seniorensendung zum Altenheimabendbrot um 17 Uhr! Es darf durchaus psychologisch genau Menschen nachzeichnen und die heutige Gesellschaft vorführen. Aber es soll, verdammt noch mal, vor allem richtig gut unterhalten und darf dann auch mal die Folterbilder aus den Nachrichten mit Bildern von netten, sauberen Leichen überlagern, wie sie sie Tante Erna und Onkel Erwin am heimischen Kamin ermordet haben könnten. Meine Liebe zu Miss Marple kann ich nicht leugnen.

Ich wollte nie wieder Romane schreiben. Aber was geht mich mein Geschwätz von gestern an?

Nie war die Zeit reifer für Gemütlichkeit. Und mein Ermittlertrio um die Hilfsgärtnerin Amanda Joos ist nicht totzukriegen!
Nicht, dass ich jetzt demnächst damit herauskäme oder sonst nichts zu tun habe. Geldverdienen geht natürlich vor. Aber ich gestehe: Ich habe die konzentrierten Tage damit zugebracht, das Manuskript aus dem wohltuenden zeitlichen Abstand heraus gründlich zu lektorieren. Heute kann ich Dinge, die ich damals nur ungenügend schaffte. Heute weiß ich, wie es geht. Und wenn mal wieder ein mieses Fernsehprogramm mit blutstrotzenden Folterkrimis läuft, dann schreibe ich mir meine Leichen selbst schön. Man hat ja sonst keine Hobbys.

Aber mal ehrlich: Ich kann doch nicht einen Text von 160 Seiten, wo gerade eine zweite Leiche auf einem Komposthaufen gefunden wird, der auch noch frisch überarbeitet wurde (der Text, nicht der Kompost), einfach wegwerfen? Was für ein Verbrechen! (Was für ein mieser Bandwurmsatz). Zumal mir dieser lange Schlaks von scheinbar (!) dämlichem Kommissar mit seiner Marzipansucht schon genauso ans Herz gewachsen ist wie die schräge Ela mit ihrem polnisch-absurden Humor. Ich kichere immer noch, wie die ihren Schwiegersohn in spe beim angeblichen Augenzeugen einschleust ... oder über Hildegard Nöten, die Dorffrau in Kittelschürze, die um den Kaplan herumscharwenzelt, der sich viel zu gut mit Pflanzengiften auskennt. Ach, hab ich schon von der schönen jungen Frau erzählt, die alles mit einem tiefen Lungenhauch spricht? Oder wie Amanda in die Kondolenzrunde auf dem Dorf platzt, die in ein lustiges Bierbesäufnis ausartet?

PS: Ja, ich erzähle diese Geschichte seit wahrscheinlich sechs Jahren immer wieder. Aber Schriftsteller brauchen das manchmal. Während sich der Rest der Welt Mut mit Alkohol antrinkt, müssen wir uns Mut anschreiben.

09.09.2014

Jagdfieber

09.09.2014 0
Kürzlich habe ich mein neues Buchprojekt beschrieben. Darin heißt es: "Und vielleicht kann ich das ein oder andere Foto aus jener Zeit, aus jener exotischen Gegend beschaffen." Das ist nun Schnee von gestern. Es kommt mir zugute, dass ich professionelle Recherche gelernt habe und auch schon für Verlage Abbildungen suchen durfte - nun bin ich nämlich in eigener Sache versumpft in Museen und Archiven, Fotodatenbanken, rund um den Globus dank Internet. Und nach ein paar Stunden bin ich derart vom Jagdfieber gepackt wie schon lange nicht mehr!

Ich habe nämlich Fotos gefunden, die alles übertreffen, was ich mir erhofft habe. Es geht um die Zeit um etwa 1900 - allein deshalb ist es schon ein Glück, wenn man Bildmaterial in ausreichender Qualität findet. Nun aber bin ich sogar auf eine damals absolut populäre Erfindung gestoßen: Stereokarten! Man hat um die Jahrhundertwende Stereoskopien verschickt, die man mit einem speziellen Aparat anschaute, die aber auch bei leichtem Schielen zu einem 3-D-Bild werden. Kaum zu glauben, aber ich halte solche Bilder von den Schauplätzen jenes Romans und der Tagebücher in Händen. Ob das auch auf dem E-Reader funktionieren wird? Doch nicht nur das ... anderes Material zeigt Menschen, die im Buch vorkommen, selbst vom Schiff, mit dem die Autorin ans andere Ende der Welt reiste, gibt es Fotos! Das Material ist so fantastisch, dass es nicht nur mein Essay beeinflussen wird, sondern parallel zu den Texten eine beredte Sprache spricht. Teilweise ist es allerdings auch von einer Brutalität, wie man sie heutigen Medien vorwirft, Bilder, die sich damals durchaus auch in den Boudoirs der Damen der Gesellschaft wiederfanden. Kurzum: Zeitzeugenmaterial, von dem man nur träumen kann.

Zu früh frohlocken sollte man jedoch nie: Es bleibt mir noch ein gutes Stück Recherchearbeit um die Rechte vor allem einer Firma, nebst Rücksprache mit dem Anwalt bei den kniffligeren Fällen. Leider wurden da Copyrights nach Auflösung der Firma weiterverkauft. Internationale Fotorechte sind ein schwieriges Kapitel, zumal sich die Gesetze sei 1900 auch ständig verändert haben. Aber selbst mit dem garantiert rechtefreien Material kann ich schon fein illustrieren.

Damit kommt eine weitere herausgeberische Frage auf mich zu. Der Text hat jetzt schon ca. 400 Seiten. Natürlich kann man E-Books unendlich aufblasen, sie kosten ja kein Papier. Aber sind sie dann noch lesefreundlich? Oder verträgt ein solch reichhaltiges Buch nicht vielleicht sogar zwei Bände? Sollte ich lieber auf zu viele Fotos verzichten? Es bleibt spannend.

PS: Ich hätte gern eine Kostprobe der Bilder hier gezeigt, aber dann ist eindeutig klar, wo das Buch spielt. So viel will ich noch nicht verraten.

05.09.2014

Projekt Blau: eine faszinierende Frau

05.09.2014 0
Es gibt doch nichts Schöneres auf der Welt, als endlich mal wieder ein Buchprojekt zu machen, das ich mir selbst mit Herzblut ausgedacht habe, das mich fasziniert und von dem ich finde: das muss die Welt lesen! Keine Angst, ich spreche diesmal nicht von mir, so selbstverliebt bin ich dann doch nicht. Alles fing mit einem zufälligen Trüffelfund an, einer Jagd in den Antiquariaten und einiger Recherche rund um den Globus. Die Edition Tetebrec hat damit für die Zukunft eine neue Reihe - faszinierende Frauen. Und ein erstes Projekt, das bereits etwa 400 Normseiten hat, und das ich "Projekt Blau" nenne, um nicht zu viel zu verraten.

Projekt Blau: drei Bücher in einem?
Die "pinke Reihe" - Protest gegen Barbie auf dem Ponyhof

Die Reihe, die im Laufe der Zeit entstehen soll, heißt in meinem Kopf noch "die pinke Reihe", weil sie aus Auflehnung gegen das Barbiekonzept der Frau und all die modernen rosa Verlagsbücher entsteht, in denen es vor unbedarften Prinzessinnen nur so wimmelt. Mir erscheint das wie ein Rückschritt, denn in meiner Studentenzeit boomte nicht nur die feministische Bewegung, wir lasen auch reihenweise gescheite und aufregende Bücher in Reihen wie z.B. "neue frau" bei rororo (1977 am Start). Heute findet man unter diesem Titel eine Buntpapiersammlung, pardon Zeitschrift, mit Kochrezepten und Yellowpress-Geschwätz.

Und das ist in meinen Augen so symptomatisch für unsere Zeit: Wir haben scheinbar die Frau zur Protagonistin in der Literatur befreit, aber sie ist zum Abziehbild oft extrem konservativer Rollenklischees verkommen. Die toughe Chicklit-Heldin hat hippe Trendberufe, schmeißt Haushalt, Kinder und Beruf mit Links und sucht doch auch nur wie das verlorene Mädel von einst nach dem Märchenprinzen. Parallel dazu verdingen sich Autorinnen überproportional oft in unteren Honorarbereichen, schaffen Kilometer und Tonnen massenkompatibler Unterhaltungsbücher, während die Herren der Schöpfung nach wie vor die literarischen Buchpreise, Stipendien und Kritikerposten im Feuilleton dominieren. Wir Frauen wollten in den 1970ern und 80ern die Welt verbessern, in vielen Teilen haben wir das auch geschafft. Aber die Buchwelt ist heute so "rosa" wie nie!

Ich bin ein Mensch, der sich bei Büchern wenig um Geschlechter schert. Ich hatte noch nie Probleme damit, mich mit männlichen Haupftfiguren zu identifizieren und manche weiblichen doof zu finden. Ich finde Menschen spannend. Und deshalb kann ich auch gut über Männer schreiben - wenn sie guten Stoff hergeben. Mich regen Bücher von Männern und über Männer nicht auf. Drastisch gesagt: Mich regen diese rosa Weibsbilder auf, die auf dem Ponyhof dem nächsten Zweibeiner entgegenschmachten und ihr Hirn im Spitzenhöschen verlieren. Denn da draußen gibt es so viele hochspannende, erschreckend aktuelle, absolut faszinierenden Frauengestalten, die wir unter all unseren Hypes und Trends vergessen haben. Die will ich sichtbar machen. Denen will ich einen Platz für ihre wunderbaren Texte geben und Gehör verschaffen. Nichts gegen Ponyhöfe - auch die haben ihre Berechtigung. Nur mir persönlich reichen sie nicht.

Meine "pinken", frech magentafarbenen Frauen sind leider alle schon länger tot. Aber genau deshalb können sie etwas, was den lebenden Autorinnen in diesem Ausmaß oft nicht gelingen mag: Sie spiegeln unsere Zeit, unsere Gesellschaft, uns selbst. Wie weit haben wir uns von dieser Welt entfernt? Wie sehr sind wir ihr noch verhaftet? Sind wir wirklich so modern, wie wir glauben? Könnten wir an dieser Spiegelung wachsen, von ihr lernen?

Das Projekt Blau

Am Anfang steht ein mitreissender Roman einer völlig vergessenen Autorin. Die Protagonistin ist edel und unglücklich verheiratet, bewegt sich in adligen Kreisen und jettet mit den damaligen Fortbewegungsmöglichkeiten um die Welt. Innerlich vereinsamt in der High Society von New York gelandet, geht sie mindestens brieflich fremd und zeigt ihr wahres Frausein einem Mann gegenüber, der unerreichbar am anderen Ende der Welt verschollen scheint. Er ist Abenteurer, Forscher, Weltenbummler - lebt genau das, was die gut behütete Protagonistin gerne leben würde, wäre sie denn frei. So bleiben ihr ein entlarvender Humor und die Feder als Seziermesser, um die Gesellschaft um sich herum zu entlarven und nebenbei auch recht klug zu politisieren. Letzteres ist fast unauswechlich, denn die Welt scheint zum Pulverfass geworden zu sein. Unerwartete Konflikte putschen sich in eine Waffengewalt hinein, die das gesamte System bedroht.

Ein Roman, mitreißend, rasant und auch sehr gefühlvoll geschrieben, überraschend modern und lesbar, erfreulich klug, humorvoll und sensibel in seiner Beobachtung. Sofort nach Erscheinen wurde er in mehrere Sprachen übersetzt und ein Weltbestseller.

Aber der Clou kommt erst noch. Die Autorin ist nämlich ebenfalls höchst unglücklich verheiratet, zwei Mal sogar. Sie geht in höchsten Adels- und Politikerkreisen ein und aus, hat Beziehungen zum kaiserlichen Hof. Sie reist um die Welt. Und viele der Figuren in ihrem Roman erscheinen so lebendig, dass sie echt sein könnten. Das hat auch ihre Umwelt damals begriffen. Die Autorin war eine der ersten in der Geschichte, die von der damals aufkommenden Boulevardpresse wahrhaft verhackstückt wurde. Man warf ihr vor, sich an respektablen Berühmtheiten vergangen zu haben. Man warf ihr vor, in ihrem Roman mehr Tatsachen als Erfindung eingebaut zu haben. Hat sie das?

Den Roman der Autorin kann man beim Projekt Gutenberg und anderswo kostenlos nachlesen. Die Leistung in meiner Neuausgabe besteht darin, dass ich ihn nicht einfach nur vervielfältige und gar allein stehen lasse. Ich habe ihre Tagebücher gefunden und stelle zum Roman genau die Passagen, die der Geschichte des Romans vom Handlungsort her entsprechen. Plötzlich bekommt die fiktive Geschichte Verknüpfungen in eine Realität hinein. In die Realität eines brutalen politischen Machtkampfes und einer zerbröckelnden Gesellschaftswelt, in die Vorwehen eines Untergangs hinein, die erschreckend an moderne Konflikte der jetzigen Zeit erinnern. Werden wir die Weltlage so klug mit Abstand betrachten können? Oder blind in die Zukunft wanken wie jene dem Kapitalismus verfallene Adelswelt jener Zeit, die betrunken auf dem Vulkan tanzt?

Und da oszilliert noch etwas: Selbst die Tagebücher sind brillant geschrieben. Inwieweit inszeniert sich eine Schriftstellerin bis ins private Schreiben hinein - und wie stark entlarvt sie ihr Selbst in der Fiktion? Wo und wie lebt diese Frau ihre wahre Wunschrolle aus, wo scheitert sie an Konventionen?

Beide Texte habe ich behutsam an heutige Schreibweisen angeglichen und vor allem mit Kommentaren und Übersetzungen versehen. Der Roman ist flüssig zu lesen. Aber das polyglotte Deutsch der Oberschicht von damals, wie sie es in den Tagebüchern benutzt, ist heute nicht mehr für alle verständlich. Hier hat sich in Sachen Bildung von breiten Schichten leider wenig getan.

Aus der Gegenüberstellung von Fiktion und Realität mögen sich die Leserinnen und Leser eigene Bilder und Vorstellungen erschaffen. Das liest sich dann stellenweise, als hätet jene Autorin neben ihrem Roman gebloggt oder bei Facebook aus ihrem Leben erzählt. Aber bleibt da nicht ein Hunger? Den will ich mit einem Essay stillen. Einem Essay über jene faszinierende, völlig vergessene Schriftstellerin und ihre Zeit, auch mit geschichtlichen Erklärungen, was damals wirklich geschah. Politisch wie im privaten Leben. Und vielleicht kann ich das ein oder andere Foto aus jener Zeit, aus jener exotischen Gegend beschaffen.

Der Text der Printversionen, die ich beschafft habe, ist so weit überarbeitet und korrigiert, dass er erfasst werden kann. Es müssen nun die Übersetzungen und Kommentare eingefügt werden und dann geht es an das Essay. Ich komme gut voran. Nur muss ich mir einen besseren Reihentitel ausdenken als "die pinke Reihe" ...
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